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Kleine Fluchten (Korsika Ende Oktober)

5. November 2017 in Tourenberichte und -tipps, User-Blog

20. Oktober: bescheidene Wettervorhersage (kalt, Regen) zu Hause, auf meiner BMW sind neue TKC 70. Ich war noch nie mit dem Motorrad auf Korsika, also fahre ich am nächste Tag spontan nach Livorno. Ich nehme die Römerstrasse über den Brenner, gerade noch vor dem ersten Regen, dann über den Jaufenpass, die letzten paar hundert km Autobahn bis ins historische Hotel “Dimoria Stoica Ai Casini D’Ardenza”.

Mein grosses Appartement (Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer), über booking günstig gebucht, hat alle Annehmlichkeiten, Meerblick plus diverse alkoholische Getränke inklusive. Das kann ich leider nur bedingt geniessen, die Fähre ist planmässig für 8.30 Uhr am nächsten Morgen vorgesehen. Also schnell ins Internet, um die Fähre zu buchen – was sagt die Seite? ausgebucht. Spät am Abend fahre ich noch mal in den Hafen, der Schalter von Corsica Ferries ist natürlich bereits zu, allerdings ein kleiner Container der Fährgesellschaft in der Nähe der Abfahrtstelle hat noch geöffnet: “Da es Morgen windig ist, fahren wir schon um 7 Uhr los. Aus diesem Grund haben wir die Internetseite auf ausgebucht gestellt.” Lockere italienische Informationspolitik, die Fähre ist höchsten halb voll, ich bin der einzige Motorradfahrer.

lässige Einriemenbefestigung auf der Fähre

lässige Einriemenbefestigung auf der Fähre

Unterwegs buche ich ein Zimmer südlich von Corte in Santo Pietro di Venacco in der Villa Emmony, ruhig gelegen mit prächtigem Ausblick in das bergige Bozio-Gebiet. Die Weg dorthin beträgt nur 210 km, da ich im Navi “kurvige Strecke” eingegeben habe, benötige ich etwas mehr als 5 Stunden über kleine D-Strassen und bin einigermassen geschafft, als ich ankomme.

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San Michele de Murato

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Entsorgung à la Corse

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“zweisprachige” Schilder, oben französisch unten korsisch

Von dieser Fahrt ein paar erste Eindrücke:

die eigenwillige Kirche von Murato, im Jahr 1280 errichtet, bichromes Mauerwerk mit dem Wechsel horizontaler Bänder aus Serpentin und Kalkstein. Der Turm wurde im 19. Jahrhundert bei einer Restaurierung erhöht, dadurch gingen die Proportionen ein wenig verloren.

Die übermalten Verkehrsschilder zeigen, dass das Verhältnis zwischen Korsen und Franzosen nicht ganz ungetrübt ist.

Nicht mehr benötigte Automobile werden ab und zu einfach stehen gelassen.

Super Ausblicke, kleine feine Strassen mit besonders griffigem Asphalt erhöhen die Vorfreude für die kommenden Tage.

Blick auf Bozio-Gebiet

Bozio-Gebiet und der kleine Ort Santo Pietro di Venacco

Ausblicke

Ausblicke I

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Ausblicke II

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am Morgen

Nach süssem Frühstück u.a. mit vom Hausherrn selbstgemachter Marmelade aus grünen Tomaten mit Zitronen geht es heute los Richtung Bocca di Bavedda (franz.: Col de Bavella) über Zicaro und Quenza bis in den Hafen von Solenzara. Strahlender Sonnenschein, Temperaturen im oberen einstelligen Bereich, auf dem ersten kleinen Pass bei der Ortschaft Paese di Ghisoni so um die 6 °C.

