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als es das noch gab: DB Autozug Hamburg - Südfrankreich für 9,90 Euro  Unten

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  • eine ältere geschicht von mir die ich wiederfand: gegen den winterfrust...

    „Avignon Centre“ höre ich im Halbschlaf. Ich drehe mich noch mal um auf der Liege des Reisezuges, bin aber eigentlich vor Aufregung schon wach. „Sur le pont d’Avignon on i danse...“ geht mir unausweichlich durch den Kopf. Wieder mal hier, jedes mal ein Fest. Supersonderangebot der Bahn. Zu Anfang und Beginn der Saison gibt es den Motorradtransport von zu Hause in Hamburg-Altona bis bspw. an die Cote d’Azur in Südfrankreich für 9,90 Euro. Anfang Oktober ist hier im Süden noch feinstes Wetter. Also nicht lange überlegt und schon im Januar reserviert.

    Und heute, im frühen Oktober, komme ich an. Sonne, milde Luft, gut geschlafen, gut gefrühstückt. Das Abteil teile ich mit Gerd und Christel aus Kevelaar – beide so um die fünfzig – die flirten und schmusen wie mit siebzehn. Die Beiden sind erst seit fünf Monaten zusammen und turteln wie die Teenager.
    Urplötzlich: Frejus! Zack raus, zack Motorrad, zack: „äääh pardon, monsieur, je cherche la D4 et, ääääh, je ne sais pas que...“ „Pas problem. C’est direction centre ville, d‘apres Bagnols et D4, c’est ca!“
    Hmmm, ich glaube, ich habe richtig gefragt und sogar die Antwort verstanden. Und tatsächlich: Auf Anhieb die D4 und damit den Weg in die Berge gefunden, die Cote d’Azur interessiert diesmal nicht. Zunächst will ich nach Westen, durch die Provence in die Ardeche, ab da nur noch nach Norden, immer die Sonne im Rücken.
    Kurz darauf kommen mir während des Fahrens einzwei Tränen, ich bin überwältigt, es ist zu schön hier. Ich habe ziemlich nah am Wasser gebaut, wie man so sagt. Eine erste exzellente „Plat de Jour“ in Fayence „Sauté d’agneau au Basilit et Gratin Dauvenious“ oder so, genau habe ich die Karte nicht verstanden. Eigentlich überhaupt nicht. Egal. Ich bin glücklich. Entfernt vom Alltag, der mir manchmal einfach zuviel wird.

    Was für eine Landschaft, was für ein Tag. Aus den direkten Alpenausläufern bin ich schnell raus, die Schlucht von Verdun habe ich gar nicht gesehen vor lauter Kurvengier. Sauwohl fühle ich mich. Das Motorrad, meine Lederkombi, mein Helm, meine Augen, mein Körper, das Gepäck, alles zusammen ergibt eine vollendete Einheit. Nichts stört diese Harmonie zwischen mir und meinem Motorrad. Klar verbremse ich mich, verschalte mich, hätte früher wieder ans Gas gehen müssen. Aber mein Motorrad und ich kennen uns so gut, daß wir beide nur lachen, wenn ein Manöver danebengeht. Und Beide brüllen wir vor Spaß, wenn die Kurve richtig zieht. Ein Team. Freunde.

    In Moustier St Marie will ich nicht bleiben, der schöne Ort ist mir zu offensichtlich auf Besuch von außerhalb eingestellt. Das Hotel der allgegenwärtigen Güteklasse „Logis de France“ hat tollen Blick und tolle Terrasse und tolles Restaurant und alles Pipapo. Nur, mir ist das zu einfach, zu naheliegend. Obwohl ich schon müde bin, fahre ich weiter. Im nächsten Ort: Kein Hotel. Im nächsten Ort: Das häßlichste Hotel der Welt, geht gar nicht. Dann Forcalquier. Das habe ich gesucht. Tolles Städtchen, der Bäcker hat noch auf, zwei superschöne, schnuckelige Hotelchen... Ich wußte doch, ich hab den Riecher. Erfahrung und hervorragender Instinkt zeichnen uns Kosmopoliten eben aus. Aber: Hotel Eins ist zu, bis Mitte Oktober. Panisch zu Hotel Zwei: Zu, bis Ende Oktober. Nachsaison. Scheiße. Ich erfahrener Kosmopolit habe Hunger, bin müde, mir tun die Knochen weh, mir ist kalt. Und jetzt? Keine Stadt mehr in der Nähe, es wird dunkel. Nach kurzem geradebreche mit einem netten Gastronomen schickt der mich auf einen Bauernhof; „Ferme Auberge“ vor der Stadt.

