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Im Land der Murmels

14. November 2015 in Tourenberichte und -tipps, User-Blog

Zehn Tage Zeit habe ich. Zehn Tage, um ein paar der schönsten Alpenecken zu durchstreifen. Am Ende liegen über 3.000 wundervolle KM hinter mir.

Die erste Etappe führt mich entlang des Rheins nach Koblenz, wo ich am Fuße der Festung Ehrenbreitstein den breiten Strom überquere. Ich passiere Braubach, überragt von der mächtigen Marksburg und lenke meine Honda Silver Wing 600 in wunderbaren Kurven hinauf auf die Höhen des Taunus. Pension Es herrscht kaum Verkehr, sodass ich zügig vorankomme. Nach einer Zwischenübernachtung in Groß-Gerau startet unsere diesjährige Männertour Richtung Alpen. 1 Silver Wing (Ralf), 1 Integra (Karl-Heinz) – und ach ja nicht zu vergessen unser „Urfranke“ Gerhard mit seiner BMW(!) streben dem Starnberger See im Süden Münchens zu. Die ersten 150 km machen wir „Strecke“. Eine eintönige Fahrt auf noch eintönigeren Autobahnpisten. Dann folgen 280 genüssliche Km über kleine und kleinste Sträßchen. Wir touren entlang der bewaldeten Hänge des Lonetals und durch den Pfaffenwinkel, benannt nach seinen zahlreichen Kirchen und Klöstern. Station machen wir im Pfarrdorf Beuerberg im Loisachtal. Hier auf der Terrasse des Gasthauses „Zur Mühle“, am Ufer der Loisach, lassen wir den Tag langsam ausklingen und genießen würzigen „Steckerlfisch“, eine Spezialität aus dem bayrischen Alpenvorland.

Das Tölzer Land

Am nächsten Tag bekommen wir Besuch von Torsten, der uns als einheimischer Tourguide die Schönheit des Tölzer Landes zeigen will. Mit der Promberger HofSchönheit ist es zunächst nicht weit her – der Himmel weint. Doch dann hat er ein Einsehen und los geht`s entlang weiter Buckelwiesen mit (hoffentlich) glücklichen Kühen. Dazwischen urige Bauernhöfe und kleine Dörfer mit prächtigen Zwiebeltürmen, die dem weißblauen Himmel entgegenstreben. Durch die idyllische Jachenau kurven wir auf der kleinen Mautstraße (2,50 €) am Walchensee entlang nach Einsiedel. Dann nehmen wir die Deutsche Alpenstraße nach Vorderriss (Maut) unter die Räder. Bezahlen müssen wir nichts, da unsere Mautkarte auch hier gilt. Dies wissen offenbar viele nicht, die an der Maustelle anstehen und uns finstere Blicke zuwerfen, als wir an der Schlange vorbeifahren. Das schmale Asphaltband führt uns entlang der graugrünen, gurgelnden Isar. In der Ferne ragen die schroffen, über 2.000m hohen Kalkfelsen des Karwendelgebirges empor. Bayern wie im Bilderbuch.
Entlang dem fjordartigen Sylvensteinspeicher geht es auf der gut ausgebauten B13 in leicht geschwungenen Kurven zügig voran, da spielt die Gashand. Wir passieren Lengries, Bad Tölz und Murnau am Staffelsee. Wir stoppen unsere Maschinen erst in Großweil-Zell. Hier liegt der Promberger Hof, ein Bauernhof mit Pferden, Kühen und Gänsen. Auf der Terrasse des Hofcafes genießen wir bei hausgemachten Kuchen den herrlichen Panoramablick auf das Loisachtal, über dem Raubvögel gemächlich ihre Kreise ziehen. Im Hintergrund liegt der Kochelsee, eingebettet in die herrliche Bergwelt der Alpen. Hier kann man die Seele baumeln lassen. Körperlich und seelisch gestärkt geht es schließlich zurück nach Beuerberg