Am Tag vorher gab es einen ziemliche Sturm auf der Insel, der einige kleinere Waldbrände entfacht hat. Mein Gastgeber berichtet mir schon am Morgen, dass es heute strikt verboten sei, wo auch immer, Feuer zu machen. In der Kurve auf dem Foto häufen örtliche Angestellte Blätter zusammen und stecken sie an, um sie zu “entsorgen”. Auf meiner heutigen Tour komme ich durch ungefähr 1000 Kurven, in denen i

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fröhliches Blätterbrennen in der Kurve

ch Blätter sehe, aber nur in einer einzigen wird diese für mich eher fragwürdige Prozedur durchgeführt. Ich habe die beiden Herren neugierig angesprochen, sie bestätigen, dass sie die Blätter in dieser Kurve einmal im Jahr durch verbrennen vernichten, da es ansonsten für die Autofahrer zu gefährlich sei. Das versteht man vielleicht nur, wenn man weiss, dass auf Korsika über 30 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst arbeiten.

Zurück geht es über sehr (!) kurvenreiche Strassen über Cauru, Bastelica, über den einsamen Col de Scalella zur Villa Emmony. Unterwegs in einem Café treffe ich Torsten aus Soest mit seiner MZ 1000, der ein paar Tage auf Sardinien und Korsika verbringt. Es gibt ein gemütliches Gespräch

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Paese di Ghisoni

unter Motorradfahrern. Torsten ist mit einer Türkin verheiratet, so lerne ich einiges über die veränderte Lage in der Türkei aus der Innensicht.

Ein paar Worte noch zum Verkehr: besonders Fahrer von weissen Kleinlastern aber auch von grossen Pickups scheinen sich permanent auf ein motorsportliches Event vorzubereiten. Bei sehr gutem Grip und bei äussserst geringer Verkehrsdichte werden Linkskurven komplett geschnitten, bei Rechtskurven wird weit links auf der Gegenfahrspur ausgeholt, dann natürlich nach innen gezogen und beim Herausbeschleunigen wieder die Gegenfahrspur genutzt. Diese Linie ist für die Rennstrecke optimal. Das Fahrverhalten führt jedoch dazu, dass wenn dir auf dem Motorrad einer von diesen entgegenkommt, er sich oft auf deiner Fahrspur befindet. Also Vorsicht! Überholen ist auch nicht so leicht. Wobei es landesübliche Sitte ist, beim Überholwunsch einfach den linken Blinker zu setzen und zu warten, bis der Kleinlasterrennfahrer dies gesehen hat. Das funktioniert gut. Zum Überholvorgang eines korsischen Pickup-Fahrers in der Kehre gibt es ein kleines Video:

Korsische Polizei

Korsische Polizei

Ein weiteres Thema im Verkehr ist die korsische Polizei. Sie ist natürlich auf den engen kurvigen Landstrassen nicht vorhanden – allerdings bezeichnen die Korsen die auf der Strasse stehenden Kühe, die auch schon mal unvermittelt am Kurvenausgang auftauchen, eben als die Polizei, die die Geschwindigkeit begrenzen soll (klappt weniger) und die den Aufmerksamkeitsgrad inkl. Adrenalinausstoss erhöht (klappt gut).

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weitere Verkehrsteilnehmer

Salade de Crottin

Salade de Crottin

 

 

 

 

 

 

 

Nach 360 km ist die erste Tagestour vorbei – viel mehr sollte man sich auf den kleinen Inselstrassen auch nicht vornehmen. Am nächsten Tag möchte ich mein “Basislager” in der Nähe des Weinortes Patrimonio aufschlagen, um den Norden zu erkunden. Es geht über Calacuccia, den Col de Vergio, die Gorges de Spelunca (die ihrem Namen alle Ehre machen) in das kleine Küstendorf Porto.

 

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auf der D84 nach Porto

und immer wieder: die korsische Polizei

und immer wieder: die korsische Polizei

Von dort mache ich einen kurzen Abstecher nach Süden bis nach Carghese vorbei an den “Roches Bleues”. Dann geht es wieder nach Norden – immer an der Küste entlang, bis ich Patrimonio erreiche.