    Kaum angekommen lacht der große Hofhund mich an. Freunde ab der ersten Sekunde. Fünf Minuten später und der schmeißt sich auf den Rücken, ich soll ihm den Bauch kraulen. Die Hausherrin des etwas abgelegenen Bauernhofes vermietet höhlenartige, kerkerähnliche Zimmer. Roher Stein, dunkles Naturholz, dunkelrotes Bett. In Decke und Wänden sind große Haken und Ösen eingemauert. Meine Fantasie geht wieder mit mir durch. Ich fühle mich wunderbar, esse Brot, Käse, Trauben und Äpfel und alles stimmt. Meine erste Nacht beginnt.

    Dunstige Felder, irgendwelche Tiere, mehr zu ahnen als zu sehen, Nebel, kalte Nase, komische Geräusche. Vor dem Zähneputzen direkt aus dem Bett vor die Tür mit Blick auf die Landschaft der Provence an einem sehr frühen Oktobermorgen. Verliebtes Staunen. So lange, bis der Hunger in die Gasträume meiner Auberge treibt. Ich bin allein. Ein riesiger Hirsch - vierzehn Enden zähle ich – hängt neben meinem Frühstück an der Wand. Nur ein Gedeck, die anderen Mieter scheinen feste Dauergäste zu sein. Ich unterhalte mich mit dem Hirsch. Trinke meinen Kaffee lieber draußen. Zitronen wachsen hier. Mein dicker und warmer Day&Night-Fleece-Pullover braucht bereits erste Duftkorrekturen. Von Hund und Madame verabschieden, packen und los zur Ardeche.

    Und wieder hängengeblieben. In Banon. Heute ist Dienstag, Markttag. Brot, Obst, Käse, die Überjacke kommt wieder ins Gepäck. Ein Morgen in der Provence im Oktober ist wunderbar. Jeder grüßt jeden, die meisten küssen sich zur Begrüßung, ein älterer Herr fragt mich nach der Systematik deutscher Nummernschilder. Ich erkläre in fließendem Hände- und Füße-Französisch, die Sache klärt sich: „Merci“, „de rien...“ antworte ich weltgewandt. Der zweite Frühstückskaffee ist verdient. Nach den Strecken der Haute-Provence sind mir die einzelnen unkurvigen Zwischenetappen zur Ardeche sehr langweilig. Zeit- und Raumlosigkeit entsteht nicht. Warten, daß es wieder losgeht mit der Kurverei. Wie schnell man anspruchsvoll wird. Und dann kommt’s ganz dicke: Die „Gorges des Ardeche“. Mir wird keiner glauben, daß ich diese Wahnsinnsschlucht nicht einmal gesehen habe. Nicht ein einziges mal. Kein Halt in diesem Kurvenrausch. Gas, bremsen, schalten, reinlegen, ab Kurvenscheitelpunkt wieder Gas und weg. Immer wieder. Und nochmal. Und nochmal.
    Mit zitternden Knien erreiche ich Vallon Pont d’Arc. Das erste Haus am Platz, keine Zeit, jetzt noch Geheimtipps zu suchen, gegen meine Prinzipien, aber ich kann nicht mehr. Was für ein Tag, ab morgen geht’s nach Norden.

