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Sardinien - lange ist's her

  • JoeBar
  • 8. April 2020 um 19:20
  • 2.356 Mal gelesen
  • 6 Kommentare

Eine Erinnerung an unsere Sardinientour vor 5 Jahren aus dem alten Netbiker-Forum...

Bei einer unserer gemeinsamen Frankreich-Touren hatte der Scotlandbiker enthusiastisch von seinem letzten Sardinientrip erzählt, von der wunderschönen Landschaft, die eigens geschaffen war für legendäre Straßen wie die SS125 mit ihren nie endenden Kurven. "Da hast du einen unglaublichen Grip" schwärmte er mit leuchtenden Augen. Weil man von ihm so viel Begeisterung sonst nicht gewöhnt ist, ließ mich das damals schon aufhorchen. Hinzu kamen weitere interessante Berichte in Netbiker und in verschiedenen Motorrad-Magazinen, die ich gelesen hatte und deren Tenor im folgenden Teaser sehr schön zusammengefasst ist: "Die Insel zählt zur Handvoll echter Motorradparadiese, die in halbwegs erreichbarer Nähe liegen. Sie bietet uns eine Mischung aus traumhaften Buchten, wilder Bergwelt, unvergesslichen Kurvenstrecken und kulinarischen Hits. Weit ab von jeder Hektik ist Sardinien vor allem in der Nebensaison ein echtes Traumziel für Motorradfahrer - sozusagen der Kurve gewordene Traum aller Biker. Die Straßen sind bis auf wenige Ausnahmen in einem hervorragenden Zustand und der Verkehr ist nicht so dicht und hektisch wie auf dem Festland."

Vor allem die "kulinarischen Hits" hatten es mir angetan, und so habe ich in Schwerstarbeit die Schwarzwaldgang mobilisiert, kurzerhand einen Bungalow auf einem Campingplatz mit eigenem Strand bei Bari Sardo reserviert und die Tickets für die Fähre in der Holzklasse gebucht. Als es endlich soweit war, haben wir unsere Mopeds in 2 Transporter gepackt und uns nach einigen Wirren nach Genua aufgemacht.

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Der Verkehr in Genua ist unzweifelhaft ein lohnender Forschungsgegenstand zur Weiterentwicklung der Chaostheorie. Wer aber einen weniger wissenschaftlichen Ansatz bevorzugt, kann im wirren Treiben der Genueser auch leicht zur Frömmigkeit finden. Aber irgendwie haben wir es dann doch zum Fährhafen und schließlich auch in den Bauch der Fähre geschafft. Die Fährschiffe von Tirrenia sind nicht für ausufernden Luxus bekannt, sie bieten aber immerhin allen Asketen, Masochisten und Selbstkasteiern eine erlesene Möglichkeit, ihren Neigungen ausgiebig nachzugehen: Die Schlafsessel. Ich hatte 2 volle Nächte Gelegenheit, über diese Einrichtung zu reflektieren und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass sie tatsächlich die logische Weiterentwicklung mittelalterlicher Folterinstrumente sind. Wer die oben genannten Neigungen nicht teilt, sollte also besser erwägen, eine Schlafkabine zu buchen. Vor der Abfahrt nach Porto Torres hatten wir uns zum Sightseeing mit viel Bier auf dem Oberdeck eingerichtet aber die Fähre wollte einfach nicht ablegen. Auf meine Bemerkung "Jetzt tut mir schon der Arsch weh und das Ding fährt immer noch nicht" antwortete Paul trocken "dann steh halt mal auf, vielleicht fährt sie ja dann los". Weil ich immer tue, was der kluge Paul sagt, bin ich also aufgestanden und die Fähre legte ab. Da wusste ich, dass dies ein magischer Urlaub werden würde. Ein wenig getrübt wurde die Stimmung, als die Costa Concordia, die im Hafen von Genua zum Abwracken liegt, in unser Sichtfeld kam. Bei diesem Anblick erahnt man einen Hauch der Tragödien, die sich dort abgespielt haben.