Im Land der Murmels

Am gestrigen Abend ist Wolfram mit seiner 600er Silver Wing zu uns gestoßen und macht unser Männerquartett komplett.
30 km hinter Garmisch-Partenkirchen taucht der Fernpass (1.216), einer der verkehrsreichsten Alpenübergänge, auf. Seine schönen Kurven wären eigentlich eine Fernpasswunderbare Strecke zum Cruisen. Endlos lange Wohnwagen- und LKW-Kolonnen verderben uns jedoch schnell jeden Spass. Kurz vor der Passhöhe bietet sich uns die Möglichkeit, einen Blick auf das mächtige Zugspitzmassiv zu werfen. Die Passhöhe selbst ist mit einer Tankstelle sowie Andenkenläden wenig einladend und Aussicht kaum vorhanden. Im Konvoi geht es wieder talabwärts ins Tiroler Dorf Nassereith und nach Roppen an der Pforte zum Ötztal. Eine kleine Straße führt uns am Hang des äußeren Pitztals, den „Wenner Schmalzkessel“ mit den Orten Arzl, Wald, Wenns und Jerzens, entlang. In Jerzens lohnt sich zur Stärkung eine Rast beim „Lammwirt“. Von der Höhe her eher bescheiden, hat die folgende Piller Höhe (1.558) dafür aber landschaftlich einiges zu bieten. Die kleine Straße schwingt sich den Berg hinauf und bietet entspanntes Kurvenvergnügen. Wenn allerdings plötzlich ein Traktor entgegenkommt, wird es mit Seitenkoffern etwas eng. Tipp: Südlich der Scheitelhöhe bietet der Aussichtspunkt „Gacher Blick“ einen herrlichen Blick über das Oberinntal und die Bergspitzen des Engadin!
Wir folgen der L65/B180 entlang des Inn und biegen zur Norbertshöhe (1.461) ab. Über 8 km geht es in 11 Kehren auf super ausgebauter Straße hinauf. Vom Scheitel aus verläuft die Straße dann praktisch ohne Kurven und fast ohne Gefälle bis nach Nauders. Für Einsteiger ins Pässefahren bestens zu empfehlen!
Der folgende Passo di Resia (1.519) verbindet das Inntal mit dem Etschtal. Die wenig beeindruckende Passhöhe nördlich des Ortes Reschen (Resia) führt uns nach Südtirol. Der Reschenseebekannte See wurde 1950 aufgestaut. Dabei versank der Ort Graun, dessen Kirchturm heute noch sichtbar ist und ein beliebtes Fotomotiv darstellt.
Wir sind nicht auf der Flucht und entscheiden uns daher nicht der Hauptstraße, sondern der schmalen Via Paese Vecchio am Westufer des Sees zu folgen, die immer wieder eine schöne Aussicht über den Reschensee bietet. Bald schon prägen die typischen Obstplantagen des Vinschgauer Oberlands das Bild des Tales. Wir rollen in Glurns ein. Ein malerisches Schmuckstück und (angeblich) zweitkleinste Stadt Europas. Der mittelalterliche Marktplatz ist von Motorradfahrern gut besucht. Wir rollen unter der Holzgalerie des Tauferer Tores hindurch in Richtung des ersten Pässe-Highlights: den Selvio. Dann liegt sie vor uns, die „Königsetappe“, das 2.757 Meter hoch gelegene Stilfserjoch mit seinen einmaligen, super engen 48 Kehren. Die Ostauffahrt startet in Prad recht kurvenarm entlang des Sulden- und Trafoierbachs. Hinter Trafoi fällt unser Blick auf die gigantische asphaltierte Schlange, die sich an einer steilen Felswand empor windet. Dann folgt ein regelrechtes Kehrengewitter durch den Wald. Die Kurvenhatz ist für mich vor der Kehre 33 jedoch erst einmal vorzeitig zu Ende. Die Temperaturanzeige steigt stetig. Ein Lämpchen meldet „Warnstufe rot“! Also sofort rechts ran, Motor abstellen und warten…warten…warten. 30 Minuten später ist die Temperatur soweit gefallen, dass ich Wasser und Öl kontrollieren kann – seltsam, ohne Befund!?! Ich starte also den Motor und nehme die letzten Kilometer entlang der vom Ortlermassiv geprägten Hangtraverse zu unserer Unterkunft Franzenshöhe (Kehre 22) unter die Räder. Die Franzenshöhe liegt idyllisch inmitten des Nationalparks Stilfser Joch unterhalb des Schlussanstiegs mit Blick auf die restlichen Kehren hinauf zur Passhöhe und bietet einen herrlichen Ausblick auf einen der höchsten Gipfel der Ostalpen – den Ortler (3.905).