    Lange geschlafen, das war wohl anstrengender als ich dachte, gestern. Ich rieche gut. Immer in Frankreich fange ich nach kurzer Zeit an, gut zu riechen. Die milde Luft? Die Entspannung? Wärme ohne Hitze? Wie dem auch sei... Ich rieche gut, freue mich auf mein petit dejeuner in der Ardeche. Eigentlich ein Touristenort für die allgegenwärtigen Radsportler und Kanuten. In der Nachsaison erträglich, die gastronomische Ausrichtung des Ortes läßt den Durst der Sportler in der Hochsaison ahnen.
    09.00uhr, ich nehme mein Frühstück „exterieur“, es ist bedeckt, keine Sonne, mild. Die kleine Terrasse des Hotel Berneron gibt den Blick frei. Der Friseur vis a vis bedient „masculin et feminin“. Kein Lüftchen regt sich, es liegt Regen in der Luft. 18 Grad am frühen Morgen.

    Auf einer Landstraße bei Valgorge bin ich der französischen Version vom Arsch der Welt schon sehr nahe. Zwei Esel – einer grau, einer schwarz – trampeln am Hang entlang und verschwinden im Wald am Fluß. Zeit, Raum, alles steht still. Das Motorrad knistert die Wärme ab, die Luft ist feucht. Ich fotografiere, esse oder sitze einfach nur so rum. Allein. Der Ort La Parot besteht aus zwei Häusern, heute ist aber niemand da, die Fenster sind verriegelt. Aus Nebel wird Niesel, aus Niesel Regen, aus Regen Dauerregen. Auf 1.400 Meter Höhe, mitten in den Wolken. Patschnaß. Die Hand vor Augen nicht. In Tempo 30km/h bis max 50km/h runtergeschlichen. Hilfe, ich seh nix mehr. Drei Pässe liegen bereits hinter mir, gesehen habe ich nur das Hinweisschild an der Passhöhe, weil ich näher als drei Meter daran vorbeikam. Der Regen läuft in Kragen und Handschuhe. Endlich Wegweiser, Zivilisation, auch hier leben Menschen. Der nächstgelegene Ort ist St Laurent des Bains in der Ardeche. Acht Kilometer ohne Sicht sind weit.

    Dieser uralte Badeort für Rheumatiker ist genau das richtige, um hier auf gutes Wetter zu warten. Ich nehme eine Gite d’Etape in einer netten Pension. 14 Euro für ein schönes Zimmer mit Bad und Aussicht sind toll. Ein kleiner Rundgang und der erste Eindruck täuscht nicht: Hier ist nichts los. Überhaupt nichts. Noch nicht einmal Telefonempfang. Die klatschnassen Sachen hängen an der Heizung, ich liege im Grand Lit und plane meinen morgigen Kurtag. Massagen wären toll. Oder Thermalbäder. Oder beides. Zunächst aber ein Nickerchen vor dem Abendessen. Das kleine Menu zu 14 Euro, Salat, irgendwas, was ich nicht verstehe als Hauptgang, Gemüse, Käse, Dessert. Mit Hamburger Vorstellungen von einem Menu kommt man in einem südfranzösischen Landrestaurant nicht weiter. Der Salat ist riesig, alles drauf, was der Markt hergibt. Die Hauptspeise sind Nudeln mit Gulasch. Sehr lecker. Wenn man die Menge der beiden Schüsseln umrechnet, handelt es sich um drei volle Teller Nudeln mit Gulasch nach dem Riesensalat. Ich bin ein Vielfraß, aber ich schaffe es nicht. Madame ist etwas pikiert. Weswegen sie wohl besonders guten Käse auftrug. Keine Chance, ich kann nicht mehr. Das Pistazieneis würge ich noch rein, beim Kaffee muß ich passen. Morgen muß ich wieder hier essen, es ist das einzige Restaurant im Ort. Das kleine Menü von heute schaffe ich nicht noch einmal, sonst gibt es aber nur noch das große Menü. Ich muß mich darauf vorbereiten, darf morgen tagsüber nichts essen, um Madame nicht zu provozieren. Nach ausreichend Bullrich-Salz gegen das Sodbrennen schlafe ich irgendwann ein.

