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Die Provence – Reise ins Licht

20. Februar 2014 in Tourenberichte und -tipps, User-Blog

Haute-Provence In der Haute-Provence, dort wo die Provence schroff und spröde getrieben werden, liegt ein Tourenparadies par Excellence. Kurvenreiche Passstraßen und türkisfarbene Seen spiegeln den Charme dieses Landstrichs ebenso wieder wie verwinkelte Städtchen mit malerischen Cafés und von Platanen umrahmte  Plätze. Künstler wie Cézanne, Picasso, Matisse, Renoir – alle frönten sie der Schönheit der Landschaft und schwärmten vom intensiven und doch weichen Licht der Provence

Der Pinienzapfenzug – auf wackeligen Gleisen durch die Provence

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Train des Pignes (Pinienzapfenzug)

Wir waren schon oft in der Haute-Provence, doch es gibt glücklicherweise immer wieder etwas Neues zu entdecken. Ich hatte etwas von einer kleinen Eisenbahn gehört, welche über eine der reizvollsten        Bahnstrecken Frankreichs von Digne-les-Bains, der Präfektur des Département “Alpes de Haute-Provence” nach Nizza fahren soll. Ein Blick in die Welt von Google gab mir Gewissheit – es gibt diesen Zug wirklich. Er nennt sich offiziell „Chemins de fer de Provence“; im Volksmund „Train des Pignes“ (Pinienzapfenzug) genannt. Die Langsamkeit des Zuges soll auch der Grund für den außergewöhnlichen Namen sein. Während der Fahrt konnte man früher angeblich gemütlich Pinienzapfen sammeln. Das könnte stimmen, denn für die 150 Eisenbahnkilometer Richtung Mittelmeer benötigt der dieselbetriebene Schienenbus fast dreieinhalb Stunden. Wir beschließen deshalb, heute nur die halbe Strecke zu erkunden.

Die Fahrt beginnt am Bahnhof von Digne-les-Bains, dessen große Bahnhofsuhr schon vor Jahren stehen geblieben ist. Gras wächst kniehoch zwischen verrosteten Gleisen, an denen der Zahn der Zeit nagt. Der Bahnhof hat schon bessere Zeiten gesehen.
Der blau-weiße Triebwagen rattert mit durchdringendem Pfeifen aus dem Bahnhof. Über 60 km/h erreicht der Triebwagen auf der schmalen Spur. Der Motorenlärm ist gewaltig. An jeder Ecke quietscht es. Entlang der “Route Napoleon“ schlängelt sich der Schienenstrang vom 600 Meter hoch gelegenen Digne durchs wildromantische Tal. Vor jedem Hilfsübergang und jedem Tunnel wird lautstark Signal gegeben. In einer Mischung aus Geister- und Achterbahnfahrt überwindet der Zug auf uralten Schienen 15 Viadukte, 16 Steinbrücken und 25 Tunnel. Die Strecke gilt daher als Meisterwerk der Ingenieurkunst. Eine technische Meisterleistung ist die Kreiskehre von Le Fugeret. Der Gleiskörper windet sich in einer imposanten Schleife a
m Berghang entlang und dreht sich dabei um mehr als 180 Grad. Für Eisenbahnfreaks hat die Strecke einiges zu bieten. Auf oder neben den Schienen gibt es noch viel altes „Material“ zu sehen. Da bekommt so mancher Nostalgiegefühle. 

Entrevaux

Entrevaux – die “Uneinnehmbare”

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“Musee Moto”

Wir passieren einsame Bahnhöfe mit freundlichen Bahnhofsvorstehern und kleine Bergdörfer, an denen die Zeit spurlos vorbei gegangen zu sein scheint. An der Strecke winken Leute, die mitgenommen werden wollen. Dann der erste Stopp irgendwo in den Pinienwäldern an einem winzigen Bahnhof, der einem Wartehäuschen ähnelt und auch die Kulisse für einen Historienfilm sein könnte. Eine halbe Stunde später müssen wir in einen Reisebus umsteigen. Vor uns sind Gleisarbeiten. Der Bus brettert über die Landstrasse zum nächsten Bahnhof, als gäbe es kein Morgen. Ich sitze in der ersten Reihe und bekomme Schweißperlen auf der Stirn. Selten sind wir derart durchgeschüttelt worden. In Thorame-Haute wechseln wir glücklicherweise wieder in den Zug und erreichen unbeschadet Entrevaux, auch „die Uneinnehmbare“ genannt. Der 700 Seelen Ort mit seinen mittelalterlichen Stadttoren klebt wie ein Schwalbennest am Berg. Zahlreiche Häuser sehen aus, als wären sie schon seit Jahrhunderten nicht renoviert worden. Über allem thront eine imposante Zitadelle auf steilem Fels, welche vom Festungsbaumeister Vauban errichtet wurde. Wir schlendern durch die Jahrhunderte alten Gassen und sind schon fast mit einem
Bei
n im Knast. Der war früher direkt hinter dem Stadttor und kann heute noch besichtigt werden. Entrevaux ist eine Art bewohntes Freilichtmuseum. Umso mehr fällt uns das vergilbte Schild “Musee Moto” an einer Hauswand auf. Neugierig folgen wir den Wegweisern durch die engen Gassen und finden das wahrscheinlich kleinste Zweirad-Museum der Welt. Es sind Motorräder und motorisierte Fahrräder, welche die Brüder Michel und Franck Lucani hier ausstellen. Das Gewölbe, kaum größer als zwei Wohnzimmer, beherbergt über einhundert seltene Schätzchen. Der Eintritt und das Staunen sind kostenlos; eine Spende in die alte Blechtasse am Eingang ist natürlich willkommen.

