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Unter Geiern – Im Herzen der Chevennen

24. Februar 2018 in Tourenberichte und -tipps, User-Blog

Die im Süden des Massif Central gelegenen Cevennen sind eine Mischung aus steinigen, trockenen Hochplateaus und zerklüfteten Schluchten, in die sich die Fluten des Tarn und der Jonte tief eingegraben haben. Durchzogen von kurvigen Bergsträßchen und dünn besiedelt sind sie eine der letzten wilden Ecken Europas und immer noch ein Geheimtipp

Irgendwo im Nirgendwo

Von Alès aus, dem südöstlichen Einfallstor der Cevennen und einstiger Bergarbeiterstadt, deren stillgelegte Fördertürme am Stadtrand an einigen Stellen   noch zu sehen sind, folgen wir der Nationalstraße 106. Gut ausgebaut, bester Asphalt und kaum Verkehr. Fast hätten wir das zugewachsene Hinweisschild nach Saint-Hilaire-de-Lavit übersehen. 3 Km abseits der Hauptstraße, 116 Einwohner, mehrere freilaufende Hunde und ein paar Ziegen. Versteckt hinter einem mächtigen, 350 Jahre alten Olivenbaum erwartet uns unsere Unterkunft „La Vallée de Gaïa“, in den Resten eines ehemaligen kleinen Klosters. Die Aussicht von der Terrasse über die bewaldeten Bergkuppen der Cevennen ist fantastisch; leider könnte unser Zimmer einmal eine Grundreinigung vertragen. Na ja, ein paar Tage wird es schon gehen.