    Aufwachen, Aufstehen. Kurtag. tres bon. Im Kurhaus radebreche ich mir eine Therapy Rhematique für 50 Euro zusammen. Ich verstehe kaum etwas von der rheumatischen Kur-Fachsprache. Die Damen sind an meinem Fall interessiert und stellen irgendwas für mich zusammen. Zunächst erhalte ich Badeschlappen, einen viel zu großen Bademantel (so dünne Leute haben die hier selten), eine Badehose. Die Badekappe wollten sie mir nicht geben, weil ich ja keine Haare auf dem Kopf habe. Schade. Das Ganze macht Spaß. Wassermassagen, richtige manuelle Massagen, Fango, Dampfsauna. Das Lustigste ist, daß ich nie weiß, was ich als nächstes machen soll und immer eine der zupackenden Damen von der Therapy Rhematique konsultieren muß. Einmal verstehe ich falsch, gehe statt in den linken in den rechten Raum und sitze mit Kurkarte und Kurtasche in der Hand im Umkleideraum des Badepersonals und warte auf weitere Instruktionen. Die Damen kichern und tuscheln und zerren mich an meinem Mantel an die Stelle, die als nächstes auf meinem Kurplan steht. Zudem motiviert die Damen wohl, daß ich etwa fünfunddreißig Jahre jünger bin als der durchschnittliche Kurgast und – dank Kieser Training - auch noch recht muskulös. Zum Schluß ein Entspannungstee an der überdimensionierten Fensterfront der Entspannungshalle auf einer Entspannungsliege mit Entspannungsblick auf die Montagne Ardechois. Perfekt.

    Mittags ist das große Menü überstanden, kein schwächeln, Madame ist zufrieden mit mir. Wenn man sechzehn Stunden nicht gegessen hat, gar nichts, geht das ganz gut. Spaziergang, Fotos, Berge. Es wird klar: Ich fahre dem Winter entgegen. Wußte ich auch vorher, nur habe ich nicht daran denken wollen. Auf dieser Höhe, wenn die Sonne weg ist, wird es richtig kalt, auch nicht wärmer als in Hamburg. Die weitere Streckenplanung sollte möglichst unter 1.000 Metern Höhe bleiben. Ich packe, morgen verlasse ich meine hübsche Gite d’Etape.

    Was für ein Tag! Von Stunde zu Stunde wird es klarer, ich frühstücke an einer Ziegenwiese. Die Ziegen finden mich doof und meiden mich. Als ich die Ziegen dann auch ignoriere, finden sie mich dann doch interessant und kommen immer näher, werden fast aufdringlich. Kommt mir bekannt vor.
    Die Ardeche ist eines der schönsten Gebiete, das ich kenne. Die Provence kann lieblich, sanft sein. Die Alpen dagegen rauh, herb. Die Ardeche kann beides. Dieser Tag ist ein Rausch erster Klasse. Es wird richtig warm, ich trage nur noch Leder, 22° zeigt ein Thermometer. Wie benommen fahre ich immer weiter, kann mich nicht satt sehen, glaube dies alles kaum. Als ich nach Stunden wieder zu mir komme, bemerke ich nur noch Hunger und Erschöpfung. In St Fuy Argentiniere habe ich keine Lust auf Hotelsuche lande zur Strafe im miesesten Zimmer Westeuropas.

    Gepennt habe ich trotzdem gut. Wieder ein Morgen aus dem Bilderbuch, nördlich von Lyon. Deutschland nähert sich. 26°. Fast eine Woche bin ich unterwegs, es gefällt mir, allein zu sein. Die Morgenfahrt ist eine Offenbarung. Soviel landschaftliche Schönheit bereits am frühen Morgen ist fast zuviel. Auf jeden Fall mehr, als ich beschreiben oder fotografieren könnte. Man fährt so vor sich hin, alles ist so ganz hübsch, auf einmal macht der Blick auf. Ein Tal, eine Lichtung, ein Berg, ein Fluß, was auch immer es ist, es haut einen um, verschlägt die Sprache, zwingt zum Anhalten. Man steht fassungslos davor und kann es nicht glauben. Oft stehe ich so da, Tränen wollen kommen. Tun sie sogar manchmal. Das ist mehr als Staunen. Beten?

