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GRENZ-ERFAHRUNGgeschrieben am 11.06.2009, 02:04:30. Kategorie(n): keine Kategorie
entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze – 20 Jahre nach dem Mauerfall
Montag, den 18. Mai
Um 8.30 Uhr habe ich meine Sachen gepackt und bin startklar. Lange hatte ich nicht gebraucht, um mir diese Tour vorzunehmen. Der MOTORRAD-Tourenplaner hat mich auf die Idee gebracht. Und der Gedanke war reizvoll, sich den Gewinn der längst verinnerlichten Freiheit noch einmal zu vergegenwärtigen. Der normale Alltag lässt zu wenig Zeit für solche Erinnerungen. Jede Begegnung mit dem ehemaligen „antifaschistischen Schutzwall“ und dem einstigen Todesstreifen dagegen ruft einen merkwürdigen Schauder hervor, der die heutige Wirklichkeit noch immer voller Dankbarkeit wahrnehmen lässt.
Die Fahrt nach Leipzig auf der romantischen B 2 durch die Dübener Heide unterbreche ich durch einen Abstecher nach Zschortau, wo ich jeweils eine kleine Runde mit Foto-Stopps über die beiden Anwesen „Obernteils“ und „Unternteils“ drehe. Das Gutshaus hat vor zweieinhalb Jahrhunderten der Urgroßvater des Großvaters errichtet. Ich muss mich sputen, in Leipzig werde ich von Cornelia zum zweiten Frühstück erwartet.
Gegen Mittag bin ich gen Süden wieder im Sattel. Nach Zeitz beginnt wieder etwas Landschaft, die auf das Vogtland zu immer lieblicher wird. Und dann beginnen die östlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Erstmals erreiche ich 600 Höhenmeter. Irgendwo in Deutschland spricht man von der „grünen Hölle“, hier beginnt das „grüne Paradies“. „Greiz-Schleiz-Lobenstein“ hieß das Fürstentum einstmals.
Und dann die erste Grenz-Erfahrung: die Saale als einstiger Grenzfluß in Hirschberg. „Dahinter beginnt Bayern“, klärt mich der Tankwart auf. Ich halte mich aber in Richtung Osten. Dort wird es immer schöner: Plothen mit seiner Teichlandschaft, Knau mit den Schwestern der „Einsiedelei“ der Communität Christusbruderschaft aus dem nicht allzu fernen Selbitz. Erlebnis für alle Sinne, für Leib und Seele.
Irgendwie hat das Navi geschlafen. Zum angepeilten Campingplatz jedenfalls führt es mich nicht. Gegen 19 Uhr komme ich trotzdem an. Nach 10 Stunden und 410 Kilometern ist das Ziel erreicht. Welch himmlische Ruhe hier in Lichtenberg!
Dienstag, den 19 Mai
Als ich aufwache, liegt romantischer Morgennebel über dem See. Die Dusche spült den letzen Schlaf aus den Gliedern. Zum Sprung ins kalte Nass fehlt mir im Augenblick noch der Mut.
Auch wenn es über Nacht nicht geregnet hat, sind Zelt und Maschine heftig feucht. Das Motorrad lässt sich trocken wischen, das Zelt muss klamm in seinen Beutel.
Nach einem ausführlichen Frühstück bin ich um 7 Uhr startklar. Der Himmel verspricht einen schönen Tag. Damit straft er alle Meteorologen und ihre Prognosen Lügen.
Der Weg führt über malerische Straßen, durch duftende Felder und sattgrüne Wälder zunächst nach Probstzella. Den einstigen Grenzbahnhof muss ich mühsam suchen. Keinerlei Hinweis im Ort. Ob man sich hier dieser Vergangenheit schämt? Oder der verwahrlosten Gegenwart des heutigen Gebäudes? Die Bahn AG bietet es schon zum Verkauf an. Die Schalterhalle ist längst geschlossen.
Alles sieht trostlos aus. Die Schrecken dieses Ortes sind Vergangenheit und glücklicherweise mit dem letzten Interzonenzug vor 20 Jahren längst abgefahren. Der Zug, der eben einfährt, nimmt lediglich eine einzige harmlose Reisende in Richting „Osten“ auf. Ein letzter Blick von der Signalbrücke mutet an, wie der Blick in eine hoffentlich nie vergessene Vergangenheit!
Auf den nächsten Kilometern zeigt sich Thüringen von seiner schönsten Seite. Die Strecken sind teilweise richtig anspruchsvoll zu fahren. Die Kurven machen riesigen Spaß.
