Einmal im Jahr macht die Motorradgruppe meiner ehemaligen Firma seit 2010 einen grösseren oder kleineren Ausflug: z.B. Ardennen, Sauerland, Thüringen, USA 😉 oder dieses Mal Sardinien. Die Kollegen fahren mit dem Auto und Anhänger bis Livorno, ich entscheide mich einigermassen gemütlich an 3 Tagen mit der Honda von Münster bis zur Fähre zu fahren. Die erste Übernachtung in der Nähe von Lahr im Schwarzwald, die zweite in Gravellona Lomellina westlich von Mailand. Es ist Mitte April und - ich nehme es schon mal vorweg - es gibt keinen einzigen Regentag, weder auf der 3-tägigen Hinfahrt noch während der 10 Tage auf Sardinien noch während der 3-tägigen Rückfahrt ☀️.
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Reisfelder bei Borgo San Siro morgens kurz vor 7
An den 3 Tage bin ich täglich etwas über 500 km gefahren - etwa 1/3 Autobahn und 2/3 vor allem kleine Landstrassen. Das funktioniert nur, wenn man morgens früh los fährt. Da ist es verkehrsarm und man kann schöne Bilder machen. Allerdings haben kleine Landstrassen manchmal auch ihre Tücken, wie die folgende kleine Episode zeigt.
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vor der Kurve
Irgendwo im Appennin möchte ich um diese kleine Kurve fahren, da kommt mir eine sehr flotte Italienerin mit ihrem Fiat entgegen, die ich erst sehr spät sehe. Ich mache eine Schreckbremsung mit der Vorderradbremse und schon liegt das Motorrad auf der Seite. Da ich sehr langsam bin und ausserdem Glück habe, passiert mir nichts. Die flotte Italienerin fährt ein paar Meter weiter, öffnet das Fenster, steckt den Kopf raus, fragt wohl, ob ich wohlauf bin, ich stehe schon wieder und schimpfe vor mich hin. Daraus schliesst sie wohl, dass es mir gut geht und fährt schnell weiter.
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nach der Schreckbremsung
Obwohl ich die Schuld nicht so ganz bei mir sehe, muss ich hier in der Nähe von gar nichts schauen, wie ich weiter komme. Da bin ich froh, dass ich in Hechlingen war und geübt habe, wie man so eine 250 kg-Kiste wieder aufhebt. Natürlich kann ich das Gepäck nur auf einer Seite entfernen, aber es gelingt mir dennoch, das Motorrad mit dem Lenkerhebelgriff wieder aufzustellen. Uff - Glück gehabt. Ausserdem ist nicht ein Kratzer zu sehen, dank der sehr stabilen australischen Handguards von Barkbusters und dem Softgepäck von Bumot (Ende des Werbeblocks).
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Bremsspur
Nach angemessener Pause und tiefem Durchatmen geht es weiter Richtung Livorno. Dort bleibt sogar noch ein wenig Zeit für Kultur. Wir schauen uns das Wahrzeichen Livornos an, das Monumento dei Quattro Mori. Es wurde 1626 zum Gedenken an die Siege Ferdinands I über die Osmanen fertiggestellt. Die 4 Moris wurden der Erzählung nach von dem Bildhauer Pietro Tacca nach echten sarazenischen Gefangenen erstellt. Hier gibt es einen Punkt, von dem aus man die Nasen jedes einzelnen Mohren sehen kann, und wenn einem dieses gelingt, bringt das besonderes Glück. Das habe ich für euch schon mal fototechnisch erledigt 😉. Eine kleine Hilfe ist ein dunkler Stein, den die Stadt Livorno in das helle Pflaster zu diesem Zweck eingebracht hat...
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Monumento dei Quattro Mori
Wir fahren mit Corsica Sardinia Ferries, da die auf Sardinien im gemütlicheren Golfo Arranci und nicht im quirligen Olbia anlegen. Die Verzurrung auf der Fähre erfolgt sehr sorgfältig und professionell 😉.
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Sorgfältig gesicherte Honda Africa Twin Adventure Sports
Die erste Tour von Golfo Arranci nach Santa Maria Navarrese erfolgt über die SS 125, das ist schon mal eine gelungene Einstimmung in das Kurvenparadies der Insel. In Santa Maria Navarrese bleiben wir 5 Tage in einem grossen Appartement mit 3 Schlafzimmern, 2 Bädern, einem grossen Wohnesszimmer, Balkon mit Blick über den Ort bis zum Meer.
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Männer-WG bei der Arbeit
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Gleich geht's los
Wir haben natürlich nicht nur gegessen, sondern auch die ein oder andere Tour gemacht. Zur Vorbereitung haben wir meine früheren Touren angeschaut, ausserdem bin ich seit kurzem Mitglied bei den Passknackern, die 70 Pässe auf Sardinien ausweisen. Zusätzlich nutzen wir auch das wirklich sehr empfehlenswerte Buch von Nicole Raukamp, die darüber hinaus einen eigenen Blog über Sardinien betreibt, der immer wieder neue Geschichten und Empfehlungen enthält.