    In Rivolet an der D504 bestelle ich wieder, was ich nicht verstehe. Das Leben kann so spannend sein. Es stellt sich als Taube heraus, mit noch irgendwas. Das Irgendwas ist gut. Zimmer vermieten die beiden schönen Wirtinnen leider nicht. Ich hätte gerne eines genommen und den Tag bei denen verbummelt. Das viele Motorradfahren strengt langsam an.

    Das Jura erscheint mir langweilig, auf den ersten Blick. Lange, wie abgebrochene, schroffe Felshänge. Kaum Kurven, die in der Michelin-Karte gelbgrünen Straßen führen zwischen den Gebirgskämmen gerade hindurch. Auf der Karte sehe ich kleinere, weiß eingezeichnete Straßen. Mal sehen, ob ich morgen mit meiner dicken Kiste da durch komme. Den Straßen hier traue ich nicht so richtig. Zuviel Rollsplitt. Überall liegt der feine Kies herum, teilweise gemischt mit winzigen Teerklümpchen, die auf dem Auspuff festschmoren. Nimmt man auf gerader Strecke Gas weg, verliert das Motorrad durch den starken Rollwiderstand sofort Tempo, wo es auf deutschem Asphalt ungebremst lange ausrollen würde. Der hohe Reifenverschleiß ist die Kehrseite der guten Kurvenhaftung auf Frankreichs Landstraßen. Unweit von Genf finde ich in St-Germain-de-foux in den Bergen des Jura ein Bett für die Nacht.

    Irrer Sonnenaufgang in den Bergen. Es ist zu faszinierend hier, zumal für mich Flachländer. Noch nicht einmal meine geliebte Elbe fehlt mir. Aber ich vermisse den Duft der Frauen. Jedes böse Wort, auch nur jede Andeutung, daß der Jura nicht schön sei, nehme ich hiermit zurück und behaupte das Gegenteil. Auf einer Almwiese in der frühen Mittagssonne wärmt der Tag, schmeichelt die Luft. Es riecht so gut. Nach Heu und Gras und Wasser und Wald. Heute morgen fuhr ich mit meinem 250km/h-Raumschiff zufrieden untertourig brummend durch frühe Dörfer an saftigen Wiesen und fröhlichen Kühen vorbei. Fehlt noch, daß ich Blümchen gepflückt hätte. Haute Jura ist eine Pracht.

    In St Claude, einem Verkehrsknotenpunkt, gibt es viele Geschäfte mit vielen großen Schaufensterflächen. Tief beeindruckt bestaune ich im Vorbeifahren mein Spiegelbild in den Fenstern und finde mich irre cool auf meinem Motorrad. Das Ganze geht auch diesmal ohne Auffahrunfall über die Bühne. Viele schöne Stunden später schaue ich während des Abbiegens in Schrittgeschwindigkeit auf meine Karte im Tankrucksack. Das Hindernis sehe ich nicht. Verkehrsinseln sind während ihrer frühen Bauzeit nur eine niedrige Abgrenzung aus Beton, zehn Zentimeter hoch, und ein flacher Graben, weitere zehn Zentimeter tief. BuppBuppBooomkrrrr.

    Ein paar Kratzer, nix Schlimmes. Ich fahre einfach zuviel, werde unkonzentriert. Kriege den Hals nicht voll. Bin mittlerweile erkältet und fahre diese anstrengenden Bergstrecken seit einer Woche täglich acht Stunden. Jetzt liege ich in meinem kleinen Graben, eher ein Sandkasten, kriege das Motorrad in dem weichen Sand nicht aufgerichtet und muß total lachen über die doofe Situation. Ich gebe vorbeifahrenden Motorradfahrern Handzeichen, die halten an, ich erkläre die Situation, wir lachen zusammen.

