
Vaujany - Bergidyll am Fuß der Grandes Rousses
Am späten Nachmittag erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein die kleine Gemeinde Vaujany am Fuß der beeindruckenden Bergketten des „Massif des Grandes Rousses“ (3.330m) am Rande Savoyens und des Départements Isère. Das Örtchen auf 1.250 Metern Höhe bietet ein einzigartiges Panorama auf die Gletscher des Pic Blanc (3.330m) und des L'Etendard (3.470). Das romantische Chalet Solneige wird hier für die nächsten Tage Ausgangspunkt unserer Motorrollertouren sein.
Im wilden Vercors
Dunkle, triste Wolkenbänke hängen über den Bergen, als wir auf der D106 den Aufstieg in den Vercors angehen. Kurze Waldabschnitte wechseln mit freien Ausblicken auf die unter uns liegenden Alpenstadt Grenoble, das Tal der Isère und die mächtigen Kalkfelsen der Chartreuse. Über uns erhebt sich der 1.900 m hohe Kalksteinklotz Le Moucherotte. Noch hoffen wir auf Wetterbesserung - doch das sollte ein frommer Wunsch bleiben.
Die ersten Kilometer bis Choranche ist die Schlucht noch breit, und die D531 steigt kaum an. Dann verengt sich die Schlucht und es geht aufwärts. Wir sind beidseitig umgeben von hoch aufragenden Felswänden. Der Talboden liegt mittlerweile recht tief unter uns. Immer wieder geht es unter Felsgalerien hindurch und enge Felsentore sind zu durchfahren. Bei La Balme en Rencurel legt die Schlucht eine Verschnaufpause ein und wir tauchen aus der Unterwelt wieder auf. Wenig später ist die Straße gesperrt - Baustelle. Eine kurze Wartezeit, dann lässt uns ein Bauarbeiter durchfahren. Die Felswände sind jetzt nicht mehr ganz so hoch, dafür wird es jetzt deutlich enger. Die nächsten Kilometer folgen wir willig den Anweisungen unseres Navis und stehen 20 Minuten später wieder vor derselben Baustelle. Diesmal wird uns jedoch die Weiterfahrt verwehrt. Feierabend; Merde! Über Umwege und nach zahlreichen ungeplanten Kilometern kommen wir schließlich doch noch nach Vaujany zurück. Im gemütlichen Gewölbekeller des Chalets Solneige lassen wir den Abend dann bei netten Gesprächen, Quiche Champignon, Creme brulee und einem Gläschen französischem Rotwein ausklingen; schließlich sind wir in Frankreich. Übrigens: es regnet wieder!!
Col de la Croix de Fer, Telegraph, Galibier und Lautaret
Die Pässe der französischen Alpen kann man eigentlich in zwei Gruppen unterteilen: diejenigen, die sich wie auf eine Schnur gereiht auf der Route des Grandes Alpes vom Genfer See bis zum Mittelmeer ziehen, und diejenigen, welche abseits dieser Touristenstraße liegen. Der Col de la Croix de Fer (Eisenkreuzpass), welcher Rochetaillée nahe Le Bourg-d’Oisans im Romanche -Tal mit dem Maurienne -Tal verbindet, gehört sicher in die zweite Gruppe. Auf der Route des Grandes Alpes spielt sich ein Großteil des Touristenrummels ab. Das Gebiet des Col de la Croix de Fer (2.067m) ist dagegen deutlich ruhiger. Mit seinen malerisch gelegenen Stauseen auf der Südseite, der Schluchtenlandschaft im unteren Teil der Nordrampe und dem kargen, hochalpinen Hochtal rund um die Passhöhe gehört der Croix de Fer jedoch zweifelsfrei zu den schönsten Alpenpässen.
Die Gegend ist zunächst dicht bewaldet. Der Asphalt ist griffig und schwungvoll streben wir entlang des Flüsschens Eau d'Olle durch die Schlucht „Dèfilé de Maupas“ aufwärts. Die Straße ist gut ausgebaut und leer. Eine gute Gelegenheit, die Gashand spielen zu lassen. Dann fangen die ernsten Sachen an. Die Steigung erreicht 14%. Es folgt eine Reihe schöner Serpentinen bis zum Stausee „Barrage de Grand Maison“ (1.600m). Der Anblick ist traumhaft. Der See schimmert blaugrün in der Morgensonne. Rauschende Wasserfälle stürzen zu Tal. Also einfach mal den Motor der Siwi abstellen und sich der Natur hingeben.
Die Landschaft beginnt sich nun zu ändern und öffnet sich zu einem kahlen, weiten Hochtal.
Am „Relais du Glandon“ legen wir einen kleinen Zwischenstopp ein und genießen auf der Terrasse das einmalige Bergpanorama. Wir sind zu dieser frühen Stunde die einzigen Gäste und können uns ganz der Stille widmen, die nur kurz vom Schrei eines Adlers unterbrochen wird
Die Ostabfahrt bietet keine Schwierigkeiten. Es sind einige kleine Tunnel zu durchfahren (Achtung - unbeleuchtete Radfahrer) und gelegentlich liegen wegen der in diesem Streckenabschnitt herrschenden Steinschlaggefahr recht große Brocken auf der Straße.