Zurück in Digne-les-Bains machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp im „Maison de Pays“ und decken uns mit landestypischen Produkten ein: Wildschweinsalami, Pastete, Ziegenkäse, Lavendelhonig und…und…

Aix-en-Provence – Die heimliche Hauptstadt der Provence

Wir hatten am gestrigen Abend einen Bericht über die historische Hauptstadt der Provence gelesen und beschließen beim Frühstück zwischen Croissant und Baguette spontan, der alten Universitäts- und Thermalstadt einen Besuch  abzustatten.

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Aix-en-Provence

Aix, angeblich die beliebteste Großstadt Frankreichs, zählt rund 144.000 Einwohner, darunter über 35.000 Studenten. Wir lassen uns durch die pittoresken Gassen der Altstadt, vorbei an barocken Stadtpalästen, Kirchen und verschwiegenen Plätzen, treiben und nehmen das mediterrane Flair der Stadt in uns auf. Enge Gassen führen uns zum Obst- und Gemüsemarkt auf dem „Place Richelme“ hinter der alten Getreidehalle „L’ancienne Halle aux Grains“. Hier trifft sich, so scheint es, die ganze  Stadt. Bei einem Glas Rotwein oder einer Tasse Cafe genießt man die Sonne und schwätzt über die Neuigkeiten des Tages. Südliches Leben wie aus dem Bilderbuch.

Ein Besuch in Aix ist nicht vorstellbar ohne einen Bummel über den Cours Mirabeau. Dieser geschichtsträchtige Boulevard wird von alten Platanen, 4Aix3Cafés und eleganten Stadtvillen gesäumt und ist einer der beliebtesten und auch belebtesten Punkte der Stadt. Der Gesang der Zikaden vermischt sich mit dem Plätschern der Brunnen im Sonnenlicht der Provence. Am Ende dieser Flaniermeile stoßen wir auf den riesigen „Rotonde-Brunnen“.1860 errichtet wird er von 3 Statuen gekrönt, welche die Justiz (Richtung Cours Mirabeau), die Landwirtschaft (nach Marseille schauend) und die Schönen Künste (Avignon im Blick) symbolisieren. Hier trifft sich Hinz und Kunz gewissermaßen am Nabel der Stadt. Als die Füße in unseren scheinbar zu engen Schuhen zu schmerzen beginnen wir des Zeit, „Au Revoir“ zu sagen, zu Aix-en-Provence, der Stadt von Cézanne und Mandelkonfekt.

Lac de Serre-Ponçon und der Angriff der Killerwespe

Der Lac de Serre-Ponçon, der größte Stausee Europas, liegt wie ein funkelnder Diamant zwischen dem Col de Pontis und dem Col Lebraut. Die malerische Straße, die den See umfährt, schlängelt sich IMG_0114in endlosen Kurven mehr oder weniger am Seeufer entlang, entfernt sich, um sich scheinbar in den Hügeln zu verlieren und taucht dann bei der nächsten Biegung ganz plötzlich vor einem herrlichen Seepanorama mit traumhafter Bergkulisse wieder auf. Bei Epinasses biegen wir auf die D3 ab, welche sich breit ausgebaut und in wunderbar entspannt zu fahrenden Kehren den Hang über dem See hochzieht. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel und lässt das türkisfarbene Wasser glitzern. Die letzten Häuser bleiben hinter uns zurück, dann sind wir endgültig auf menschenleerer Straße unterwegs. Im Bergdörfchen St. Apollinaire, am südlichsten Zipfel des Écrins-Nationalparks, weist ein unscheinbares Schild auf den gleichnamigen See hin. Wir biegen spontan ab, folgen dem geteerten Feldweg hinauf und treffen auf einen idyllischen Bergsee (1.485m) inmitten fast unberührter Natur. Also Pause und die Stille genießen. Auf der Weiterfahrt passiert es dann – der Angriff der Killerwespe! Ein kleines Tierchen landet im Helm, 6Wespenstichreflexartiges Kopfschütteln – und Stich! Selber schuld, wenn man mit offenem Visier fährt. Glück im Unglück: nach einigen Kilometern durch die sonst menschenleere Pampa treffen wir einen alten Franzosen, der uns mit einem Hausmittel hilft, einer frisch aufgeschnittenen Zwiebel. Dennoch geht die Lippe auf wie ein Fahrradschlauch. Zum restlichen Verlauf des Tages ist eigentlich nur noch soviel zu sagen: die Eisvorräte unserer Unterkunft waren am Abend ziemlich erschöpft.
Ach ja, ich musste die Geschichte in den nächsten Tagen noch öfters erzählen; ich glaube jetzt mittlerweile auch, dass die Wespe mindestens 50 cm lang war und einen 10 cm langen Stachel hatte ;-)