    Aber wie die schwere Kiste da raus kriegen? Der Franzose stellt schnell ein paar Steine zu einer Art Rampe zusammen, ich bleibe auf dem Motorrad sitzen, im Sand kann ich die schwere Triumph nicht abstellen, die würde einsinken und wieder umfallen. Der 100kg-Franzose instruiert: „Regardez ca, gasgasgas et d’apres allez hopppp.“ Hmmm, verstanden habe ich, was der meint. Aber wie soll ich 75kg-Männchen die dicke Kiste da durch kriegen und dann noch zum Fliegen bringen!? Ohje. Ich gebe in dem Tiefsand in den Rasten stehend Gas und springe tatsächlich über die hohe Kante aus meinem Sandkasten raus. Der Franzose ist beeindruckt, ich auch. Händedruck, tüüüttüüüt und weg.

    Zum Frühstück heute nur noch Aspirin, die Erkältung ist da. Aber das ist nicht das Einzige. Eine neue Motorrad-Angeber-Verletzung: Mein linker großer Zeh ist vom vielen Schalten wundgescheuert. Habe ich noch nie gehabt, werde ich ab jetzt aber jedem erzählen, der es wissen oder auch nicht wissen will. Die vielen Aspirine wirken, so schlecht geht es gar nicht. Einfach heute ein bißchen schonen und es wird schon gehen. Im „Salon du the“ meines Vertrauens gibt es Cafe und Croissants, hier ist richtig Betrieb. Die Kaffeemaschine blubbert, es duftet, alles ist gut. Auf der weiteren Fahrt bleibe ich in Irgendwo an der Kreuzung stehen, um jetzt nicht mehr fahrend einen Blick auf die Karte im Tankrucksack werfen zu müssen.

    Plötzlich steht ein sehr altes Paar neben mir und fragt, wohin ich denn wolle. Da ich das selber nicht weiß, gestaltet sich der ohnehin schwierige Dialog noch schwieriger. Während des freundlichen, hilfsbereiten und etwas umständlich aufdringlichen Gesprächs erfahre ich deren Familienverhältnisse (Urgroßeltern), Herkunft (Sie Elsaß, Er Bretagne), Alter (Er 81, Sie 77) und wasweißichwasnoch. Das Ganze ist so lächerlich, weil ich an der Kreuzung mit laufendem Motor eigentlich mitten in Fahrt bin und gar keine Zeit habe. Ich mag aber solche Omas und Opas. Sie erkundigen sich, wo ich denn esse und schlafe, und kurz vor der Adoption schaffe ich doch noch eine elegante Verabschiedung.

    Der große Zeh und damit das Schalten tut weh, kurz darauf sitze ich auf einer Bank an der Landstraße und verbinde den linken Zeh mit Klopapier und Isolierband. Ich achte nicht auf den spärlichen Verkehr. Das Gehupe wundert mich dann aber doch, ich blicke auf von meiner Zeh-Operation und sehe die beiden Alten. Der Opa fährt bzw. steht, blinkt, will zu mir abbiegen und hält den Verkehr total auf, der an dieser Stelle nicht überholen kann. Das stört ihn nicht. Sie wollen wissen, was ich da mache, wo ich denn essen und übernachten will, er hatte mal eine „deux cent cinquante motobecane“ und die Triumph wäre ihm viel zu groß und schwer.
    Ich bin gerührt von diesen liebenswerten alten Leuten. Ich stelle mir vor, wie ich in vierzig Jahren dem jungen Fahrer eines Ein-Mann-Gleiters aufdrängen würde, dass zu meiner Zeit noch Verbrennungsmotoren mit Kettenantrieb als modern galten.
    Die Vogesen, Col de la Schlucht, Grand Ballon im Schnelldurchgang, im wahrsten Wortsinn. Bremsen, umlegen, Gas, Bremsen, umlegen, Gas... Atemlos und winterkalt. Fast alle Kurven sind noch vom Nachtnebel feucht und trocknen bei der Kälte nicht mehr. Die Erkältung nimmt zu. Meine Neun Euro Neunzig waren gut angelegt. Es reicht jetzt. Am Rhein ist es bestimmt wärmer. Aber das ist eine andere Geschichte.