Vom Gavia zum Passo del Mortirolo

Es ist schon ein besonderes Gefühl, durch das durchdringende Pfeifen der Murmeltiere vor der Franzenshöhe geweckt zu werden. Die Sonne schiebt erste Strahlen über die Berggipfel. Die Luft ist frisch und klar und die Stille der Bergwelt fast körperlich greifbar. Wir starten die Murmels vor der FranzenshöheMotoren und nehmen den beeindruckenden Steilhang vor unserer Haustür in Angriff. 600 Höhenmeter, 21 Kehren, immer das Joch mit der Tibethütte vor Augen. Links ein Mäuerchen, rechts Schotterhalden und spärlich bewachsener Fels, dazwischen schlängelt sich das rissige Asphaltband wie an den Hang geklebt nach oben. Zu so früher Stunde hat das fahrende Volk das Joch noch nicht erreicht. Die Andenkenläden auf der Passhöhe sind menschenleer. Einige Serpentinen später haben wir Gelegenheit, im Hochtal Bocca del Braulio wieder einmal am Gasgriff zu drehen und uns dem Rausch der Geschwindigkeit hinzugeben, ehe wir uns ins Valle del Braulio hinabstürzen, ein wildes Gebirgstal mit fast senkrechten Felswänden, in den Fels gehauenen – unbeleuchteten – Tunneln und phantastischen Ausblicken.
Aus dem grünen Tal von Bormio biegen wir zum Gavia Pass (2.618) ab. Der größte Teil der etwa 43 km langen Passstraße führt uns durch den Nationalpark Stilfser Joch und ist landschaftlich sehr reizvoll. Zunächst geht es am Torrente Frodolfo entlang durch das Valfurva Tal bis nach St. Caterina. Die asphaltierte Straße ist schmal, wenig befahren und steigt in Serpentinen steil an. Weiter oben treffen wir auf die felsübersäte Graslandschaft der Plaghera Hochfläche, über der im Osten der gewaltige Punta San Matteo (3.678) thront. An der Passhöhe liegt der Lago Bianco vor den schneebedeckten Spitzen des Corno dei Tre Signori (3.359). Es bietet sich uns ein herrlicher Ausblick auf die funkelnden Gletscherfelder der Adamellogruppe. An der Südabfahrt, kurz unterhalb der Passhöhe, spiegelt sich inmitten moosgrüner Wiesen der Lago Nero in der Sonne. Die Südrampe wechselt schon bald von zweispurig auf die Breite eines Feldwegs. Wir passieren einen 800 m langen, unbeleuchteten Tunnel. Den Lichtfleck des Ausgangs können wir in der Ferne nur erahnen. Der Straßenbelag ist miserabel. Wasser tropft herab und ständig ist mit Rennradfahrern zu rechnen. Spätestens hier wird die Passfahrt zu einer der schönsten und spannendsten Erlebnisse der Alpen. Wenn sich dann noch ein Wohnmobil hier herauf verirrt hilft nur anhalten und hoffen, dass noch die berühmte Briefmarke zwischen Seitenkoffer und Fahrzeug passt und vor allem – nicht zur Seite den Steilhang hinabschauen.
Einige Serpentinen später ist die Abfahrt geschafft. Wir wenden uns auf der SS 42 über Ponte di Legno dem Passo del Mortirolo (1.842) zu. Der Mortirolo, der streng genommen Passo della Foppa heißt, ist ein ehemaliger Militärpfad. Bekannt gemacht hat ihn der Giro d’Italia, der seine Teilnehmer regelmäßig über die gefürchtete Westrampe von Mazzo di Valtellina führt. Umgeben wird er von den Gipfeln des Monte Serottini (2.967), Cima Cadi (2.449) und des Monte Pagano (2.348). Die Straße ist in exzellentem Zustand. Unterhalb des Passes gibt es einige Gasthäuser, sodass wir spontan beschließen, eine Mittagspause einzulegen. Wir, das bedeutet 3 Männer. Gerhard, unser 4. Mann, rauscht dagegen den Blick zielgenau nach Mortirolovorn gerichtet mit der Haltungsnote 1+ am Parkplatz vorbei. Das ist das letzte Mal, dass wir ihn am heutigen Nachmittag sehen. Die hausgemachte Pasta schmeckt zugegebenermaßen trotz eines kleinen schlechten Gewissens hervorragend. Auf der Passhöhe steht neben einem alten Passschild nur ein Bergwertungsanzeiger vom Giro.
Südlich, in Sichtweite des Mortirolo, zweigt die Panoramastrecke nach Montemezzo ab. Die Straße führt uns in konstant 1.900 m Höhe an der Nordflanke des Cima Cadi entlang. Nur gelegentlich versperren Bäume die sich bietende Aussicht ins Tal.
Die Abfahrt endet in Tirano, dem südlichen Endpunkt der Bernina-Linie der Rhätischen Bahn. 38 Grad erwarten uns hier unten, sodass wir unsere ursprüngliche Absicht, dem Bernina Pass noch einen Besuch abzustatten, verwerfen. Wir streben stattdessen zielstrebig auf der SS38 wieder den Höhen des Stilfser Jochs zu. Die Aussicht auf eine erfrischende Dusche ist zu verführerisch. Zudem lassen die sich auftürmenden dunklen Wolken nichts Gutes erahnen. Wir passieren zahlreiche Tunnel, deren Kühle eine Wohltat ist. 