Ein paar Impressionen von unterwegs:

in der Nähe des Boca a Croce

in der Nähe des Boca a Croce

genuesischer Wachturm

genuesischer Wachturm

 

BB (= Bucht-Blick)

BB (= Bucht-Blick)

Trotz intensiver Bemühungen gelingt es mir nicht, im Weinort Patrimonio ein Quartier zu finden. Die beiden Hotels sind um diese Jahreszeit bereits geschlossen. Auch ein älterer Winzer, der mich mit einem klapprigen Renault zu seinem Cousin fährt, kann mir nicht helfen. Der Cousin renoviert gerade seine Ferienwohnung. Aber so bekam ich wenigsten ein paar Einblicke in die 720-Seelen-Gemeinde. Spät abends bin ich dann wieder zurück nach Saint Florent, wo ich dann nach 2 Fehlversuchen ein super ruhiges, grosses Zimmer mit Küchenzeile im Hotel Adonis finde. Das Hotel ist für Motorradfahrer sehr empfehlenswert – ein paar hundert Meter von der Hauptstrasse entfernt auf einer Anhöhe gelegen. Wenn man ein Zimmer Richtung Meer hat, noch besser. Dort bleibe ich die kommenden drei Nächte.

im 130-Einwohner-Dorf Barrettali Richtung Monte Alticcione

130-Einwohner-Dorf Barrettali

Am nächsten Tag mache ich die Muss-Tour auf Korsika, die Umrundung des nördlichen Fingers (Cap Corse). Man folgt weitgehend der D80, wobei ich zusätzlich einige Abstecher ins Innere mache.

Ich fahre durch Barrettali weiter nach oben und komme in einem Vorort von Barrettali (3 Häuser, dort wo der Weg und die Welt zu Ende ist) mit 2 Korsen ins Gespräch. Nach angemessener Bewunderung meiner BMW äussern sich beide Herren lobend über durchreisende Touristen, mit denen man reden könne und die Fotos machten; aber: “Le pire c’est les Français”, also “Das Schlimmste sind die Franzosen”. Meine verwunderte Nachfrage wollen sie gar nicht verstehen, es ist doch klar: der französische

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Beschreibung der Historie und der Abmessungen (die Pläne wurden im XI. Jahrhundert von Kreuzfahrern aus dem Orient mitgebracht, bis 1850 waren die 2 Mühlen im Betrieb)

Tourist bleibt 14 Tage an einem Ort, tritt in Massen auf und stört das beschauliche Inselleben. Dass Korsika zum grossen Teil vom Tourismus aus Frankreich lebt, die gleiche Sprache spricht und sogar zum gleichen Land gehört, ist für die beiden Herren kein Argument. Die Franzosen sollen zahlen, aber die Insel mit grösstmöglicher Autonomie in Ruhe lassen. Na ja, da wollen wir mal nicht weiter diskutieren.

Überreste der Windmühle

Überreste einer Windmühle

Ein Stück weiter in Morsiglia gab es früher zwei Windmühlen.

Nach Absolvierung des Kulturprogramms ist es Zeit für ein Mittagessen. An der Marina von Port de Centuri wähle ich Moules Frites und um mich den Landessitten auch einigermassen anzupassen, dazu ein Glas Rosé.

Am nächsten Tag gibt es noch eine kleine Abschlussrunde durch das nördliche Landesinnere, die Bezirke Nebbio (korsisch für Nebel) und Haute-Corse. Dabei besuche ich auch das Skigebiet von Haut-Asco. Dort oben in fast 2000 m Höhe treffe ich auf einen Citroen Traction Avant, 15 CV, 2,9 l, 6-Zylindermotor mit sagenhaften 78 PS.

Moules Frites und ein Glas Rosé

Moules Frites und ein Glas Rosé

Double-Black in Haut-Asco

Double-Black in Haut-Asco

Indian summer auf der D147

Indian summer auf der D147

Schwarzer Strand von Nonza mit Tour Paoline

Schwarzer Strand von Nonza mit Tour Paoline

Nach dieser kleinen Abschlussrunde von ca. 260 km kaufe ich in Bastia noch die Fährtickets für die Rückfahrt nach Livorno am nächsten Nachmittag und komme mit Eintreffen der Dunkelheit im Hotel Adonis an.