Französischer Zirkus – Cirque de Navacelles

Frische 12° erwarten uns am Morgen, dazu eine frische Brise. Das soll uns aber nicht davon abhalten, eine kleine Tour von nur 240 km, sozusagen zum „Einfahren“, anzugehen. Doch schon nach wenigen KM werden wir ausgebremst: „Route barrée a 6 km“ verkündet ein verbeultes Schild am Straßenrand. Straße in 6 Km gesperrt. Wir beachten es nicht; eine Silver Wing 600 kommt überall durch. Als die ersten Bagger auftauchen bin ich da nicht mehr so sicher. Es ist Sonntag und es sind keine Arbeiter in Sicht. Also Bauzaun auf, durchgefahren, Bauzaun zu, fertig. Klappt doch ;-).
Von Les Plantiers im Val Borgne aus, einem kleinen Ort mit zwei Restaurants, einer Post, einer Telefonzelle und herrlichen Platanen, nehme ich den Anstieg auf den Col de l’Ascelier (905) in Angriff.
Glücklicherweise ist hier Verkehr ein Fremdwort, denn der Asphalt ist schmal und die Kurven eng. Hinter dem kurzen Scheiteltunnel wird der Blick frei auf das typische Cevennenpanorama: Mit Kastanienwäldern überzogene Bergketten ziehen sich bis zum Horizont. Dazwischen eingestreut kleine Dörfer und die Dächer verfallener, verlassener Weiler. Im Nordwesten erhebt sich das Massiv des Mont Aigoual (1.567), im Süden liegen die Ebenen des Languedoc und im Westen die Causses (Hochflächen). Es folgt eine schöne Panoramastrecke hinab zum Col de la Tribale (612), dessen Passhöhe lediglich eine Kreuzung aus 4 Straßen ist. Waldiges Gelände umgibt uns. Die Bäume sind allerdings so klein, dass sie keinerlei Schatten spenden und die weitere Abfahrt somit äußerst sonnig aber auch aussichtsreich verläuft. Kleine Kurven führen den Hang hinab. Sozusagen im Vorbeifahren nehme wir noch den Col de la Cabale (492) mit und nach zwei ausladenden Kehren liegt Peyregrosse vor uns. Nächstes Etappenziel ist Le Vigan. Eine Brücke aus dem 12. Jahrhundert führt uns über die Arre und wir folgen der D 48 bis Montardier. Die Silver Wing schnurrt über die Causse de Blandas, eine der für die Cévennen so typischen einsamen Hochflächen bis zum gleichnamigen Ort an der nördlichen Kante der Gorges de la Vis. Das Flüsschen Vis hat sich hier mehrere 100 Meter tief in die Karstlandschaft gefressen. Steil heben sich die Felswände empor. „Belvedere“ verkündet ein Schild. Da bleibt nur eins: Motor abstellen und einfach die Stille und die grandiose Aussicht genießen.
Wunderbar ausgebaute Serpentinen führen am Rand der Schlucht entlang. Entspanntes Dahingleiten ist angesagt. Ich biege zum Aussichtspunkt La Baume Auriol (615) ab. Ein kurzes, steil an den Felswänden und dem Abgrund emporstrebendes Sträßlein von 3 Km, immer mit freiem Blick in die Schlucht unter uns. Der Klammergriff der besten Sozia der Welt wird fester. Gegenverkehr ist nicht erwünscht. Fast schon am Rand der Hochfläche erwartet uns die einzige Kehre, dann rollen wir zum Besucherinformationszentrum La Baume Auriol aus. Ein spektakuläres Panorama liegt vor uns, als wir vom Hochplateau aus unvermittelt in den über 400 Meter tief abfallenden braun-grünen Trichter des „Cirque de Navacelles“ blicken. Die Vis hat hier ein imposantes Tal geschaffen. Eine ihrer Schleifen wurde vor etwa 6.000 Jahren abgeschnitten. Was übrig blieb, ist ein Talkessel, der noch Jahrhunderte später erkennen lässt, wo der Fluss sich einst im Tal entlang gewunden hat. Der „Zirkus“ gehört zu den „Grands Sites de France“ („Große Stätten Frankreichs“, Auszeichnung für Gebiete mit besonderen landschaftlichen, natürlichen und kulturellen Qualitäten). 2011 erhielt der Talkessel als Teil des Gebietes Causses und Cevennen die Auszeichnung der UNESCO als Kulturerbe der Menschheit.
Über die Hochfläche erreichen wir nach sechs leicht welligen Kilometern St-Maurice-de-Navacelles. Hier tauchen wir auf der D 25 nach Norden in die Gorges de la Vis ein. Entlang der Vis reiht sich Kurve an Kurve durch den Canyon. “Die spinnen die Franzosen, haben die doch beim Bau der Straße einfach die Geraden vergessen“. Das ist Fahrspaß der besonderen Art!
In der Nähe von Saint-Laurent-le-Minier stürzt die Vis über Felsvorsprünge und ein hohes Stauwehr und bildet so einen traumhaften Wasserfall. Grund genug, die Kurvenorgie kurz zu unterbrechen.
Zum Abschluss schwingen wir uns noch einmal den Col de Bantarde (624) und den Col de Prentigarde (785) empor. Die Strecke immer einsamer, enger und kurvenreicher. Endlose Sträßchen durch dichten Wald, der nie zu enden scheint. Erschöpft und hungrig erreichen wir wieder Saint-Hilaire-de-Lavit – nach 9,5 Stunden.