Avignon – die Stadt der Päpste und die Gorges de la Nesque

Über kleine Nebenstrassen wedeln wir auf neu geteertem Weg durch das “Vallee du Jarbon”, eine fast menschenleere Gegend aus sanftgrünen Hügeln, alpiner Berglandschaft und rustikalen IMG_1861Natursteindörfchen. Kurven und Landschaft pur. Es ist früh am Morgen und die Temperatur liegt im gefühlten einstelligen Bereich. Über die Serpentinen des Col de la Pigière (968m) und des Col de Macuègne (1.068m) erreichen wir Montbrun-les-Bains. Die eng aneinander an eine Felswand geklebten Häuser erinnern an beeindruckende Orgelpfeifen, die sich gen Himmel recken.
Weiter führt der Weg durch das “Pays de Sault”, dessen abgeerntete Lavendelfelder den nahenden Herbst verkünden. Die Stadt Sault selber liegt auf einem Felsvorsprung und so haben wir einen wundervollen, weiten Blick über die Ebene. Am Ende des Sommers, wenn die Nächte schon kühl werden, die Touristenströme versiegen und der Ort wieder den Einheimischen gehört, ist Sault am schönsten.
Kurz hinter Sault tauchen wir auf der schmalen D942 in die unbewohnte „Gorges de la Nesque“ ein. Durch die Schlucht, die der Fluss Nesque in die Kalkschichten des Plateau de Vaucluse geschnitten hat, zieht sich über 20 km eine traumhafte Panoramastraße. Kleine Tunnel verhindern die Durchfahrt von LKWs und Caravans und machen die Strecke zu einem entspannten Kurvenerlebnis. Die „Gorges de la Nesque“ ist zu dieser Jahreszeit fast menschenleer. Am Aussichtspunkt „Belvedére de Castellaras“ (734m) legen wir einen Fotostopp ein. Von hier oben bietet sich uns ein grandioser Blick auf den gegenüberliegenden kahlen, nur mit wenigen kleinen Büschen bewachsenen Felsen Rocher du Cire IMG_4932 Avognon Papstpalastund in die 300 Meter tiefer gelegene beeindruckende Schlucht.
Am späten Vormittag rollen wir entlang der Rhône in Avignon, die “Stadt der Päpste“, ein. Parkplatzprobleme haben wir mit unserer Silver Wing glücklicherweise nicht und stellen unseren Roller im Schatten der mächtigen Stadtmauern mit Blick auf die wohl berühmteste Brücke Frankreichs, die oft besungene St-Bénézet, ab.
Das Thermometer zeigt mittlerweile 29°, also runter mit den Motorradklamotten und rein in T-Shirt und Jeans.
Avignon ist seit dem Mittelalter eine Metropole an der Rhône und war fast 70 Jahre Papstresidenz. Die Altstadt wird von dem wuchtigen „Palais des Papes“ aus dem 14. Jh. dominiert, einer mächtigen Zitadelle mit zwei Palästen und teilweise über 50 m hohen Türmen. Hier erhielten einst zahllose Pilger den päpstlichen Segen. Der Bau gleicht eher einer Wehrburg als dem (ehemaligen) Sitz von Gottes Vertretern auf Erden. Die Päpste scheinen sich in Avignon nicht allzu sicher gefühlt zu haben. Direkt daneben liegt die Kathedrale Notre-Dame-des-Doms, die Kirche des Erzbischofs von Avignon. Von den Terrassen des Park Rocher des Doms haben wir eine wundervolle Aussicht auf das Rhônetal. Im Dunst können wir sogar den Mont IMG_4946 Avignon Pont St BenezetVentoux in der Ferne erkennen. Die Zeit vergeht beim Bummel durch die belebten Gassen wie im Flug. In einem kleinen Bistro abseits der Touristenströme genehmigen wir uns noch ein „Crêpe au chocolat“ und den obligatorischen „Café au Lait“, dann starte ich wieder den Motor meiner Silver Wing. Auf der Rückfahrt gibt es noch ein kleines Tankproblem: trotz der Hilfe einer freundlichen Französin will der Tankautomat meine Scheckkarte einfach nicht akzeptieren. Die Tankuhr meiner Silver Wing blinkt bereits heftig, als wir nach langem Suchen schließlich doch noch eine Tanke mit menschlicher Bedienung finden. In Carpentras läuft dann nichts mehr – außer Schweiß. Rushhour, stop and go, Großbaustelle im Stadtzentrum, Stillstand. Für die 160  km zurück zu unserer Unterkunft in La Motte du Caire brauchen wir fast 4 Stunden. Wir kommen gerade noch rechtzeitig zum Abendessen – wäre schade drum gewesen! (c) Text/Bilder Ralf Beelitz

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