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Südfrankreich – der Ballsaal der Feen

3. November 2018 in Tourenberichte und -tipps, User-Blog

Die Drôme Provençale und die Alpes-de-Haute-Provence – Oliven, Lavendel und Herbes de Provence. Uralte Dörfer und Schlösser, dazu eine Landschaft wie geschaffen zum Touren mit dem Motorroller – und es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Der Ballsaal der Feen

Cheminées de FéesFrisch und würzig schleicht sich die Luft unter unsere Motorradhelme. Kein Wölkchen trübt den azurblauen Himmel der Haute-Provence. Wir nehmen unsere „Hausstrecke“ durch das „Vallee du Grand Vallon“ unter die Räder. Das Teerband schlängelt sich durch weite Apfelplantagen. Die Bäume beidseits der Straße biegen sich unter der Last der Früchte. Kleine Traktoren mit riesigen Anhängern wuseln durch die Baumreihen und kreuzen unseren Weg. Das „Vallée du Grand Vallon“ ist Apfelland. Zur Entezeit ist also Vorsicht angesagt!

Das Tal weitet sich. Vor uns erheben sich hintereinander zwei, drei Gebirgsketten, deren Gipfel noch vom feinen Dunst des frühen Morgens umhüllt sind. Ein Anblick, der immer wieder aufs Neue beeindruckt. Le Claire, Faucon-du-Caire, Grigors nennen sich die winzigen Örtchen am Wegesrand. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Einige schöne Kehren weiter überqueren wir die Durance und wenden uns Remollon zu.

Tanken und Pausenproviant aufnehmen ist angesagt. Wildschweinsalami, Oliven und ein Stück Käse finden neben backfrischen Baguettes in den Seitenkoffern Platz.

Im 200 Seelen Bergdorf Théus beginnt der Aufstieg zum Mont Colombis (1.724), einem relativ unbekannten, einsam gelegenen Gipfel. 12 Km auf schmalem Asphalt mit bis zu 15% Steigung liegen vor uns. Linker Hand die Felswand, rechter Hand die Leitplanke, dann der Abhang. Die beste Sozia der Welt atmet flacher, die Adrenalinausschüttung nimmt zu. Nach einer Kehrengruppe oberhalb von Théus treffen wir auf halben Weg in der Schlucht „Torrent du Vallauria“ auf eine geologische Besonderheit. Neben der Straße liegt die „Salle de Bal“, (Ballsaal), mit den bizarren „Demoiselles Coiffées“ auch „Cheminées de Fées“ (Feenkamine) genannt.

Unzählige schmale Felspfeiler mit einem Deckstein erheben sich aus den grauen Felshängen einer erodierten Gletschermoräne. Sie erinnern spontan an…..aber lassen wir das ;-). Mont Colombis...Das folgende Hochplateau mit seinen saftigen Wiesen, auf denen (hoffentlich) glückliche Kühe weiden, erinnert an das Allgäu. Das entspannt. Dunkler Nadelwald nimmt uns auf. Einige knackiger Kurven führen immer weiter in die Höhe, die Nadelbäume lichten sich. Wir passieren einige Antennenanlagen, dann ist das Ende der Sackgasse erreicht.
Die Motoren unserer Silver Wings verstummen vor einer majestätischen Bergkulisse. Am Croix Choureille, dem östlichen Ende des Gipfelplateaus, eröffnet sich ein phantastischer  Panoramablick, wie er schöner kaum sein könnte.
In der Ferne leuchten die noch immer schneebedeckten Gipfel des Parc National des Écrins, während sich im Westen der fast kreisrunde „Pic des Céüse“ (2.016) erhebt. Tief hinab fällt der Blick in das Tal der Durance und auf die grün-blauen Wassermassen des größten Stausees der Alpen, den Lac de Serre-Ponçon. Dies sind die Aussichten, die süchtig machen.

Geredet wird wenig. Es herrscht eine angenehme Stille. Wir saugen die Szenerie in uns auf, genießen es einfach, diese geniale Aussicht mit allen Sinnen zu erfassen.