An der Auffahrt zum Joch ereilt mich erneut das Schicksal. Rote Lampe auf dem Display! Eine halbe Stunde Zwangspause! Die Zeit vergeht wie im Flug bei einem netten Gespräch am Straßenrand mit einem italienischen Mountainbiker. Einen Blick auf die Anzeige, den anderen auf die Straße, klappt dann doch wieder der Anstieg. Bei der Abfahrt von der Passhöhe zur Franzenshöhe fallen die ersten Tropfen. Ehe es richtig losgeht erreiche ich meine Unterkunft, während der Ortler im Nebel versinkt.

Passabfahrt Stilfser Joch

 San Bernadiono – man spricht deutsch

Ein strahlend blauer Himmel begrüßt uns, als wir die Franzenshöhe verlassen und ein letztes Mal die Serpentinen des Stilfser Jochs aufwärts streben. Nach wenigen hundert Metern der Südwestrampe des Stilfser Jochs biegen wir an der ehemaligen italienisch-schweizer Zollstation zum Umbrail Pass (2.503) ab. Vom Joch ist es nur ein Katzensprung hinauf zur Passhöhe, die sich recht kahl präsentiert. Die mittlerweile durchgehend asphaltierte, kaum 2 Fahrspuren breite Straße wartet auf schweizer Seite mit beeindruckenden Kurven und Kehren auf; 36(!) an der Zahl. Sie überwindet einen Höhenunterschied von 1.100 Metern auf einer Distanz von nur 16 Kilometern.
Weiter unten wird das graue Asphaltband noch schmaler, teilweise verengt es sich auf nur eine Fahrspur. Ständig geht es durch dichten Nadelwald. Kehren, Kehren, Kehren, kaum einmal eine Gerade. Das Tal scheint nicht näher zu kommen. Eine nicht enden wollende natürliche Achterbahn. Schließlich wird die Straße wieder breiter und der Kurventanz findet in Santa Maria sein Ende, wo wir ins Tal Müstaire eintauchen. Das Tal sorgte im Sommer 2005 für Schlagzeilen, als ein Braunbär aus Südtirol einwanderte und Touristen erschreckte. Die Sache ging für den Bären nicht gut aus; er wurde später erschossen. Das breite Val Müstair mit seinen sattgrünen Wiesen und kleinen Dörfern führt uns zum Ofenpass (2.149). Der Pass ist nicht besonders hoch, noch wartet er mit berauschenden Kurvenkombinationen auf. Dafür bietet er eine entspannte Trassenführung durch pure Natur. Vom Scheitel haben wir eine gute Aussicht hinab ins Münstertal. In der Ferne blitzt das Weiß der Ortlergletscher. Die Nordwest-Rampe nach Zernez ist relativ flach und weist nur wenige stärkere Kurven auf. 21 Kilometer nimmt sie sich Zeit, um 700 Höhenmeter zu überwinden. Manchmal erhaschen wir unterwegs einen Blick in die Schlucht des Spöl, der sich tief ins Gebirge gegraben hat. Moderat ist der Anstieg hinauf zum Ova Spin (1.850), einen Pass mit Bushaltestelle aber ohne Passschild. IAlbulan La Punt-Chamues-Ch erwarten uns schon die ersten Serpentinen der Albulastraße. Nach wenigen Kilometern bietet sich uns ein weiter Blick auf die gegenüberliegenden Berge des Oberengadins. Auf dem kargen Sattel des Albula (2.315) lädt uns die Passhütte auf einen Kaffee ein. Wir genießen die Sonne vor dem Haus mit herrlichem Panorama über einen kleinen Bergsee und die Gipfel der Rätischen Alpen im Hintergrund.
Auf der Abfahrt stürzt sich die Straße einen schroffen Felshang hinunter. Durch eine wunderschöne Berglandschaft mit Geröllfeldern beidseits der Straße geht es ins Albula-Tal. Neben der dicht an den Fels gebauten Straße durch die spektakuläre Bergüner Klamm fällt es über 100m fast senkrecht in die Tiefe. Unten in der Schlucht tosen die Wassermassen. Ein imposantes Naturschauspiel für schwindelfreie Scooteristen. Auf den letzten Kilometern nach Tiefencastel ist zweifelsohne das imposante Viadukt der Rhätischen Bahn der Höhepunkt. Die bogenförmige Brücke erhebt sich 65m über den Fluss.