In Eisfeld beherbergt der ehemalige Wachturm der Grenzer heute ein Büro der Stadttouristik. Weitere Hinweise auf Maschenzaun und Stacheldraht mit Selbstschussanlagen muss man wieder engagiert suchen, ehe man sie findet. Schließlich haben sie ihre Funktion längst verloren. Zum Glück! Wenn sie und ihre Geschichten deswegen nur ja nicht in Vergessenheit geraten!
Die Fahrt geht weiter über Hildburghausen, Sonneberg, Suhl und Meiningen bis nach Gerstungen und Bebra. Hier finde ich nach 9 Stunden und 370 Kilometern Quartier bei den Brüdern und Schwestern der Kommunität Imshausen.
Nein, ein Kloster ist der „Hof Vockerode“ nicht. Die frommen evangelischen Männer und Frauen leben dennoch gemeinsam in Armut, Keuschheit und im Gebet. Die ältesten unter ihnen erinnern sich sogar noch daran, dass ich als Kind noch vor dem Mauerbau bereits einmal hier war. Da ist das Schwelgen in Erinnerungen dran. Das Anwesen gehörte Tante Vera. Ihr Bruder, Adam von Trott, war wegen seiner Beteiligung an dem missglückten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 einen Monat danach von den Nazis hingerichtet worden. Vater ging damals hier ein und aus. Ich selbst war 10 Jahre alt, als ich das erste mal hier war.
Mittwoch, der 20. Mai
Für die Kommunität in Imshausen beginnt der Tag zeitig. Um 6.30 Uhr ist Zeit zum Morgengebet. Dann frühstücken Männer und Frauen getrennt. Um 9 Uhr ist die zweite Gebetszeit. Danach wird die Arbeit eingeteilt. Heute ist mehr zu tun, als an anderen Tagen. Eine Gruppe von Kindern ist angemeldet. Die wollen das lange Wochenende von Himmelfahrt für gemeinsame Unternehmungen nutzen. Daneben geht der ökologische Landbau weiter. Das Milchvieh und die Bienen wollen auch versorgt sein.
Unten im Dorf steht das prächtige Gutshaus. Heute hat hier die Adam-von-Trott-Stiftung ihren Sitz. Das bedeutet politische Bildungsarbeit. Reinhard Höppner, der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, ist der Vorsitzende.
Der Morgennebel hat sich gelichtet. Die Fahrt geht bei schönstem Sonnenschein weiter durch liebliche Landschaften.
Die Strecke kreuzt ständig die ehemalige Grenze zwischen Ost und West. Plötzlich steht wieder ein noch ganz im Original erhaltener Wachturm am Wege. Der Grenzpfosten davor ist neu gestrichen in schwarz und rot und gold. Ein Grenzstein zeigt die drei ebenfalls neu nachgezeichneten Buchstaben „D.D.R.“ Sogar ein Stück Machendrahtzaun steht noch. Auch der Postenweg ist befahrbar.
Langsam kommt das Harzvorland unter die Räder. Und dann ab Bad Lauterberg die Höhen. In St. Andreasberg mache ich einen Halt. Hier hat die Großmutter gelebt und war für uns aus dem Osten unerreichbar. Selbst dann nicht, als sie zu Grabe getragen wurde.
Es folgen Braunlage, das Torfhaus, Drei Annen Hohne und Ilsenburg mit dem Schloss; schließlich Schierke. Alles Namen, die Musik sind in den Ohren der Biker aus ganz Deutschland. Der frühere Grenzkontrollpunkt „Am Stern“ ist heute Campingplatz.
Während ich nach 7 Stunden und 270 Kilometern mein Zelt aufbaue, erweist sich der Schotter für die Standsicherheit meiner Kuh als nicht stabil genug. Der Umfaller tut meiner Seele mehr weh als der Maschine. Dennoch hat es die Nieten der Kofferhalterung abgeschert. Der ADAC in Braunlage hilft schnell und professionell.
Donnerstag, der 21. Mai
Regentropfen trommeln die ganze Nacht über gegen die Zeltwand. Die Behausung hält aber dicht und bewährt sich damit. Gegen Morgen hört das Konzert auf, und ich gehe duschen. Währenddessen setzt der Regen schon wieder ein. Aber bis auf das Zelt bleibt alles trocken, und ich kann alles andere getrost verstauen. Die nächste Regenpause reicht gerade, um das Zelt zusammen zu packen.
Startklar zur nächsten Etappe. Doch der nächste Schauer lässt nicht lange auf sich warten. Die nächste Bushaltestelle dient als Umkleidekabine. Ich schlüpfe in die Regenhaut. Die hilft: von nun an fällt kein Tropfen mehr vom Himmel.