Der sanfte Druck auf dem Anlasserknopf erweckt die Motoren der Hondas wieder zum Leben. Bei Epinasses biegen wir auf die D3 ab, welche sich in breit ausgebauten Kehren den Hang über dem Lac de Serre-Ponçon hochzieht. Einfach dahingleiten und durch die Kurven schwingen. Das ist Entspannung pur. Jetzt, Ende September, sind die meisten Touristen wieder zuhause. Gelegentlich kommt uns ein Motorradfahrer entgegen, die Hand zum Gruß erhoben. Unter uns spiegelt sich die Sonne in den glatten Fluten des Sees. Ein herrliches Panorama vor traumhafter Bergkulisse, fast so kitschig wie auf Postkarten. Die letzten Häuser bleiben hinter uns zurück, dann haben wir endgültig die Straße für uns allein. Über den recht unscheinbaren Col Lebraut (1.104) erreichen wir nach 17 Km zügiger Fahrt Chorges mit seiner uralten Platanenallee.

Im Bergdörfchen Saint Apollinaire, dem wohl schönsten Örtchen an der Nordseite des Lac de Serre-Ponçon, weist nur ein unscheinbares Schild auf den gleichnamigen See hin. Fast hätten wir den Abzweig verpasst. Ein schmaler Feldweg führt über bunte Almen hinauf und wir treffen auf einen kleinen Gletschersee (1.485) inmitten fast unberührter Natur. Wer sich nicht abschrecken lässt, kann hier bei etwa 17 Grad – im Sommer – sogar baden. Wir nehmen als Alternative lieber die Gelegenheit wahr, die mitgebrachten Vorräte zu verputzen. Dabei schweift der Blick immer wieder weit über den Lac de Serre-Ponçon und die dahinter liegenden Bergketten.
Lac de Saint Appolinaire

Mont Dauphin –  Fontaine pétrificate de Réotier

Ein Blick auf das Thermometer lässt mich schaudern: 8.30 Uhr, 6 Grad. Das Frühstück kann heute somit ruhig etwas länger dauern. Typisch französisches Baguette ziert den Frühstückstisch, der Duft von frischem Kaffee zieht durch den Raum. Nur keinen Stress!
Es zieht uns heute in Richtung Briançon. Der Lac de Serre-Ponçon begleitet uns auf der N24 nordwärts. Die Gashand hat auf der gut ausgebauten Straße leichtes Spiel. Der Touristenort Savines-le-Lac verschwindet so schnell im Rückspiegel.

Hoch oben, am Rande eines Felsens, erhebt sich die Altstadt von Embrun, einem ehemaligen Erzbischofssitz. Wir überqueren das Flüsschen Guil, dann erhebt sich vor uns auf einem steil abfallenden Felsen eine der beeindruckendsten Grenzfestungen Frankreichs: Mont-Dauphin. Vom Festungsbaumeister des Sonnenkönigs Ludwig XIV, Vauban, 1693 entworfen, erhebt sich das Bollwerk hoch über dem Tal. Bastionen, Kasernen und Waffenarsenale für 2.000 Soldaten wurden hier errichtet. Innerhalb der Festungsmauern gründete man, sogar eine kleine Stadt, die heute noch etwa 140 Einwohner beherbergt. Das Felsplateau hat sogar noch für eine Kirche Platz. Mont-Dauphin wurde 2008 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Das „Durchfahrt verboten“ Schild wird von mir geflissentlich übersehen und so findet meine Silver Wing ein Plätzchen direkt vor den mächtigen Mauern. Nur keinen Meter zuviel zu Fuß gehen. In voller Motorradmontur kann so eine Besichtigung schließlich recht schweißtreibend werden.
Fast in Sichtweite der Festung, dort wo sich die Flüsse Guil und Durance vereinen, stoßen wir auf eine kleine aber feine Naturschönheit – die “Fontaine pétrificate de Réotier”. Die Thermalquelle ist nur zu Fuß zu erreichen. Also die Siwi abgestellt und losgestiefelt. Nach 300m treffen wir auf die „versteinerte Quelle“. Die Sinterablagerungen haben sich am Hang immer weiter vorgeschoben, sodass die Quelle an einen Drachen erinnert, der Wasser spuckt.

Das Licht bricht sich in tausend Farben in den überall herabstürzenden Wasserfällen. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch das gelb-braune Herbstlaub und die Schattenspiele geben dem Ort etwas Mystisches. Hier könnte man ewig verweilen, wenn, ja wenn die einzige Bank weit und breit nicht besetzt wäre ;-) .