Hinter Thusis folgen wir ein Stück der atemberaubenden „Via Mala“. Wenn sich schon Abgründe auftun, dann sollten sie so schön wie dieser sein. Bis zu 300 Meter hohe Felsen bilden die tiefe Schlucht im Hinterrheintal. Einst war sie verhasst. “Schlechter Weg” wurde sie genannt; ein Hindernis auf dem Weg über die Alpen; schön, wild und bedrohlich.
Die nächsten 10 Kilometer führen meist parallel zur Schnellstraße A13, die heute ihrem Namen keine Ehre macht – Stau soweit das Auge reicht. Umso mehr genießen wir die kleine, verkehrsarme Straße durch die Dörfer Sufers, Splügen und Hinterrhein im Rheinwald. In der Rofflaschlucht, im historischen Restaurant „Felsengalerie zum Wasserfall“, stärken wir uns mit Gerstensuppe und einem (alkoholfreies) Weizen – ein Genuss. Vor dem Restaurant führt die N13 in einigen knackigen Kurven hangaufwärts und wendet sich stetig ansteigend dem Örtchen Hinterrhein zu. Ab Hinterrhein ist dann alles anders. Die alte Passstraße strebt an den Hängen des Hinterrheintales in zahlreichen Kehren mit angenehmer Steigung zum San Bernadino (2.065) hinauf. Immer wieder gibt sie traumhafte Ausblicke auf die umliegenden Gipfel frei. Kurz vor der Höhe gilt es, eine karge, von eiszeitlichen Gletschern geformte Gebirgslandschaft zu durchqueren. Auf der Passhöhe treffen wir auf den Laghetto Moesola, einen malerischen kleinen See mit Hospiz. Wer möchte kann hier vor grandioser Kulisse einen Cappuccino schlürfen.
Die Südabfahrt in Richtung Bellinzona ist super für jeden, der gerne Kurven fährt. Der Straßenbelag ist gut und 21 übersichtliche Kurvenkombinationen machen die Tour zum Vergnügen. Während der Abfahrt tauchen wir immer mehr in das warme, von mediterraner Vegetation geprägte Tessin ein. Je mehr wir uns dem Lago Maggiore nähern, umso wärmer wird es. In Castione füllen wir erst einmal die Wasserreserven auf. Der Schweiß rinnt in Strömen. Das Thermometer ist auf 39 Grad gestiegen; unter dem Motorradhelm entwickelt sich ein Feuchtbiotop.
NufenenAuf der Via San Gottardo geht es zügig Richtung Airolo, dem Zugang zum Nufenen.
Die 23 km lange Strecke zum Nufenen Pass (2.478) führt entlang des Ticino durch das das Val Bedretto. Es geht praktisch kurvenlos bergan, lediglich auf den letzten Kilometern gibt es ein paar Spitzkehren. Auf dem höchsten Pass der Schweiz empfängt uns ein großartiges Alpenpanorama. Nach Osten blicken wir hinab in das Val Bedretto, nach Westen hinüber bis zu den vergletscherten Berner Alpen, nördlich und östlich thronen die Gipfel des Gotthardmassivs und im Süden erheben sich Helgenhorn (2.837) und Grieshorn (2.929). Ein Gasthaus und ein kleiner See laden zu einer ausgiebigen Rast inmitten einer noch unverbauten, hochalpinen Landschaft ein.
Bis zu 13 % Gefälle, eng übereinander geschachtelte Haarnadelkurven, so geht es an der Südflanke des Pizzo Gallina (3.061) bergab ins Wallis. Bizarre Bergformen präsentieren sich nun über dem unter uns liegenden Talkessel. Leider verschandeln gelegentlich große Strommasten die sonst so schöne, wilde Kulisse. Zwei letzte Kehren, die noch jungfräuliche Rhône überquert, die sich hier Rotten nennt, dann rollen wir ins Dörfchen Ulrichen mit seinen schwarzbraunen, uralten Holzhäusern ein.
Ein unvergesslich schöner Motorradtag neigt sich dem Ende entgegen, als wir unsere Unterkunft „Blinnenhorn“ in Reckingen erreichen. Müde und mit ledernem Hintern, aber glücklich.