Traumschluchten – Gorges du Tarn und Gorges de la Jonte

-Die Siwi schnurrt entlang der N106. Hier ist sie in ihrem Element. Weite, geschwungene Kurven. Links und rechts im Wechsel. Erstmals bietet sich die Gelegenheit, meiner Silver Wing die Sporen zu geben. Hinter Florac treffen wir auf den Tarn, der von nun an unser ständiger Begleiter ist. Der Fluss entspringt am Mont Lozèr (1.699), durchfließt die Regionen Languedoc-Roussillon sowie Midi-Pyrénées und mündet schließlich nach 380 Kilometern in die Garonne. Hinter Quézac, wo eine gotische Brücke die Tarn überspannt, zerschneidet die Gorges du Tarn die Bergrücken. Auf der anderen Schluchtseite, tief unten am Fluss, klebt das winzige mittelalterliche Dorf Castelbouc an steilen Felsen, überragt von den Ruinen des gleichnamigen Chateaus. Die kleinen Häuser spiegeln sich im grünblauen Wasser. Das malerische Sainte Enimie taucht vor dem Lenker auf und lädt uns mit seinen gepflasterten Gassen aus Flusskieseln zu einem Cafe au Lait ein. Kunst und Kommerz liegen hier eng beieinander. Der Tarn muss sich nun endgültig durch eine enge, imposante Schlucht seinen Weg bahnen. Die Straße lässt nur einen kurzen Blick auf das das Château de la Caze, direkt am Tarnufer gelegen, zu. Das Schloss aus dem 15. Jahrhundert konnte seinen Glanz aus der damaligen Zeit bewahren. Dann heißt es Kopf einziehen, denn Felsüberhänge wölben sich bedrohlich über die Fahrbahn. Auf schmalem Grat folgt der graue Asphalt zwischen Fels und Tarn den verworrenen Windungen des Flusses. Ein spanischer LKW-Fahrer hat sich mit seinem Lastzug offenbar verfahren (freiwillig kann hier doch keiner durchfahren wollen); nur um Haaresbreite schrammt er an den Felsen vorbei. Er lässt uns glücklicherweise überholen; wir haben später nichts mehr von ihm gesehen ;-).
In La Malène verlassen wir das schmale Teerband und folgen der D 43 hinauf in lichte Höhen. Ein entgegenkommendes Wohnmobil quält sich die engen Serpentinen hinab und setzt prompt in einer Spitzkehre unsanft auf dem Asphalt auf. Zentimeter um Zentimeter schieben sich die Reifen an uns vorbei. Da kann man die Aussicht nicht wirklich richtig genießen. Das abenteuerliche Sträßchen windet sich in engen Kehren hinauf zur kargen Hochebene Causse Méjean. Einige niedrige Sträucher; verdorrte Buchsbaumbüsche, braune Grassteppe, vereinzelte Schafsherden. Blaue Kugeldisteln wiegen sich im Wind. Der Anblick erinnert an schottische Highlands. Wir sind hier oben (fast) alleine. Kleine Weiler mit schiefergedeckten Häusern. Unendliche Weite, Einsamkeit von besonderer Schönheit. Die D16 stürzt sich nun wieder in zahlreichen Spitzkehren hinab in die Schlucht und bietet dabei eine fantastische Aussicht auf die von weißen Kiesbänken umrahmte, grün schimmernde Tarn. Zurück auf der rechten Seite der Schlucht treffen wir auf die Les Détroits, wo sich die bis zu 400m Meter hohen Felswände kathedralenartig verengen. Leider beginnt es zu regnen. Einzig die überhängenden Felswände bieten Schutz. Wir nutzen die Zwangspause und schaffen Platz im Topcase: Baguette mit französischer Salami und Ziegenkäse schmeckt einfach lecker!
Le Rozier ist Ausgangspunkt für die weitere Tour durch die kaum weniger eindrucksvolle Gorges de la Jonte. Rund 500 m tief bahnt sich die Schlucht ihren Weg zwischen der Causse Méjean und der Causse Noir auf einer Länge von fast 40 Kilometern bis zum kleinen Marktflecken Meyrueis. Die wildromantische Landschaftskulisse wechselt ständig. Bizarre Felsnasen wachsen in die Höhe. Historische Bauwerke, Schlösser und kleine Kirchen säumen unseren Weg. Dazu unter den Rädern immer wieder aufregende Asphaltkurven während uns hoch oben in der Luft – warum auch immer – eine Putzkolonne der besonderen Art begleitet: Bartgeier. 1940 ausgestorben nisten seit etwa 30 Jahren wieder Bart- und Gänsegeier in den für Menschen unzugänglichen Felsformationen. Noch einmal geht es hinauf auf die Causse Méjean, dann führt uns die D16 über Florac zurück.

