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Im Winter nach Sardinien

  • sualkbn
  • 8. Oktober 2020 um 18:31
  • 4.662 Mal gelesen
  • 14 Kommentare

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Da sind wir nun mitten im Winter bei frühlingshaften Temperaturen auf Sardinien und fahren Motorrad. Besser geht es nicht. Aber der Reihe nach.

Es ist Anfang Dezember und seit Tagen prägt Nieselregen den Bonner Spätherbst. Fast zwangsläufig driften die Gedanken ans Mittelmeer und in einer spontanen Wahnsinnsattacke wird mir klar, dass ich den Winter mit einer Motorradtour in den Süden verkürzen muss. Schön wäre es ja, Gleichgesinnte zu finden und so mache ich mich hier bei Netbiker auf die Suche nach Mitfahrern. Aber so kurz vor Weihnachten hat jeder seinen Urlaub schon geplant und es bleibt dabei, dass ich alleine fahre.

Am ersten Weihnachtstag geht es los. Wie immer auf eigener Achse. Das Wetter ist kühl aber sonnig und die Fahrt ins Allgäu macht richtig Spaß. Für die nächsten Tage ist dort ein kleiner Zwischenstopp mit Familientreffen geplant. Am 28. soll es dann weitergehen. Abends sehe ich in meinen Mails eine Mitteilung von #gseva, dass sie mit einem Martin telefoniert hat, der gerne mitkommen würde. Ich kenne ihn nicht, aber zwei so Bekloppte sollten doch wohl gut miteinander zurechtkommen. Also rufe ich ihn am nächsten Morgen an und wir verabreden uns für den 28. um 10:00 hinter dem Grenztunnel bei Füssen.

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Los geht‘s. Heutiges Etappenziel ist der Gardasee. Morgen Abend wollen wir dann in Livorno die Fähre nach Sardinien nehmen. Bei gutem Wetter und trockenen Straßen überqueren wir den Brenner. Ab Brixen wird es sogar richtig warm.

Abends bei Pizza und Bier finden wir endlich Zeit uns gegenseitig kennenzulernen. Die Chemie stimmt zu 100% :)


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Buongiorno Italia. Die Sitzbänke sind noch steif gefroren, als wir am nächsten Morgen aufbrechen, aber der Blick aus dem Hotelzimmer ist einfach schon so herrlich italienisch, dass uns das gar nicht stört.

Bis Modena geht es über die Autobahn, dann beginnt eine herrliche Passstrecke bis Lucca.

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Kein Verkehr, trockene Straßen, Kurven über Kurven und herrliche Ausblicke auf das winterliche Appenin mit seinen kahlen Bäumen. Das graue Novemberwetter in Bonn ist schon lange Vergangenheit. Wir sind im Süden angekommen.


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Südlich des Passo Radici beginnt das Frühjahr. In einer Bar genießen wir in der Sonne unsere Cappucini. Es gibt so viel zu beobachten! Die mannshohen Figuren der Krippe, die knorrigen Äste der Nussbäume. Aber auch viele Orte, die wie ausgestorben wirken. Einfach ganz anders als im Sommer.


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Wir erreichen Pisa schneller als geplant und nutzen die Zeit den schiefen Turm und die Stadt anzuschauen. Auch hier ein ganz anderes Bild als im Sommer. Praktisch keine Touristen, aber dafür überall noch Lichterketten und Weihnachtsmänner.

Gegen Abend geht es weiter zur Fähre. Ein paar Autos und unsere Motorräder warten auf die Einschiffung. Die Fähre ist fast leer und wir finden schnell ein ruhiges Plätzchen für unsere Schlafsäcke.


Angekommen. Mit der aufgehenden Sonne laufen wir in Olbia ein. Jetzt heißt es erst einmal einen Überblick über die winterliche Insel zu gewinnen. Wo kann man das besser machen als auf dem Monte Moro. Die Schotterstraße ist eine willkommene Abwechslung nach der Kilometerfresserei der letzten Tage. Oben werden wir mit einem herrlichen Blick belohnt. Im Norden strahlt Korsika in der aufgehenden Sonne und im Gegenlicht sehen wir auf die lange Bergkette der Ostküste, deren gewundene Straßen für die nächsten Tage unser Motorradrevier sein werden.