Italien wir kommen – oder auch nicht

Wir werden durch das Läuten der Kuhglocken geweckt. Ein wolkenloses Himmelszelt überspannt das Goms, das von mächtigen Dreitausendern umrahmte, weite Tal der jungen Rhône. Die schön kurvige Furkastrasse führt uns talwärts. Tipp: unterwegs  nach Grengiols abbiegen. Es geht steil zum Talboden hinab, wo die Rhône wild schäumend ein Eisenbahnviadukt unterquert. Ein phantastisches Naturschauspiel. In Brig biegen wir zum Simplon Pass (2.005) ab, der den Kanton Wallis mit Norditalien verbindet. Napoleon ließ hier eine erste befestigte Passstraße bauen, um seine Kanonen südwärts zu transportieren. Im Unteren Drittel zieht sich die sogar mehrspurig ausgebaute Strasse über lang gezogene Kurven den Berg hinauf. Entsprechend stark ist der LKW-Verkehr. Die Baustellen in den Lawinengalerien sind ein weiteres Erlebnis der besonderen Art, besonders, da sich die Temperaturanzeige meiner Siwi wieder einmal unaufhaltsam dem roten Bereich nähert. Entspanntes Touren sieht anders aus! Auf halber Höhe überquert eine kühn geschwungene Brückenkonstruktion das Gantertal. 700m lang und 170m hoch. Hinter der Ganterbrücke wird es etwas kurviger, die Strecke erlaubt aber immer noch zügige Überholmanöver (beachte: in der Schweiz max. 80 km/h, sonst wird´s teuer).