Rosa Flamingos, schwarze Stiere und weiße Pferde

Entlang des Flusses Gardon d’Alès geht es zügig südwärts. Die fast ausgetrocknete Barrage de Camboux wischt vorbei. So spät im Jahr schafft es der Fluss nicht mehr, die Talsperre zu füllen. Der Weg ist heute – sehr – weit, aber auf einem Großroller dennoch ein Vergnügen. Wir passieren die rostigen Fördertürme von La Grande-Combe und lassen die Bergrücken des Parc National des Cévennes schnell hinter uns. Esskastanienwälder machen weiten Wiesen und Feldern Platz. Immer mehr Weinreben wachsen links und rechts des Weges. Abgeerntete Lavendelfelder, deren Duft immer noch seinen Weg unter den Helm findet, begleiten uns. Nach 160 km liegt es dann vor uns, das von den Mündungsarmen der Rhône (Grand Rhône im Osten und Petit Rhône im Westen) größte Flussdelta Westeuropas – die Camargue. Eine Landschaft, flach wie ein Brett, der jegliche Erhebung fehlt. Unsere Blicke schweifen suchend über das weite Schwemmland. Auf unserer Wunschliste stehen die Markenzeichen des Deltas ganz oben: Schwarze Stiere, weiße Pferde und rosa Flamingos. Wir erspähen sie tatsächlich, die in der Camargue traditionell gezüchteten schwarzen Stiere, die „Raço di Biòu“, Hauptattraktion der unblutigen südfranzösischen Stierkämpfe. Scheinbar friedlich grasen sie auf weiten Wiesen. Der Zaun zwischen uns ist dennoch beruhigend.
Der mächtige Wehrturm „Tour de Constance“ der alten Kreuzfahrerstadt Aigues-Mortes zieht von weithin unsere Blicke auf sich. 33 m hoch und 22 m breit. Die Dicke der Grundmauern beträgt sechs Meter. Das eigentliche Wahrzeichen des Ortes ist jedoch die vollständig erhaltene Stadtmauer rund um den historischen Stadtkern. Früher lag Aigues-Mortes direkt am Mittelmeer, jedoch zog sich zur Zeit des Mittelalters das Meer zurück; das Gebiet verlandete. Sumpf umgab von nun an die Stadt, daher auch der Name Aigues-Mortes („Totes Wasser“). Wir haben Glück und können unsere Silver Wing direkt vor dem wuchtigen Haupttor kostenfrei abstellen. Wir genießen den Bummel durch die Altstadt mit ihren Restaurants, Kunstgalerien und kleinen Lädchen mit Kunsthandwerk und kulinarischen Spezialitäten, die ebenso sehenswert sind wie die historischen Monumente; die Kirche Notre Dame des Sablons, die 1.620m lange Stadtmauer mit ihren 10 Toren und die Kapellen der Weißen und der Grauen Büßer. Schließlich landen wir in einem kleinen Restaurant in der Rue Alsac-Lorraine 2. „Cuisine Régionale“ steht auf der Karte. Quiche avec Saumon et Fromage de Chèvre (…mit Lachs und Ziegenkäse). Das lassen sich Evi und ich nicht zweimal sagen. Die voluminöse Madame des Hauses, gehüllt in fließende Gewänder der 80er, mit knallrotem Kussmund und geschätzten 70 Jahren (ohne unhöflich sein zu wollen) „schwebt“ sogleich heran und überschüttet uns mit einem Wortschwall, vor dem die Reste meines Schulfranzösisch in die Knie gehen. Einzig das energische „ok“ am Ende verstehe ich. Später stellt sich heraus, dass die – ansonsten sehr nette – Dame uns klargemacht hat, dass man sich auf ihrer Terrasse nicht einfach setzt, sondern von ihr platziert wird. Dennoch hat sich die Einkehr gelohnt. Das Essen war vorzüglich.
So gestärkt machen wir noch einen kleinen Abstecher. Direkt hinter der Stadt leuchten uns die bis zu 20 m hohen und 400 m langen Salzberge der „Salins du Midi“ entgegen. Das Salz wird zum bekannten „Fleur de Sel“ verarbeitet. Auf unserem Weg zur (heimlichen) Hauptstadt der Camargue, Saintes-Maries-de-la-Mer, gewinnt die Natur dann wieder die Oberhand. Sumpfgebiete und Lagunen bedecken nun weite Flächen. Wasserläufer rennen auf den spiegelnden Wasserflächen, über denen Libellen nach Insekten jagen.
Ein paar halbwilde weiße Pferde schauen uns zwischen meterhohem Schilf hinterher. Über uns ein zieht ein Vogelschwarm, auf der Suche nach einem letzten Rastplatz vor der langen Reise nach Afrika.
Der Wallfahrtsort Saintes-Maries-de-la-Mer ist trotz der Nebensaison für unseren Geschmack überlaufen. Die kleinen Gassen sind sehr touristisch geprägt. Souvenirläden und Kneipen an jeder Ecke. Wir könnten hier auch auf Mallorca sein. Die Rufe der Zuschauer aus der am Strand gelegenen Stierkampfarena klingen fast wie „olé“ in unseren Ohren.
In den „Étangs“, den umliegenden Teichen, treffen wir dann auch auf die berühmten rosa Flamingos, welche zahlreich durch die Feuchtgebiete staksen und mit ihrem gebogenen Schnabel das trübe Wasser nach Salinenkrebschen durchsuchen. Ohne Scheu lassen sie sich dabei von uns aus nächster Nähe fotografieren. Weiter draußen zeichnet sich ein weißer Strich am Horizont ab. Eine schier endlose Reihe dieser majestätischen Vögel, die elegant auf einem ihrer langen Beine balancieren. Es ist schon ein besonderes Erlebnis, diese Tiere in freier Wildbahn beobachten zu können.
In der untergehenden Abendsonne verlassen wir diese besondere Landschaft. Die Weideflächen werden im Rückspiegel schnell kleiner. Ein würdiger Abschluss dieser Tour.