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Für heute habe ich aber erst einmal einen Schottertag geplant. Die Route über Berchidda und Buddoso nach Süden folgt in weiten Teilen dem Trans Euro Trail (TET), der hier recht einfach zu befahren ist.

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Die Strecke ist wie gemacht für meine 650-ziger Sertao. Martins schwer beladene 1150-ziger GS tut sich in engen Passagen schon etwas schwerer. Irgendwo müssen wir ein eingerostetes Tor umfahren. Durch die vielen Cross-Fahrer gibt es einen schmalen Umfahrungspfad, aber dafür muss von der GS das Gepäck runter.

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So vergeht die Zeit schneller als wir denken und hier im Inland wird es allmählich recht frisch. Deshalb zieht es uns für die Nacht wieder ans Meer und wir folgen ab Buddoso der geteerten Straße. Vorbei an frisch geschälten Korkeichen geht es nach Arbatax. Dort schlagen wir auf einem der wenigen ganzjährigen Campingplätze unser Basislager für die nächsten Tage auf.

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Silvester. Die Sonne scheint und es verspricht ein warmer Tag zu werden. Mit den leeren Motorrädern erkunden wir die Gegend. Die Straßen um Lanusei sind ein absolutes Muss für jeden Motorradfahrer. Kurven und Serpentinen ohne Ende fordern einen geradezu heraus den griffigen Asphalt immer aufs Neue zu testen. Meine anfängliche Sorge, dass die niedrigen Nacht-Temperaturen dieser Griffigkeit zusetzen, verfliegt rasch und auch Martin, der das erste Mal auf Sardinien ist, lässt sich von meinem Kurvenfieber anstecken. Schnell erreichen wir auf fast 600 Metern Höhe das kleine Städtchen Villagrande Strisaili und genießen den Ausblick auf die tief unter uns liegende Küste.

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Aber noch etwas erregt unsere Aufmerksamkeit: Die vielen bemalten Häuserfassaden. Vor 10 Jahren waren sie noch eher selten, heute findet man sie in vielen Orten. Aber so viele wie hier habe ich noch nie gesehen.


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An der verlassenen Geisterstadt Gairo Vecchia vorbei, schlagen wir einen großen Bogen zurück zu unserem Campingplatz. Schnell kaufen wir noch ein paar Vorräte für die Silvesterfeier, dann wird es auch schon dunkel.


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Inzwischen haben wir uns mit unseren Platznachbarn angefreundet. Sie sind mit Wohnmobil und Motorrad auf dem Hänger angereist und gemeinsam feiern wir bei einem Lagerfeuer am Strand in das neue Jahr hinein.


2019 begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein

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Neujahrsmorgen: Heute ist wieder Schotter angesagt. Südlich von Barisono führt laut OpenStreetMap ein Weg an der Küste entlang, über den man letztlich die Hauptstraße wieder erreichen müsste.

Vorher habe ich mir in der Karte allerdings eine sehenswerte Nuraghe markiert. Das sind uralte Wehrtürme, die sich in allen Größen und Erhaltungszuständen überall auf der Insel finden. Aus der Entfernung sehen gar nicht so groß aus, aber wenn man hinauf klettert, wirkt das schon ganz anders. Mir wird recht warm, aber nach dieser Klettereinlage geht es erst richtig los.


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Anfangs sieht der Weg recht gut aus, aber dann wird er immer ausgewaschener und uns wird immer wärmer. Als wir uns dann auch noch verfahren, geraten wir endgültig auf Passagen, die mit unseren Motorrädern und unserer geringen Offroad-Erfahrung zu riskant sind. Schweren Herzens entschließen wir uns umzukehren und lieber noch einmal die Straßen rund um Lanussei unsicher zu machen. Kurve folgt auf Kurve, schnelle Passagen wechseln sich mit engen Spitzkehren ab. Das perfekte Motorradrevier.