Auf der Passhöhe treffen wir auf das Hospiz der Bernhardiner Chorherren. Ein 8 m hoher Steinadler erinnert an den 2. Weltkrieg. Es lohnt sich, hier oben einen Augenblick zu verweilen und die prächtige Aussicht auf die Kette der Berner Alpen mit dem imposanten Bietschhorn (3.934) und die Gletscher des Weissmies (4.023) und Fletschhorns (3.996) zu genießen. Auf der Südabfahrt verlassen wir kurz die Hauptstraße und fahren in Simplon Dorf ein. Der Dorfplatz erinnert an eine Piazza und die liebevoll restaurierten Häuser mit ihren typischen Steinplattendächern lassen die Nähe Italiens erahnen. Tipp: am Ortsausgang unbedingt in der Bäckerei-Tea-Room Arnold einkehren. Der Blaubeerkuchen ist ein Gedicht!

Der weitere Weg führt durch unzählige Galerien und Tunnel durch die enge, von Granitwänden gesäumte Gondoschlucht. Wild schäumt die Diveria in ihrem Bett. Dann kommt sie – eine unscheinbare, einspurige Baustelle im Niemandsland kurz vor der italienischen Grenze. Rote Ampel, Motor aus, warten. Es wird grün. Meine Freunde fahren zügig los. Ich drehe den Zündschlüssel, es passiert – nichts!! Das Display bleibt dunkel. Unfassbar – meine Silver Wing streikt. Erneuter Versuch – wieder bleibt das Startgeräusch aus. Die Autoschlange hinter mir wird länger. Ein Bauarbeiter erbarmt sich und schiebt mit mir die Siwi auf den Randstreifen. Die Tour ist heute für mich zu Ende. Nach zwei Stunden in sengender Sonne und LKW-Abgasen erreicht mich schließlich das Pannenfahrzeug des Schweizer Automobilclubs. Diagnose: Exitus der Batterie. Glücklicherweise lässt sich die Siwi fremdstarten. Die Honda Werkstatt in Brig stellt später fest, dass die Batterie ok ist. Lediglich ein Wackelkontakt an den Batteriepolen. Es sind eben oft die kleinen Dinge, an denen man scheitert.