Die Schluchten der Ardèche

Noch ehe die Sonne die Luft richtig erwärmt hat, erwacht meine Honda Silver Wing 600 zum Leben. Unweit der Cévennen Richtung Osten lockt ein Highlight: die Ardèche-Schlucht. Kurvige Nebenstraßen führen uns an diesem sonnigen Herbstmorgen durch kleine, verschlafene Orte, die sich umgeben von abgeernteten Lavendelfeldern, von der Hitze des Sommers ausruhen. Silbern schimmern die Blätter der Olivenhaine. Quasi zum Einfahren nehmen wir a2aunterwegs noch einen kleinen Teil der Gorges de la Cèze unter die Räder. Die Schlucht teilt das Plateau Méjannes-le-Clap zwischen Montclus und Saint-André-de-Roquepertuis. Eine imposante Hängebrücke von 1905 bringt uns in den 1.000 Seelen Ort St. Martin d’Ardèche. Auf der anderen Flussseite wacht auf einem Felsrücken Aiguèze, ein kleines mittelalterliches Dorf in den Weinbergen der Côtes-du-Rhône über der Einfahrt in die Schluchten der Ardèche. Aiguèze beherrschte früher das Tal von der Ardèche bis zur Rhône und dem Mont Ventoux. Mit seinem von den Ruinen der Festung geprägtem Stadtbild gehört es zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“. Jetzt im September ist von den Strömen der Touristen im Hochsommer und den Schlangen der Wohnmobile nichts mehr geblieben, sodass wir die zahlreichen Kurven auf bestem Asphalt richtig genießen können. Anhöhen mit Steineichen bilden einen interessanten Kontrast zu den kahlen Felswänden. Auf der „Haute Corniche“, der Höhenstraße D 290, locken immer wieder grandiose Ausblicke, die Kurvenhatz zu unterbrechen. Tief unten im Tal bahnt sich das graugrüne Wasser seinen Weg, hoch oben klammert sich die Straße an den Fels. Vom „Balcon des Templiers“ schweift der Blick über den engsten Teil der Gorges. Unterhalb der Klippen liegen die Ruinen eines Leprahauses der Templer. Aussichtspunkte wie die Belvédère du Ranc-Pointu, Belvédère de la Madeleine und die Belvédère de Gournier eröffnen uns immer wieder tolle Einblicke in die entlegensten Winkel dieser wildromantischen Schlucht. Die Speicherkarte meiner Kamera glüht angesichts dieser Panoramen.
Vom Straßenrand aus genießen wir herrliche Rundblicke über die Schleifen der Ardèche, über der sich die Felsnadel „Aiguille de Morsanne“ himmelwärts reckt. Ein kurzer Boxenstopp am Belvédère du Serre de Tourre, einem 200 m hohen Felsvorsprung fast senkrecht über der Ardèche. Von hier ergibt sich eine großartige Aussicht auf die Pas de Mousse genannte Flusswindung und die Ruine des Château d’Ebbo, die sich auf einem schmalen Felsgrat erhebt. Kurz darauf liegt sie von der Sonne beschienen vor uns – die berühmte „Pont d’Arc“, das Wahrzeichen des Departements. 34 m hoch und 60 m breit spannt sich die natürliche Steinbrücke über die Ardèche, die einst um diesen Felsen herum floss. Kleine Wellen kräuseln sich auf dem grünen Fluss. Wo im Sommer Heerscharen von Kanuten die Ardèche bevölkern, ist jetzt wieder Ruhe. Ein kleiner Strand lädt zum Baden ein. Ich stelle meine Silver Wing an den Straßenrand, ziehe den Zündschlüssel ab und wir genießen einfach diesen traumhaften Anblick. Hinter Ruoms machen wir noch einen Abstecher zur Défilé de Ruoms. Eine Mischung aus Felsdurchbrüchen und in den Stein gehauener Galerien, deren „Fenster“ wunderbare Blicke in die Schlucht zulassen. D4 ist hier so schmal, dass die Strecke per Ampelregelung jeweils nur in eine Richtung freigegeben wird. „Mais oui, encore une fois“ würde der Franzose sagen. Also umgedreht und die „Corniche“ einfach wieder zurückgefahren. Das sorgt für einen nochmaligen Adrenalinschub und alles sieht wieder anders aus.