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Abends erzählen wir unserem Zeltnachbarn von unserem Abenteuer. Er ist speziell zum Offroad-Fahren in Sardinien und ich bin mir sicher, dass er im Stillen über unsere Geschichten grinst. Umso netter von ihm, dass er uns anbietet, ihn morgen zu begleiten. Jetzt sind wir also mit drei Motorrädern unterwegs

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Die Strecke ist nicht ganz so schlimm wie gestern, dafür aber deutlich länger und mit viel Sand und losem Geröll bedeckt. Es ist beeindruckend zu sehen, wie schnell jemand hier fährt, der die Technik beherrscht. Wir versuchen immer wieder den Ratschlägen unseres Profis zu folgen, aber so wirklich klappt das nicht. Naja, dann muss ich halt öfter nach Sardinien fahren. Übung macht den Meister ;)

Den Nachmittag lassen wir wieder entspannt angehen und erkunden das Hinterland von Lanusei.

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Eine wunderschöne Gegend mit kleinsten Sträßchen erwartet uns. Aber wir müssen vorsichtig sein. Hier, auf rund 1.000 Metern Höhe, sind die Straßen im Schatten feucht und manchmal sogar gefroren. So langsam zeichnet sich ein Wetterwechsel ab, aber bis zu unserer Abreise in zwei Tagen soll sich die Sonne noch halten.

Während wir die frühlingshaften Temperaturen und die Sonne genießen, häufen sich die Nachrichten, dass starker Schneefall die Alpen und das Alpenvorland für Motorräder unpassierbar gemacht hat und ein Ende nicht abzusehen ist. Termingerecht werden wir es wohl nicht schaffen nach Hause zu kommen. Martin greift daher gern den Vorschlag unseres Nachbarn auf, im Wohnmobil mitzufahren und das Motorrad auf dem Hänger zu transportieren. Ich habe noch ausreichend Zeit und werde in vier Tagen die nächste Fähre von Porto Torres nach Toulon nehmen. Von dort kann ich dann, hoffentlich problemlos, durch das Rhonetal nach Bonn fahren.

Aufbruch. Martin ist mit unseren Nachbarn heute Morgen schon früh aufgebrochen. Für mich geht es in den Süden nach Cagliari. Weil dort alle Campingplätze geschlossen sind, habe ich ein Zimmer gebucht und kann die kurze Fahrt ruhig angehen lassen. Hier ein Cappucino, dort eine Pizza und zwischendurch immer mal ein Photo. Stellenweise sieht es mit den weißen Stränden und dem blauen Meer aus wie in der Karibik.

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Industrieruinen. Am nächsten Morgen ist es noch recht kühl und Wolken verbergen die wärmende Sonne. Dick angezogen und mit angeschalteten Heizgriffen mache ich mich auf den Weg. Im Westen der Insel faszinieren mich seit vielen Jahren die verlassenen Bergbaugebiete. Phönizier, Griechen, Römer und zuletzt die italienischen Industriellen: Alle wurden sie von den Bodenschätzen angezogen und haben das Land mehr oder weniger stark geplündert. Heute hat der Bergbau in Sardinien keine Bedeutung mehr und wurde fast vollständig eingestellt. Die oftmals spektakulären Überbleibsel wurden zum Teil ins Weltkulturerbe aufgenommen und sind heute ein wichtiger Touristenmagnet.

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Jetzt sind Regen und Kälte auch in Sardinien angekommen. In den Bergen der Ostküste soll es schneien. Ich werde es heute nicht mehr bis Oristano schaffen und bin heilfroh, in Arbus ein offenes Hotel zu entdecken. Heizung gibt es nicht, aber wenigstens ist es trocken. In der Pizzeria strahlt nur der Pizzaofen etwas Wärme ab, aber der Wirt freut sich so über seinen einzigen Gast, dass er einen Grappa nach dem anderen ausgibt. Wenigstens innerlich wird mir warm.

Costa Verde. Über Nacht ist der Regen abgezogen und die Sonne zeigt sich wieder. Die Schotterstrecke von Montevecchio nach Ingurtosu habe ich als interessant in Erinnerung. Überall Relikte des Bergbaus und dazu durchaus spannende Straßenabschnitte. Die Relikte sind immer noch da, aber spannend reicht nicht mehr aus um die Straße zu beschreiben. Das letzte Mal bin ich noch mit der K1300 hier entlang gefahren, jetzt musste die Sertao regelrecht über die ausgewaschenen Rinnen klettern.