Oliven und Hinkelsteine

Der Col du Château (797) und der Col du Haute Forest (825) zwischen La Motte du Caire und Claret bieten ein paar schöne Kurven zum Einfahren, dann rauschen wir durch ein Meer von Apfelbäumen nach Serres, einem pittoresken Städtchen am Ufer der Buëch.

Wir schwenken gen Westen auf die D994 ab und sind schon mitten im „Parc naturel régional des Baronnies Provençales“. Bei Rémuzat tauchen wir in das Tal der Eygues, dem Tal der Geier, ein. Diese genießen offenbar noch die Nestwärme. Keines der großen Vögel lässt sich am Himmel sehen. Die weiten Kurven der Gorges de Saint May entlang der Eygues genießen so unsere volle Aufmerksamkeit. Griffiger Asphalt windet sich zwischen Flussbett und überhängenden Kalkfelsen entlang, vorbei an urigen Dörfern und verliert sich in den grau-silbernen Olivenhainen an den Hügeln vor Nyons. Eine wilde Landschaft, wo Olivenbäume und Kiefern neben Rosmarin und Thymian wachsen.

Die Kleinstadt Nyons in der Drôme Provençale liegt in einem Talkessel, eingeschlossen von der Montagne de l´Essaillon (926), Garde Grosse (944), Saint-Jaume (791) und Vaux (850). Dem fast mediterranem Klima verdankt das Städtchen auch seinen Beinamen „Petit Nice“(Klein Nizza). Unter mächtigen Platanen, im Herzen der Altstadt, genießen wir einen Café au Lait und lassen das alltägliche französische Leben an uns vorbeiziehen. Wir nutzen die Zeit, für einen kleinen Bummel durch die quirlige Altstadt. Am Rand des mittelalterlichen Zentrums überspannt die Steinbogenbrücke „Pont de Nyons“ aus dem Jahr 1409 den Fluss Eygues und führt uns an die Mauern einer jahrhundertealten Burg. Wir verzichten darauf, diese heute zu erstürmen..
Die D 538 führt uns ins nur einen Katzensprung entfernte antike Städtchen Vaison-la-Romaine am Ufer der Ouvéze. Ein Feld voller Hinkelsteine empfängt uns, an denen Asterix und Obelix ihre Freude gehabt hätten. Linkerhand die Überreste eines Amphitheaters. Vor uns erstrecken sich die Ruinen der Römerstadt Vasio, auf der anderen Flussseite wächst der mittelalterliche Stadtteil den Bergrücken hinauf zur Burgruine mit ihrem mächtigen Wachturm. Wir bleiben hier allerdings nicht lange, denn erstens ist es für die Besichtigung der Ausgrabungen zu warm, zweitens bieten die schmalen Gassen des Ortskerns wenig Charme und drittens – oder erstens – wollen wir ja vor Sonnenuntergang noch etwas Motorroller fahren! So verlassen wir den Ort auf einer kleinen Kurvenstraße ostwärts, hinein in den „Parc Naturel Régional des Baronnies Provençales“ Kleine und kleinste Sträßchen nimmt die Silver Wing unter die Räder. Weinfeldern des Côtes du Rhône und abgeerntete Lavendelfelder, deren Duft noch schwach in der Luft hängt, rauschen vorbei. Auf den Bergspitzen sitzen wie Vogelnester kleine Dörfer. Die Vegetation des Ouvèze-Tals wird peu à peu karger. Hinter Saint-Auban-sur-l’Ouvèze zieht sich die D65 den Col de Perty (1.302) hinauf. Kastanienbäume, welche bereits ihre Herbstfärbung angenommen haben, säumen die enge, mit zahlreichen Teerflicken gepflasterte Strasse. Lange Geraden, schöne, teilweise recht enge, Kurven, so erreichen wir die Passhöhe am Rande der Montagne de l’Arsuc (1.491). Es erwartet ein überwältigendes Panorama. Im Osten breitet sich am Horizont das wild zerklüftete Bergland der Hochalpen aus, während sich im Westen der berühmt-berüchtigte Mont Ventoux, der Gigant der Provence, erhebt.

Durch Busch- und Ginsterwälder, in denen riesige Hirtenhunde einsame Schafsherden bewachen, geht es in ungezählten, lang gestreckten Bögen zu Tal.

Hier findet ihr weitere Bilder und Videos zur Tour

(c) Ralf Beelitz

 

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