Corniche des Cévennes

Wir lassen Alés schnell hinter uns und erreichen Anduze, eine kleine Stadt in Südfrankreich zwischen Mittelmeer, Provence und den Cevennen. Majestätisch liegt der Ort zwischen zwei mächtigen Felsen im Tal des Gardon und wird deswegen auch  „Porte des Cévennes“ (Tor zu den Cevennen) genannt. Ein IMG_0405aParkplatz direkt im Zentrum ist schnell gefunden. Reisen soll ja bilden und so ist erst einmal Kultur angesagt. Wir bummeln entlang des „Tour de l’Horloge“ (Uhrenturm) und der „Fontaine Pagode“ (Pagoden-Brunnen) am Place Couverte durch die engen Gassen. So früh am Morgen geht es hier recht beschaulich zu. Von Hektik keine Spur. Schließlich erliegen wir in der Rue Notarié den süßen Verführungen der Nougaterie Cévenole.
Die D907 folgt nun den Windungen des Gardon d’Anduze westwärts. Die Corniche des Cévennes zwischen Saint Jean du Gard, das von 1702 bis 1704 die Stätte des protestantischen Widerstandes war, und Florac ist im Gegensatz zu den meist schmalen Sträßchen, auf denen wir in den letzten Tagen unterwegs waren, recht breit und gut ausgebaut. Das reizt natürlich dazu, einmal etwas heftiger mit der Gashand zu spielen, was vor allem die einheimischen „Motards“, die Motorradfahrer, hier auch gerne tun. Dabei fällt mir immer wieder die ausnehmende Freundlichkeit und Höflichkeit der Franzosen, auch gegenüber Motorrollerfahrern, auf. Motorradfahrer grüßen beim Überholen (falls sie vorbeikommen ;-) mit dem Fuß und auch Autofahrer haben kein Problem damit, etwas zur Seite zu fahren. Diesen Umgang miteinander pflegt man so in Deutschland leider nicht. Durch dichte Esskastanienwälder geht es immer höher in die Cevennen hinauf. Meine Güte, was für eine Strecke! 44 Kilometer feinstes Asphaltsurfen, praktisch kein Verkehr. Ein paar weiße Wattewölkchen haben sich am blauen Himmel verirrt, die Sonne erwärmt die klare Luft. Mehr geht nicht auf einem Motorroller!
Wir lassen es gemütlich angehen und genießen die herrlichen Ausblicke über die Bergketten der Cevennen. Angelegt wurde die Panoramastraße übrigens IMG_0423aunter Ludwig XIV, damit seine Truppen in die Cevennen vordringen konnten. Am Col de St. Pierre (597m) legen wir einen Zwischenstopp ein. Ein 2. Frühstück ist angesagt und wie immer haben wir alles dabei was das Herz begehrt: frisches Baguette, Croissants, Comte (Bergkäse), Saucisson Sanglier (Wildschweinsalami) und…. ! C’est la vie! Eine phantastische Aussicht gibt es kostenlos dazu: Bewaldete Bergrücken und in dieser wilden Natur eingebettet winzige Bergdörfer. Ein alter verwitterter Wegestein weist daraufhin, dass wir uns auf der früheren „Route royale de Nîmes à Saint Flour“ befinden. Ehe der Motor wieder Betriebstemperatur erreicht