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Ein paar Highlights der Touren sind natürlich die vielen Nuraghen, die von etwa 2.200 bis 400 v. Chr. von den Nuraghern gebaut wurden. Von den ursprünglich über 7.000 Nuraghen sind heute noch ca. 700 auf der Insel zu finden, teilweise mit offiziellem Zugang, teilweise müssen sie einfach mitten im Gelände gesucht und entdeckt werden. Letztere interessieren uns natürlich besonders...
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Hinweisschild zur Nuraghe Dronnoro
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Nuraghe Dronnoro
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weitere Nuraghe
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Blick aus dem Inneren einer Nuraghe
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Nuraghe mit Pferd
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Verstecktes Hinweisschild zum Auffinden einer weiteren Nuraghe
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offenbar kein Wunsch, weitere Nuraghen zu suchen
Weitere besondere Highlights sind die vielen Pässe, die wir auf der Insel gefahren sind. So richtig schön war es oben auf dem Bocca di Irghiriai, nett kniffelig anzufahren und dann belohnt mit traumhaftem Ausblick.
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Dream Team auf dem Bocca di Irghiriai
Auch sehr lohnenswert der Monte Limbara, 1362 m hoch, den man über den Passo del Limbara erreicht.
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auf dem Monte Limbara
In den 10 Tagen auf der Insel sind wir über etwa 30 Pässe, die bei Passknacker verzeichnet sind, gefahren. Die Punkte eignen sich hervorragend zur Routenplanung, da sie natürlich landschaftlich besonders attraktiv sind. Und dann gibt es natürlich noch einige Tomba di Giganti (Gigantengräber) und heilige Brunnen. Ein Muss ist der Brunnen Su Tempiesu bei Orune, etwa 1300 v. Chr. gebaut, der anders als die Nuraghen aus sehr präzise bearbeiteten Steinen errichtet ist. Er liegt an einem steilen Hang und ist nach einer entspannenden Wanderung - Dauer knapp eine Stunde hin und zurück - zu erreichen.
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heiliger Brunnen Su Tempiesu
Nach dem Aufstieg kann man sich oben auf den Bänken ausruhen - wenn man einen Platz findet.
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Pausenzone Su Tempiesu
Seit Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts gibt es vor allem in den Bergdörfern viele "Murales" (Hausbemalungen), die z.T. politische Hintergründe haben oder Motive aus dem Alltagsleben zeigen. Z.B. im Dorf der Hundertjährigen (Perdasdefogu) oder in Villanova Strisaili wird stolz durch Murales gezeigt, dass viele Menschen 100 Jahre und älter werden. Ein paar Beispiele:
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Barbara G.M. Mussudu 101 Jahre
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Maria Bazzili, 103 Jahre
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G.I. Agostino Biddoti, 104 Jahre
In den rauen Bergdörfern der Regionen Ogliastra und Barbagia werden die Menschen besonders alt, auf Grund von Lebensstil, Genetik und Ernährung. Eine weitere Besonderheit ist, dass Frauen und Männer in dieser sogenannten "Blauen Zone" etwa gleichalt werden. In meinem Alter ist es für einen Umzug vielleicht ein bisschen spät, das hätte man früher wissen sollen 😉.
Bekanntermassen ist Sardinien ein traumhaftes Kurvenparadies, aber auch für den Offroader und den anspruchsvollen Endurowanderer gibt es einiges zu entdecken.
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Achtung aufpassen
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anspruchsvolle Verbindungsstrasse - unterwegs Traumausblicke
Die zweite Hälfte verbringen wir auf der Westseite eher im Landesinneren in Pozzomaggiore in einem recht luxuriösen Bed & Breakfast mit traumhafter Aussicht auf die Umgebung. Der Wunsch, weitere Nuraghen zu suchen, ist sehr begrenzt, daher fahren wir z.B. nach Norden, besuchen einen Bekannten, der seit vielen Jahrzehnten nach Porto Pollo zum Surfen fährt.
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Surf-Spot Porto Pollo
Natürlich darf die Traumstrasse zwischen Alghero und Bosa nicht fehlen, die kann man immer wieder geniessen.
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Blick auf Bosa
Nicht vergessen sollte man den Besuch des "Grossen Patriarchen" (S'Ozzastru). Bei meinem Besuch vor 2 Jahren war dieser älteste Baum Italiens ca. 3000 Jahre alt, beim Besuch diese Jahr wurde uns bei der Führung erklärt, dass er bereits 4000 Jahr alt sei. Auch die Bestimmung des Alters wurde genau erläutert. Für mich bleibt die Erkenntniss, dass so ein Baum innerhalb von 2 Jahren schon mal 1000 Jahre älter werden kann 😁.
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unter dem zweitältesten Olivenbaum Sardiniens (Axel, Karl-Heinz, Thomas und ich)
Den Rückweg habe ich wieder über Norditalien und den Schwarzwald (diesmal bei Freudenstadt) geniesserisch bei bestem Wetter zurück gelegt. In Summe bin ich etwas ca. 6.200 km gefahren - da die Honda nicht so ein üppiges Drehmoment wie die BMW hat, sind sogar die Reifen noch für ein paar hundert km zu gebrauchen.
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