Auf meiner Strecke werden die Grenz-Erfahrungen dichter. Offenbar sind die Erinnerungen in den nördlichen Gegenden der einstigen „Demarkationslinie“ schmerzliche empfunden worden als im Süden. Eindrucksvoll ist der erhaltene Grenzabschnitt bei Hötensleben in der Magdeburger Börde.
Das empfinden auch die vier Motorradbesatzungen aus Schweden, die hier ganz entsetzt Halt machen. Denn hier stehen gleich zwei Mauern: eine als der bekannte „antifaschistische Schutzwall“ und eine zweite direkt vor den grenznahen Gartengrundstücken als Sichtschutz, der den sehnsüchtigen Blick der Dorfbewohner von Ost nach West verhindern sollte.
Die „Gedenkstätte Deutsche Teilung“ am ehemaligen Grenzübergang Marienborn ist nicht weit. Heute, am Himmelfahrtstag, ist sie tausendfach überlaufen. Die perfide Überwachungspraxis hier habe vor der Wende selbst erfahren. Erschreckend später die Erkenntnis, mit welch primitiven technischen Mitteln einerseits, mit wie viel Psychologie aber an diesen Orten Angst verbreitet wurde. Diesmal fahre ich sehr bald weiter.
Eindrucksvoll ist dann wieder das Grenzmuseum in Bockwitz.
Hier sind teilweise köstliche Artefakten mit Akribie gesammelt und mit Liebe ausgestellt. Noch weitere Orte dokumentieren die Wunden, die das Grenzregime der ehemaligen DDR in die Seelen der Menschen geschlagen hat. Oebisfelde etwa oder Schnackenburg. Überall Erinnerung.
Zum Beispiel an die Soldaten, die die Grenze überwunden haben. Und an die Opfer. Besonders dramatisch ist das Schicksal von Stresow. Der Ort lag zu dicht an der Grenze. Er wurde deshalb bis auf den letzten Ziegelstein geschleift.
In Dömitz dagegen genießt man den freien Blick von der Festung auf die Elbe. Früher war der mit einem undurchdringlichen Gewirr aus Stacheldraht verbaut.
Leider finde ich hier keinen Zeltplatz. In flotter Fahrt geht’s darum noch nach Lauenburg. Nach knapp 11 Stunden und 464 Km erreiche ich dort den Campingplatz Lanze. Der ist nur zu empfehlen!
Freitag, der 22. Mai
Wie gut es doch ist, wenn man eine Regenkombi besitzt! Aber davon später. Am Ende des Tages werde ich 9 Stunden lang und 383 km weit auf dem Bock gesessen haben. Zunächst aber ist Lauenburg ein ganz heißer Reisetipp für alle, die die Idylle der Schifferstädtchen an der Elbe lieb gewonnen haben.
Von denen gibt es ja einige. Irgendwie ähneln sie sich alle. Und wer sie einmal in sein Herz geschlossen hat, kann ihrer nicht genug haben, sehen und erleben: Aken, Werben, Schnackenburg, Hitzacker – und eben Lauenburg. In meinen Ohren klingen diese Ortsnamen längst wie Musik!
Mein Weg führt mich dann nach Büchen. Durch seinen Bahnkontrollpunkt auch ein Ort deutsch-deutscher Grenz-Erfahrung. Heute ist davon allerdings nichts mehr zu erkennen. Ich fahre darum familiärer Erinnerungen wegen weiter nach Hamburg. Dort entdecke ich im Stadtteil Barmbeck bei der Volkmannstraße die Bugenhagenkirche. Die ist heute eine Theaterprojekt zur Arbeitsförderung. Ein freundlicher Mitarbeiter führt mich durch die ungewöhnliche Jugendstil-Architektur des inzwischen entwidmeten Gotteshauses. Der Kirchsaal im Obergeschoß ist aufwändig saniert, genutzt wird er nur noch selten – kurioserweise von einer russisch orthodoxen Gemeinde.
Weiter suche ich mein Ziel und komme, vorbei am Maschener Kreuz, zu dem südlioch der Elbmetropole gelegenen, kleinen Ort Ramelsloh.
Wo gibt es das noch, dass ein Dorf einen richtigen Dom besitzt, eine wirkliche Bischofskirche. Die Menschen sind nach wie vor stolz auf diesen Bau, auch wenn er verhältnismäßig bescheiden ausfällt. Eine Messingtafel erinnert an den Domherren, der das Gebäude einst errichten ließ.