hat, kommen die Räder wieder zum Stillstand. Ein einsames Gasthaus bietet Kaffee an. Das nehmen  wir natürlich gerne an. Über die kleinen „Pässe“ Col de l’Exil (704) und Col de Solpérière (1.010) darf sich meine Silver Wing auf neuem Straßenbelag ohne Wellen, dafür aber mit breiten Kurvenradien, dann wieder etwas austoben. Das muss schließlich auch einmal sein. Trockenrasen, Wacholderbüsche und Menhire säumen die Straße, dann geht es über einige Serpentinen hinauf zum Col des Faïsses (1.026), dem höchste Punkt der Passstraße, von dem sich uns ein herrlicher Blick auf den Mont Lozère im Norden und den Mont Aigoual im Süden bietet.
Fahrerisch ist die Strecke unglaublich: Kurve an Kurve, bis hin zu Spitzkehren und Serpentinen ist alles dabei. Motorrollerfahrerträume erfüllen sich am laufenden Band; sogar die beste Sozia der Welt ist entspannt und genießt nur. Wir überqueren den Col du Rey (992), dann fahren wir in Florac, dem Hauptort des Parc National de Cévennes ein. Unter dem dichten Blätterdach uralter Platanen lassen wir in einem kleinen Straßencafe bei einem Café Crème noch einmal den Tag Revue passieren. Schön war`s!
In unserer Unterkunft geht der Tag dann mit gebratenem Wildschwein (leider lauwarm), süßen Zwiebeln in Blätterteig und mehreren Gläsern rotem Landwein endgültig zu Ende. Nachdem ich noch einige Tausendfüssler des Zimmers verwiesen habe, schläft meine Liebste schnell den Schlaf der Gerechten; ich hingegen sehe vor mir noch immer Kurven, die sich in den Bergketten verlieren.

Sehenswertes am Wegesrand

  • Bambouseraie de Prafrance
    Ein 1856 angelegter botanischen Garten mit mehr als 150 Bambusarten, jahrhundertealten Sequoias, Bananenstauden und anderem seltenen Pflanzen >>>
  • La Caverne du Pont-dÀrc
    Größte Höhlennachbildung der Welt. In möglichst authentischer Umgebung wurden wesentliche Zeichnungen und Malereien der Grotte Chauvet, einer mit altsteinzeitlichen Höhlenmalereien versehenen Kalksteinhöhle, nachgestellt >>>
  • Le train à vapeur des Cévennes
    Zwischen Anduze und Saint Jean du Gard kann man mit der Cevennen-Dampfeisenbahn das Tal der Gardon-Flüsse entdecken >>>
  • Maison du Vautours
    Geier bei Le Truel, etwa 4 km von Le Roziers entfernt. Im dortigen Maison du Vautours kann unter anderem mittels Kameras ein Blick in die Nester geworfen werden >>>

Tour-Infos

  • Reisezeit
    September 2017
    IMG_1170
  • Teilnehmer
    Evi & Ralf
    Traudel & Wolfram
  • Fahrzeuge
    Honda Silver Wing FJS 600, Honda Goldwing 1800
  • Unterkunft
    La Vallée de Gaïa, 48160 Saint-Hilaire-de-Lavit (m.E. nicht empfehlenswert) >>>

  • Essen/Trinken
    L´Oustau Camarguais, 2 Rue Alsac-Lorraine, 30200 Aigues-Mortes >>>