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Weiter geht es nach Norden. Das Hügelland weicht allmählich einer weiten Ebene und endet in der weitläufigen Lagune des Stagno di Cabras. Die winterliche Stille der Landschaft ist überwältigend.


Nördlich von Oristano entdecke ich einen geöffneten Campingplatz und im nahe gelegenen Dorf kann ich noch etwas zu essen und eine Flasche Wein auftreiben. Der letzte Campingabend dieses Urlaubs ist gerettet.

Genuss-Biken. Die Strecke von Oristano nach Alghero folgt der wunderschönen Küstenstraße und ist eigentlich so etwas wie eine Feierabendrunde. Entsprechend früh komme ich in Alghero an und kann mir Zeit nehmen, durch die auch im Winter belebte Stadt zu spazieren. Als Alternative zu meiner bisherigen Urlaubs-Pizza-Diät gönne ich mir heute noch eine Fischplatte. Morgen früh geht es dann zum Hafen nach Porto Torres.

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9:00 Ankunft in Toulon. Schönes Wetter aber leichter Frost. Mehr als tausend Kilometer liegen vor mir. Ich will sie unbedingt heute schaffen, denn Morgen soll es ab Luxemburg schneien. Tanken in Avignon und heiße Tomatensuppe aus dem Automaten. 100 km weiter die nächste Suppe. Das wird heute noch etliche Male geschehen. Bei Dijon fängt es an zu regnen. Ab Metz Schneeregen. Irgendwann ist es geschafft. Ein toller Urlaub ist zu Ende. Ich könnte sofort wieder losfahren.

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Kommentare 14

Chris60
4. August 2024 um 12:50

wenn Du das nochmal machst, sag Bescheid.....schöner Bericht!

Doevi
22. Dezember 2020 um 01:49

Super Bericht. Wenn man da nicht Lust bekommt sowas auch mal umzusetzen, dann weiß ich auch nicht. Da fangen die die Finger schon an zu kribbeln, besonders in der Winterpause.

Sozia-Lady
8. November 2020 um 11:56

Sardinien ist eine Liga für sich, wenn es ums Motorradfahren geht.

Roadrunner72
19. Oktober 2020 um 07:29

Ein toller Bericht mit viel Liebe zum Detail, vielen Dank! Sardinien ist eine echt tolle Insel, wir waren gerade erst wieder da... und mit Sicherheit nicht zum letzten Mal!

W.E.Coyote
12. Oktober 2020 um 14:45

Super! Da bekomme ich auch wieder Lust auf Sardinien.

MikeAT98
9. Oktober 2020 um 08:19

Tolle Tour mit "Will-Mit" bzw. "Will-Auch"-Charakter!!!

Wie ist eure Erfahrung? Sind Herbergen oder Mobilhomes auf den Campingplätzen offen, so dass das auch ohne Zeltgerödel ginge?

sualkbn
9. Oktober 2020 um 08:55
Autor
Zitat

Tolle Tour mit "Will-Mit" bzw. "Will-Auch"-Charakter!!!

Vielleicht gibt es ja einen Grund, dass ich den Beitrag ausgerechnet jetzt im Herbst schicke ;)

Wir waren in Arbatax auf dem Campingplatz Telis. Laut Preisliste hat er auch im Winter Mobilheime http://www.campingtelis.com/de/preisliste-…-sardinien.html

In anderen Teilen der Insel ist es nicht so ganz einfach was zu finden. Fast alle Campingplätze sind zu und ob die wenigen dann Hütten haben, weiß ich nicht. Aber dank booking.com oder airbnb findet man sicher auch günstige Pensionen

MikeAT98
9. Oktober 2020 um 09:58

Du suchst Mitfahrer für dieses Jahr? ;)

Darum?

susi
9. Oktober 2020 um 10:58

Mut wird belohnt! Einfach nur klasse.

sualkbn
9. Oktober 2020 um 12:17
Autor

Konkrete Pläne habe ich nicht. Aber ein bisschen geht es mir schon durch den Kopf

Oliii
9. Oktober 2020 um 14:43

also bei sardinien bin ich immer dabei

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