Grimsel,- Glaubenbühlen,- und Brünigpass

Über die waliser Örtchen Ulrichen und Gletsch streben wir dem Grimselpass (2.165) zu. Der Grimsel, einer der klassischen Serpentinenpässe der Schweiz, bietet eigentlich alles, was ein Pass haben muss: einen Furcht erregenden Steilhang, ausgedehnte weite Kurven und eine abwechslungsreiche Landschaft. Dieser schweizer Pass darf in keinem Roadbook fehlen. Schon von weitem sehen wir die verschachtelte, an die Hänge des Rhônetals Grimselpassgeklebte Serpentinenkonstruktion. In Oberwald fängt die erste Passhälfte des Grimsels an. Die Strecke ist Dank einiger Serpentinen schön zu fahren. Nach einem kurzen Tunnel wird der Blick auf die Wand des eigentlichen Grimselpasses frei. Eine erste Serpentine mit anschließender steiler S-Kurve führt uns bereits an den Ortschaftsrand von Gletsch. Hier startet der Kurventanz himmelwärts. Der Pass sieht von weitem steiler aus, als er eigentlich ist und stellt auch für ungeübte Fahrer kein wirkliches Problem dar. Die Kehren sind breit und flach. In Kehre 4 legen wir eine kleine Fotopause ein und genießen den Blick auf den Furkapass und den Rhônegletscher. Ein wunderbares Panorama! In der sechsten Kehre kann man das noch einmal wiederholen, ehe die Schlussgerade auf die Passhöhe mit dem Totensee führt. Die Nordrampe beginnt mit einem Dutzend Kehren und einem herrlichen Blick auf die Stauseen Grimselsee und Räterichsbodensee. Beidseits nur Fels und Geröll; eine selten karge Landschaft. Dann führt die Straße gemütlich durch kleinere Dörfer, mit leichtem Gefälle durch Wald und Wiesen der Aare folgend, nach Innertkirchen.
Kurz danach biegen wir zum Brünigpass (1.002) ab, einen kleinen, nicht besonders schönen Pass ab, der Meiringen mit Giswil verbindet. Autokolonnen quälen sich den Berg hinauf. Ätzend! Einzig der schöne Blick auf der Nordseite über den Lungerer See ist erwähnenswert.
In Giswil nimmt die Ostrampe zum Glaubenbühlenpass (1.611) ihren Anfang. Ein recht unbekannter Pass, der um so mehr mit schöner Landschaft glänzt. Kurve um Kurve schwingt die Bergstraße hinauf. Anfangs bietet sich uns ständig ein schöner Blick hinab auf den im Tal blau schimmernden Sarner See und die ihn umgebenden Berge. Dann taucht die schmale, kurvenreiche Straße in dichten Mischwald ein. Hinter der Mörlialp, wo einige Gasthöfe zum Boxenstopp einladen, lässt uns eine lang gezogene Rechtskurve schnell an Höhe gewinnen. Tipp: an ihrem Ende die Parkbucht ansteuern und die traumhafte Aussicht auf Sustenhorn, Titlis und einige andere 3000er genießen! An einer kleinen Kapelle – Gott im Himmel – dann wieder das tägliche Spiel: rote Lampe…warten…abkühlen.
NOriginal Flammkuchenach einigen weiten Buckelwiesen geht es durch kurvenreiche Passagen wieder talwärts. Vor Hüttlenen (915 m) verengt sich das Tal. Die Straße windet sich kurvig und steiler werdend durch ein kleines Waldstück und mündet schließlich im Emmental. Hier dreht sich alles um den berühmten Käse und das Geheimnis seiner Löcher. Die Lösung sind übrigens „pupsende Bakterien”, welche die Fettbestandteile des Käses zum Teil auffressen. Dabei entsteht Kohlensäure, die sie – um nicht zu platzen – „auspupsen“.
Den Rest des Tages touren wir recht entspannt Richtung Frankreich, der letzten Zwischenstation in Colmar entgegen. Dort erwartet uns eine Hitzeschlacht – 43 (!) Grad im Schatten und das in Motorradklamotten! Als wir am Abend in einem typischen elsässischen Restaurant den Tag ausklingen lassen, ist die Temperatur nur wenig gesunken. Umso mehr schmeckt der Original Elsässer Flammkuchen bei einem kühlen Blonden.

Das Elsass

Winzige Sträßchen mit unendlichen Kurven führen uns durch das mächtige, waldreiche Mittelgebirgsmassiv der Vogesen. Tannenkirch, Villé, Le Hohwald, Bergheim mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer liegen am Wegesrand. Urige Ortschaften mit jahrhundertealten Fachwerkhäusern und Weinhänge soweit das Auge reicht. Die Rückfahrt vergeht wie im Flug und eine Traumtour findet ihr Ende. Schön war`s!

(c) Text/Bilder: Ralf Beelitz; Weitere Bilder >>>

5 Antworten zu Im Land der Murmels

  1. Schöner Bericht, Danke dafür. Den Umbrail kenne ich noch als Schotterpass… Den Fernpass meide ich inzwischen, da ist immer zu viel los, besser geht’s über Namlos und Hahntennjoch außenrum. Ist länger und macht mehr Spaß. Ansonsten wären ein paar der Pässe auch für mich noch neu.. der nächste Italienurlaub kommt bestimmt ;-)

  2. Sehr schöner Bericht, Walchensee, Jachenau, Fernpass etc. War ich im Sommer. 😀 tolle Gegend. :good:

  3. Freut mich, wenn euch der Tourbericht gefallen hat :-)
    Gruß Ralf

  4. Klasse Bericht, schöne Bilder !!
    Danke !

    Gruß Thomas

  5. Am 18. November 2015 sagte :

    Danke für den schönen Bericht. :good:
    Kann’s kaum erwarten, dass es in 2016 wieder los geht.
    Gruß
    Hans-Peter

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