Bis zur Abfahrt der Fähre ist noch Zeit, so nutze ich den Vormittag, um mir noch einmal den schwarzen Strand von Nonza anzuschauen. In der Gegend wurde bis 1965 Asbest abgebaut, der schwarze Strand besteht aus dem Abraum dieser Asbestförderung.

1768 belagerten französische Truppen den Turm. Aus allen Schiessscharten des Turms donnerte das Geschützfeuer. Man schickte einen Abgesandten zu Verhandlungen aus, mit dem Ergebnis, dass den Belagerten freies Geleit versprochen wurde. Wie staunten die Soldaten, als kurz darauf ein einziger Mann aus dem Turm herabstieg: der alte Jacques Casella, der sich ein System aus Schnüren gebastelt hatte, mit denen er sämtliche Gewehre und Kanonen allein abfeuern konnte. Jacques Casella ging als Held in die Geschichte ein (übernommen aus dem Dumont-Reiseführer).

Barockkirche Sainte-Julie aus dem 16. Jahrhundert

Barockkirche Sainte-Julie aus dem 16. Jahrhundert

Sainte Julie, bekanntlich die Schutzpatronin Korsikas, wurde hier von Kaiser Diocletian im Jahre 303 gefoltert und getötet, weil sie nicht vom christlichen Glauben abliess. Als man ihrem Leichnam die Brüste abschnitt und auf den Fels warf, entsprangen dort zwei Quellen, die bis heute als wundertätiges Wasser aus der Fontaine Sainte-Julie sprudeln. Es gibt im übrigen wahrscheinlichere historische Versionen dieser Geschichte, aber die werden auf Korsika nicht erzählt. Von daher möchte ich jetzt hier damit auch nicht anfangen…

noch lässiger verzurrt

noch lässiger verzurrt

Auf der Rückfahrt befestigt der Mitarbeiter der Fährgesellschaft die BMW wieder mit einem lässig gebundenen Riemen, diesmal am Gepäckträger. Der Verzurrprozess war sehenswert, da er diesen einhändig ausführte – mit der anderen Hand musste er schliesslich telefonieren.

In einer Woche bin ich mit An- und Abfahrt 3.100 km gefahren, es gab kein Regen dafür viel Sonne. Ab und zu hatte es morgens in den Bergen noch einstellige Temperaturen, tagsüber lag die Temperatur in der Regel zwischen 19 und 24°C. Korsika ist auch und vor allem ausserhalb der Touristensaison ein lohnendes Ziel. Ein kurzer Vergleich zu Sardinien: die Kurven folgen noch enger aufeinander, der Strassenbelag ist gleich gut, die Motorradstrecken sind fast noch spektakulärer, durch die Art des Strassenbaus, durch die lokale Fahrweise geht es vielleicht etwas ursprünglicher zu – aber Vorsicht schadet ja nie beim Motorradfahren.

7 Antworten zu Kleine Fluchten (Korsika Ende Oktober)

  1. Hi Jürgen, wie immer toll geschrieben :good:
    Korsika ist :yahoo: aber eine Woche ist viel zu kurz :yes:

  2. Prima Jürgen :good:
    War bereits 4x auf meiner Lieblingsinsel. Absolut empfehlenswert :-)

  3. Ich war schon lange nicht mehr auf Korsika- muß aber gerade nach diesem Bericht schnell wieder dorthin :yahoo:

  4. Sehr schön, beim Lesen merkt man richtig, wie viel Spaß du hattest.

    Für 2019 haben wir noch kein Ziel für die obligatorische “größere Auslandtour” auserkoren, Korsika könnt’s werden :good:

  5. Hallo Jürgen,
    es freut mich, dass dich die Korsen nicht enttäuscht haben. ;-)
    Mal sehen, vielleicht klappt es 2018 mit unserem Besuch
    auf dieser Insel.
    Liebe Grüße
    Herbert :bye:

    Beneidenswert: deine kurze Anfahrt zur Fähre… :-)
    Weiter eine gute Zeit für Dich !

  6. Sehr schöner Bericht. Korsika ist immer eine Reise wert…
    LG Michael :good:

  7. Macht Lust auf Nachahmung. Danke! :bye:

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