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Es ist einbesonderer Trost zu wissen, dass auch die schlimmsten Nächte irgendwann zu Ende gehen, selbst wenn man sie im Schlafsessel verbringen muss. Nach dieser langen Nacht der Qualen sind wir schließlich schwer lädiert aber doch noch lebend in Porto Torres angekommen und mussten nur noch die Insel zu unserem Campingplatz queren. Auf der SS198 ab etwa 30km vor Lanusei wurde mir klar, was uns hier erwarten würde. Eine so schön ausgebaute Kurvenstrecke mit allerbestem Belag ohne Bitumenstreifen oder sonstigem Flickwerk hatte ich noch selten gesehen. Was Sardinien hier zu bieten hat ist einsame Spitze. Campingplätzen gegenüber bin ich durchaus skeptisch eingestellt. Den letzten Campingplatz hatte ich vor unendlich vielen Jahren völlig genervt und frustriert verlassen und mein Zelt noch vor Ort in einem rituellen Akt in eine Mülltonne gestopft um diesem Kapitel meines Lebens ein würdiges Ende zu geben. Aber der Campingplatz Cigno Bianco hat sich durchaus als gute Wahl erwiesen. Er war sehr gepflegt, ausgesprochen ruhig und hatte einen wunderschönen eigenen Strand. Es gab lediglich 2 negative Dinge, die zu verschweigen mir unmöglich ist: Die verfi..ten Drecksmosquitos und die schier unglaubliche Tatsache, dass unser Mobilehome tatsächlich aus Kunststoff gefertigt war. Ist das eigentlich normal und ich bin aus dem falschen Jahrhundert? Ich dachte immer, diese Dinger seien aus gutem alten Holz gebaut! Aber egal, es ließ sich gut darin leben und für unsere Zwecke war das voll ok.

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Über das Motorradfahren auf Sardinien möchte ich nicht viel erzählen, sondern nur jedem empfehlen selbst hinzufahren. Bisher war ich immer der Meinung gewesen, dass die Alpen und insbesondere die französischen Alpen, die Seealpen, der Vercors oder die Cevennen das Motorradparadies seien. Das ist schlicht falsch, denn dies ist höchstens das Purgatorium. Wer ins Paradies möchte, der muss sich definitiv nach Sardinien aufmachen.

Hier sind ein paar Eindrücke von den schönsten Strecken...

Auf der SS198 von Lanusei nach Tortoli

Auf der SS125 von Dorgali zum Passo Genua Silana

Auf der SS125 vom Passo Genua Silana nach Baunei

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Kommentare 6

Grafingerin
14. April 2020 um 10:08

Danke für den Bericht....da bekomme ich auch gleich wieder Lust nach Sardinien zu fahren. Die Insel ist einfach ein Traum mit Traumstraßen. Die Strecke von Guspini nach Iglesias wird mir für immer im Gedächtnis bleiben :) nur zum Empfehlen !

ZR7Biker
13. April 2020 um 16:12

Jo Sardinien ist geil, wir waren 2016 dort.

Noch besser fand ich jedoch die Pyrenäen.

Mehr Abwechslung (Strecken und Landschaft). Traumhafte Pässe die schon alleine wegen der Tour de France kult sind.

Strassenzustand insbesondere auf spanischer Seite sehr gut.

Vorteil der Pyrenäen: keine Fähre nötig.

Roadrunner72
9. April 2020 um 13:33

Tja, Sardinien... ein Traum! Sollte jeder kurvenaffine Motorradfahrer in seinem Leben mindestens 1x gewesen sein. Wir fanden es riesig, auch wenn uns das Wetter widererwartend oft einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Die Insel hat uns sicher nicht zum letzten Mal gesehen. Man bekommt das Grinsen einfach nicht mehr aus dem Gesicht.... Ich sag nur der rote Asphalt!

Danke für die tolle Story!

susi
9. April 2020 um 10:18

Ach ja, Sardinien.... eine einzige "Rennstrecke". Ist für nächstes Jahr zum vierten Mal geplant. Auf irgendwas muss man sich ja freuen können... :)

rohekra3
14. Juni 2020 um 11:17

Ich war schon 5 mal auf der Insel. Die kurven sind traumhaft, es gibt kaum was besseres. Ich möchte nächstes Jahr auch wieder hin.

quan
9. April 2020 um 09:34

Sehr schön geschrieben 🤣 Danke für den schönen Artikel...

Habe es selbst noch nicht zum Fahren dorthin geschafft, aber das was du über die Straßen schreibst, das habe ich auch schon von vielen Seiten gehört. Bei mir ist das Motorradparadies immer noch Norditalien, weila quasi einfach vor der erweiterten Haustüre liegt. Für drei Nächte nach Sardinien lohnt sich eher nicht....

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