  • Tagesetappen
    160 – 320 km
  • Straßenzustand
    gut, asphaltiert, kurvenreich, oft schmal; wenig Verkehr.
  • Klima
    Mittelmeerklima, in den Bergen jedoch auch deutlich niedrigere Temperaturen. Im Frühling und Herbst beträgt die Temperatur durchschnittlich etwa 8 Grad am Morgen und 20 Grad am Nachmittag, in den Tälern hingegen schon zwischen 13 und 25 Grad.
  • Karte
    Michelin Regional France „Languedoc-Roussillon“ Nr. 526: 1:200.000
  • Tourbilder
    Weitere Bilder findet ihr hier >>>

14 Antworten zu Unter Geiern – Im Herzen der Chevennen

  1. Ralf53,
    es hat Spass gemacht, deinen Bericht zu lesen (draussen hat‘s bei mir – 10 °C). Besonders gefallen haben mir auch die zusätzlichen Tourbilder :good: . Es wird Zeit, dass ich wieder nach Frankreich fahre….
    Gruss Jürgen (53)

  2. Freut mich, dass dir der Bericht gefallen hat!

  3. Hallo Ralf53,
    habe selten einen so toll geschriebenen u. bebilderten Reisebericht gefunden. Perfekt!
    Gruß Gerhard.

  4. …schöner als in manchen zeitschriften ! ! ! ;-}

  5. Hi Ralf,
    ein sehr gut verfasster Bericht mit vielen Infos und schönen Bildern zu der bereisten Gegend.
    Das Fernweh wird geweckt, was will man mehr :good:

    Viele Grüße
    Heiko

  6. Am 1. März 2018 sagte muggel:

    Wirklich ein sehr guter Reisebericht :good:
    Macht Lust auf eine Nacharmertour.

  7. Am 2. März 2018 sagte Cappu:

    schöner Reisebricht :good:

    man(n) hört und liest nur gutes über die Cevennen – muss ich auch noch hin :good:

    die Buckelpisten an der Ardeche brauch ich nich mehr :negative: das war mit der sanftesten Einstellung nich zu ertragen :negative:

    P.S.: kurioses Paar: eine Goldwing und ein Roller ;-)

  8. Am 2. März 2018 sagte ralf53:

    Zitat ” P.S.: kurioses Paar: eine Goldwing und ein Roller”

    Man kann gerne darüber schmunzeln, aber wenn man die Rennstrecke mal außer acht lässt, sollte man einen Großroller nicht unterschätzen. 600 ccm / 50 PS. Ein ideales Zweirad für grössere Touren; besonders für die Sozia.

    Gruß Ralf :bye:

  9. Am 2. März 2018 sagte peter:

    Herzlichen Dank für den Bericht!

    War auch schon in den Cevennen unterwegs. Es gefällt mir dort immer wieder sehr. Überhaupt der
    Süden Frankreichs … :good:
    Muss mal wieder hin!

    Gruß – Peter

  10. Mensch, klasse! Danke für den tollen Bericht. Ich werde mehr und mehr zum Frankreichfan. Auch dank so toller Berichte wie deinem.
    Lieben Gruß,
    Svenja

  11. Am 5. März 2018 sagte ralf53:

    Ich wollte früher nie nach Frankreich. Wahrscheinlich ein Trauma aus meiner Schulzeit; habe mit Französisch nur gekämpft. Mittlerweile bin ich von dem Land begeistert und war schon 10 x dort; insbesonders in Südfrankreich, Haute-Provence, Seealpen usw. Die Landschaften sind ein Traum, Kurven ohne Ende, (meistens) wenig Verkehr, (überwiegend) freundliche Leute und auch geringe Französischkenntnisse sind mittlerweile kein Problem mehr. Dieses Jahr ist schon wieder geplant B-)

  12. Moin Ralf,

    danke für die tollen Impressionen! Da steigt gleich wieder die Vorfreude – wenn alles glatt geht, werden wir im September vom Schwarzwald aus Ardeche, Chevennen und franszösisch-itaieniesches Grenzgebiet erfahren :-)

    Euch weiterhin tolle Touren!!
    Harry

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