Im unteren Teil verläuft die Straße - von gelegentlichen Ausblicken ins Tal abgesehen - überwiegend im Wald. Sie ist recht gut ausgebaut, müssen doch im Winter Horden von Urlaubern diese Strecke zu den Skigebieten in und um Valloire bewältigen. Die weit geschwungenen Serpentinen führen uns schnell zur Passhöhe. Hier erwarten uns eine Gaststätte, die ihre beste Zeit offensichtlich schon überschritten hat, Info-Tafeln und großräumige Parkflächen. Der Wald öffnet sich und gibt schöne Ausblicke über das Arc-Tal hinweg ins „Massif de la Vanoise“, welches nach seiner Form auch „la poule“ (das Huhn) genannt wird, frei.
Nach einer kurzen Rast im zu dieser Jahreszeit fast ausgestorbenem Wintersportort Valloire (alle Restaurants und Geschäfte haben offenbar zur Mittagszeit geschlossen) liegt der Aufstieg zum Galibier (2.645m) vor uns. Schwindelerregende Steilkurven führen uns himmelwärts. An fast senkrechten Steilhängen entlang zieht sich das Teerband durch eine zunächst noch bewaldete Landschaft.
Während wir also unseren Café schlürfen trauen wir unseren Augen kaum: ein Straßenwachtfahrzeug kommt die Passstraße herunter und hält kurz an der Schranke um diese aufzukurbeln. Der Pass ist wieder frei - Glück muss man haben.
Vom Pass lohnt sich eine kleine Wanderung hinauf zur Orientierungstafel. Dort bietet sich ein wunderbares Panorama auf das Gipfelmeer des Écrins-Massivs (4.102m) im Süden und den Aiguilles d'Arves (3.514m) und dem Mont Thabor (3.178m) im Norden.
Nach der Passhöhe geht es steil abwärts. Kurz vor dem Col du Lautaret (2.045m) bietet der Meije mit dem Glacier de l'Homme (Massif des Écrins) einen herrlichen Anblick. Rasant gleiten wir am Abgrund entlang, ein kurzer Blick in die tiefen Schluchten sorgt für den notwendigen Nervenkitzel. Dann kommen die ersten Tunnels. Hier ist für Adrenalin-Schübe gesorgt, da viele Tunnel kaum beleuchtet sind und die Sonnenbrille zum Blindflug-Problem wird. Im Örtchen La Grave ist auf einem Parkplatz erst einmal Brotzeit angesagt. Knuspriges Baguette und würziger französischer Käse können nirgendwo besser schmecken. Ein französischer Motorradfahrer bietet uns sogar noch eine Salami an.
Bald darauf sind wir schon auf der N91 entlang des Flusses Romanche nach Le Bourg-d’Oisans unterwegs. Der Asphalt ist sehr rau, aber in gutem Zustand und die Kurven weit und flüssig zu fahren. Bei Freney-d’Oisans ist die Romanche zum Lac du Chambon aufgestaut. Der Fluss bildet unterhalb des Ortes die imposante Schlucht Gorges de l’Infernet, in die ich leider immer nur kurze Blicke aus den Augenwinkeln heraus werfen kann. Die beste Sozia der Welt will schließlich die heute Abend noch die vorzügliche Küche in Vaujany genießen.
Montvernier Serpentinenstraße & Col du Glandon
Die ersten Sonnenstrahlen klettern langsam über die Gipfel der umliegenden Berge und verkünden den neuen Tag. Der morgendliche Dunst schwebt im Gegenlicht über den Hängen von Vaujany. Wunderschön !
Die Straße ist noch feucht, als wir erneut dem Col de la Croix de Fer entgegenfahren. Schafsherden ziehen über die Berghänge und einzelne Tiere versperren sogar unseren Weg. Kleine weiße Wolken hängen über den Bergrücken und gleißende Gletscher funkeln im Hintergrund. Kitschig wie auf einer Postkarte.