    Bearbeitet von elbstrand am 30. Dez 2011 - 19:16 Uhr.
  • ich konnte die wärme auf meiner haut spüren, mir ist fast schwindlig geworden von den vielen kurven, die landschaftseindrücke treiben einem wirklich oft die tränen in die augen und jetzt bin ich pappsatt..

    tausend dank für diese schöne entführung

    begeisterte grüße
    steph,
    die bei deiner sandkastentour fast vom stuhl gefallen wär..

    --
    http://wuerziworld.de/Smilies/cs/cs9.gif man sollte sich die ruhe & gelassenheit einer bank zulegen .......
    die muss auch mit jedem arsch zurecht kommen ........... http://wuerziworld.de/Smilies/mx/mx6.gif bankenring bilders
  • ja,sowas macht echt spass!!gefällt mir gut!gruß,rüdiger
  • Hat Spaß gemacht, das zu lesen! Sehr anschaulich geschrieben, danke!

    --
    Nimm dieses Dasein nicht zu ernst! - Du kommst sowieso nicht lebend 'raus!
    Don't take life too seriously. You'll never get out of it alive.
    Rotrunner
  • @elbstrand:
    Klasse ! Haste schon einen Verleger ??

    Gruß Thomas

    --
    Regentour gefällig ?
  • superschön! Da möchte man doch am liebsten gleich selber los und das (fast) alles auch so erleben. Aber mal ehrlich: war das ein Traum? Die 9,90 Euro kann ich ja kaum glauben.
  • dochdoch das war bis vor kurzem zum saison- ende und -anfang auf begrenzten plätzen NUR für den KFZ-transport machbar, fahrer/-in zahlten normalpreis.

    aber das gibts nicht mehr, heute gibt es andere angebote, auch von anderen anbietern, zumindest ab hamburg.

    gruss

    rainer
  • Quote


    Verfasst: 04. Jan 2012 - 15:11 Uhr dochdoch das war bis vor kurzem zum saison- ende und -anfang auf begrenzten plätzen NUR für den KFZ-transport machbar, fahrer/-in zahlten normalpreis.

    aber das gibts nicht mehr, heute gibt es andere angebote, auch von anderen anbietern, zumindest ab hamburg.

    gruss

    Hallo Rainer,
    um was für Angebote handelt es sich denn da?
    Gruß
    Gerhard.
  • ÖBB mach wien, optimatours nach istanbul ab villach, db reisezug hat dieses jahr nicht so viele tolle sachen, besonders frankreich ist teuer geworden.
    mal abwarten, ob der db autozug diese preisgestaltung durchhält und nicht doch wieder sonderangebote einführt.
    da wird jedes jahr - vermutlich immer, wenn ein neuer marketingleiter den job macht - etwas geändert.
    du wohnst in bielefeld, da würde ich selber fahren bis in die bretagne und da ne rundreise machen...

    fähren nach norden sind auch toll, kenne ich aber leider nicht en detail...

    viel spass bei der suche

    elbstrand



    Bearbeitet von elbstrand am 04. Jan 2012 - 20:47 Uhr.
  • Danke!

    Das hat richtig Spass gemacht, zu lesen... wobei ich zugeben muss, dass ich ja nach jedem Absatz dann doch auch noch auf ein Foto gehofft hab...

    Deinen Stil zu schreiben find ich gut, hab an den "richtigen" Stellen ein Grinsen im Gesicht gehabt...

    Lass mal mehr von Deinen Berichten hören!!!

    Ich denke, Du würdest uns allen eine Freude damit machen...

    aus dem stürmischen Rheinland, Casey

    --
    http://wuerziworld.de/Smilies/girl/gi18.gif______________http://www.netbiker.de/images/EigeneBilder/0-1283774146_25280.jpg.thumb.jpg
    Erwachsen werden? Ich mach ja sonst jeden Scheiß mit, aber den nicht!!!

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