Hamburg und Ramelsloh waren nur Abstecher. Mein eigentliches Ziel ist Schönberg in Nord-West-Mecklenburg. Unterwegs aber setzt ein derart heftiger Regenschauer ein, dass ich keinen weiteren Ehrgeiz aufbringe, dieses Ziel auch wirklich zu erreichen. Ich stelle mir vor allem vor, wie ich nach einen Campingplatz suche und dort mein Zelt aufschlage. Dazu habe ich bei diesem Wetter nun wirklich keine Lust. Zumal ich nahe Schwerin gut bei Gabriele unterkommen kann. Die Regenkombi leistet mir nun erstmals überzeugend ihre Dienste. Zwei Stunden mit Genuss in strömendem Regen auf dem Motorrad – eine ganz neue Erfahrung und tatsächlich schön!
Sonnabend, der 23. Mai
Von nun an beginnt die Rückfahrt. Ein Abstecher führt mich nach dem nicht weit entfernten Zülow. Dort lebt seit ein paar Jahren Katharina. Katharina ist inzwischen 84 Jahre alt, war aber selbst begeisterte Bikerin. Selbst Ralleys ist sie mit ihren verschiedenen Maschinen gefahren, damals, als sie noch in NRW gelebt hat. Von ihrer Honda schwärmt sie besonders. Damit hat sie sich als erste Frau die Goldene Motorsportnadel des ADAC erfahren. Heute geht sie nur noch ihrem zweiten Hobby mit Leidenschaft nach. Das riesengroße Tipi im Garten ist beredtes Zeugnis ihrer Leidenschaft, mit der sie indianische Kulte pflegt. Wenn sie am Lagerfeuer erzählt, hängen ihr die Kinder stundenlang mit weit aufgerissenen Augen an den Lippen.
Zum Abend bin ich bei Jochen in Werben angemeldet. Bis dahin habe ich viel Zeit. Ich suche darum, noch einmal die Elbe zu erreichen. Das gelingt noch einmal nahe Dömitz, westlich von Wittenberge
und in Schnackenburg.
Ich genieße die Weite der Flußlandschaft und mache einmal öfter Rast.
Schließlich bin gerade rechtzeitig zum Kaffee mit selbst gebackenem Rhabarberkuchen am Ziel.
Viel Zeit, längst vergangene Erinnerungen wachzurufen und miteinander auszutauschen. Später stoßen Manfred und Christen noch dazu. Guter Grund, den Grill anzuwerfen. Ein Abend, der nur schwer ein Ende finden will.
Sonntag, der 24. Mai
Gemeinsames Frühstück in großer Familienrunde. Ein VW-Bus fährt am Grundstück vorbei, der Pfarrer hat wohl außerhalb Gottesdienst. Schade, dass der prächtige hochgotische Bau der Johanniterkirche hier am Ort darum heute leider wohl verschlossen bleibt.
Ich besuche darum gern den Landschaftsmaler in Räbel. Der wohnt dort idyllisch im allten Pfarrwittum und freut sich ebenfalls übers Wiedersehen. Hier ist die Welt noch in Ordnung, denn die Uhren ticken ganz anders als in der geschäftigen Welt des 21. Jahrhunderts. Hier ist man noch Mensch, hier darf man’s sein. Ganz auf die Natur bezogen, bis vor wenigen Jahren ohne Fernseher und ohne Telefon. Nur mit Pinsel und Staffelei über die Felder und durch die Auen streichen. Das ist eine Lebensqualität der anderen Art. Ist es das, weshalb der Künstler offenbar ganz mit sich eins zu sein scheint?
Ich habe noch den ganzen Tag Zeit, mache mich um die Mittagsstunde dann aber doch auf, zunächst entlang der Elbe und später durch die Letzlinger Heide nach Magdeburg zu fahren. Dort will ich mich mit Dorothea bei Gerhard und Waltraut treffen. Die sind gerade von einer Weltreise zurückgekehrt und wollen im Freundeskreis darüber berichten.
Danach sehne ich mich nun doch nachhause zurück. Es wird spät. Als ich gegen 23 Uhr die Kuh in die Garage fahre, stehen nach 7 Tagen immerhin 2232 Kilometer auf der Uhr. Und ich resümiere: jeder Einzelne davon war es wert, diese Tour erlebt zu haben.
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Kommentare zu diesem Artikel
- Von Dolmant, geschrieben am 12.06.2009, 14:56:55:
(ID: 490)
Hallo Leander,
sehr schöner Bericht. Prima geschrieben. Schade, dass keine Bilder die Beschreibungen ergänzen.
Gruß Kai
- Von leander, geschrieben am 14.06.2009, 22:41:14:
(ID: 491)
Jetzt sind auch die Fotos von der Tour mit im Bericht. Danke, Kai, für die praktischen Tipps dazu!
LEANDER
- Von wm.1957, geschrieben am 16.06.2009, 19:18:34:
(ID: 497)
hallo leander!
dein bericht gefällt....weiter so....
lg.werner