Wenige Kilometer vor St-Jean-de-Maurienne verlassen wir die D926 und streben dem Skigebiet „Le Corbier“ und dem Pass La Toussuire (1.056m) zu. Der Übergang ist zwar nicht so bekannt wie die nahe gelegenen Pässe Galibier und Glandon, war aber immerhin schon Ziel einer Etappe der Tour de France. Die Auf- und Abfahrt bietet nur wenige landschaftliche Reize. Ein Erlebnis der abschreckenden Art ist jedoch der Ort Le Corbier“ - eine Bettenburg für Touristen, gekrönt von den drei Zacken der 3.510 Meter hohen Aiguilles d’Arves. Da lohnt sich auch kein noch so kurzer Stopp. Also schnellstens weiter. Auf dem Weg zum Glandon machen wir noch einen kurzen Abstecher ins Landesinnere und gelangen so „versehentlich“ zu einer der spannendsten Strecken in den französischen Alpen, der Montvernier Serpentinenstraße. Vom Bergdorf Montvernier schraubt sich die Traumstraße D77B über 18, sehr (!) dicht übereinander liegende Serpentinen auf nur 3 km nach Pontamafrey-Montpascal den Steilhang hinab. Die Kehren sind extrem eng und unübersichtlich. Nur ein wackeliges Geländer schützt - optisch - vor dem Abgrund. Das ist nichts für schwache Nerven. Das Wort „Fahrbahnbreite“ kann man hier getrost vergessen. Wenn hier drei Leute nebeneinander laufen hat der Vierte schon ein Problem. Extreme Vorsicht ist angesagt. Meine beste Sozia hofft inständig, dass kein Gegenverkehr kommt und bekommt Schnappatmung. Wir sind beide durchgeschwitzt, als wir schließlich das Arc-Tal erreichen.
Die 22 km lange Auffahrt von La Chambre hinauf zum Col du Glandon (1.924m) ist dagegen für meine Silver Wing eine entspannte Bummeltour. Verlässt man den Lauf der Glandon, die uns zunächst begleitet, müssen Steigungen von 13 Prozent überwunden werden. In mehreren Serpentinen erklimmt das Teerband den letzten Kilometer. Oben angekommen geht der Blick zurück über die Nordostrampe talwärts, wo sich hinter dem Col de la Madeleine majestätisch der weiße Berg der Alpen, der Mont Blanc (4.810m), erhebt. Man glaubt es kaum, aber einige Reisebusse stören hier oben den weiteren Blick auf die Schönheit der Bergwelt.
Bei der Abfahrt nach Vaujany, entlang des Lac de Grand Maison, lasse ich zum Abschluss des Tages, meiner Siwi noch einmal freien Lauf. Nicht zu enge, geschwungene Kurven, die wunderbar zu fahren sind, geleiten uns talwärts. Auf den verkehrsarmen Straßen kann ich jetzt auch einmal die Gashand arbeiten lassen. Da macht „Kurven räubern“ Spaß!
Ausflug in die Hochalpen Savoyens - Mythos L’Alpe d’Huez
Bei einer Steigung bis zu 12 % sind die "21 Kehren des Satans" wie sie genannt werden zu überwinden. In Kurve 21 und 19 steht heute noch der Name Armstrong zu lesen, der dort 2001 gewonnen hatte. Auch der 2004 an einer Überdosis Kokain gestorbene Italiener Marco Pantani hat noch seine Ehrentafeln. 1997 fuhr der "Pirat" in nur 37:35 Minuten hinauf - bis heute die schnellste Zeit. Mit Rücksicht auf die zahlreichen Rennradfahrer halte ich meine Silver Wing in Zaum, obwohl die gut ausgebaute Straße geradezu zur Kurvenhatz einlädt. Dafür entschädigt der Blick auf die grandiose Schönheit der Landschaft. Eine kilometerlange Gerade führt uns schließlich zum Etappenziel: in ein grauenhaftes Retorten-Wintersportressort, welchem man vergeblich versucht hat, durch Holzverkleidungen das Flair einer Westernstadt zu verleihen. Da hilft nur ein beherzter Dreh am Gasgriff, um diesen unwirtlichen Ort schnellstmöglich hinter uns zu lassen.
Glücklicherweise gibt es weiterführende Strecken, die sich lohnen, z.B. über den Col de Sarenne. Unsere Fahrt über die D254a erweist sich als ein fahrerischer und landschaftlicher Höhepunkt. Die schmale, holprige Straße zieht sich durch ein breites Hochtal dem Pass entgegen. Gelegentlich bieten gepflasterte Wasserrinnen kleine Hindernisse, dann ist der Sattel auf 1.999m Höhe erreicht.
In Mizoën am Lac du Chambon stoßen wir wieder auf die N91 und schwenken auf die D213 ab. Die 11km lange Stichstrasse zieht sich durch teilweise tiefen Mischwald nach oben. Auf wunderbar zu befahrenden Asphalt sind 10 numerierte Serpentinen zu bezwingen, die uns hinauf zum Massif du Soreiller mit dem la Meije (3.983 m) und damit erneut ins Grauen führen. Wir haben den Skiort „Les 2 Alpes“ auf 1.650m Höhe erreicht. Betonklötze, geschlossene Restaurants, heruntergelassene Rolläden. Hier würde sich nicht einmal der Yeti wohlfühlen. Also schnellstmöglich wieder bergab. Dort erwartet uns der Barrage du Chambon und am Talausgang die wildromantische Schlucht Gorges de l’Infernet mit ihren tief in den Fels geschnittenen Kurven und langen Tunnels. So wird die Rückfahrt doch noch zum Erlebnis!
Die Runde durch den Vercors und die Haute-Alpes nähert sich dem Ende - á la Prochaine - bis zum nächsten Mal!
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(c) Ralf Beelitz
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