Tief unten glitzert der Euphrat in der Sonne

Es war der überwältigendste Moment meiner Tour: Der Blick vom Nemrut Dagi auf das grün-blau glitzernde Band des Euphrat. Wenn man in mehr als 2000 Metern Höhe am Fuße des Grabtumulus steht, wird man ganz andächtig. Weit reicht der Blick in die Landschaft, die wir mit den Ursprüngen unserer Kultur verbinden. Mesopotamien. Sie prägte das alte Testament, sie brachte das Gilgamesch Epos hervor, und hier schrieb Hammurabi seine Gesetze nieder. Aber es ist auch eine Region, die geprägt ist durch Feindseligkeiten und Kriege. Die Grenzen zu Irak und Syrien sind nicht weit. So etwas muss man einmal mit eigenen Augen gesehen haben.


Bis ich dort oben stand, hieß es viele tausend Kilometer mit dem Motorrad zu fahren. Und dann natürlich auch wieder zurück.


Die Planung begann in der Weihnachtszeit. Dunkel, regnerisch und gefangen im Corona Lockdown, schweiften die Gedanken umher. War's das jetzt für die nächsten Jahre mit dem Süden und mit Fernreisen? Was könnte im Sommer wohl möglich sein? Die Türkei war interessant, da sie bereits jetzt Sonderregelungen für Touristen hatte. Mitte Mai war dann absehbar, dass die Tour ab Juni machbar sein würde. Und so trafen Jens, Ulrike und ich uns am 3. Juni im Salzburger Land um an der Adria entlang nach Süden zu fahren.


Endlich wieder auf Achse :-) Ein bisschen mulmig ist uns schon wegen der ganzen Corona Regeln. Wir werden ja insgesamt 10 Länder besuchen. Haben wir wirklich an alles gedacht? Was, wenn wir irgendwo nicht einreisen können oder gar in Quarantäne müssen? Im Gegensatz zu den im Internet verfügbaren Informationen werden wir an den Grenzen so gut wie nicht kontrolliert und spätestens am Meer in Kroatien sind wir im Urlaub angekommen.



In Albanien der Schock: Jens stürzt In einer Baustelle, seine GS ist ziemlich ramponiert. Auch wenn so eine albanische Reparatur mit viel Zweikomponentenkleber, etwas Draht und ein paar Schrauben wahrscheinlich ein Leben lang hält, entscheidet er sich umzukehren.


Ulrike und ich setzen die Tour alleine fort. Die Bergwelt in Albanien ist faszinierend. Kaum zu glauben, dass im Juni so weit im Süden noch Schnee liegt.





Nach einer schönen Fahrt von Kukes nach Peshkopia gibt es kurz vor dem Ohrid-See immer mal wieder Schauer. So entscheiden wir schon am frühen Nachmittag, für heute Schluss zu machen und an diesem wunderschönen See zu bleiben.



Planänderung: Die Pause am See stellt sich als Wink des Schicksals dar, denn am Abend wird nach Monaten der Corona-Sperre die griechisch-türkische Grenze wieder geöffnet. So können wir am nächsten Tag in aller Ruhe hinter Thessaloniki ans Meer fahren und dort die weitere Tour planen. In aller Ruhe? Nein, Regen und Gewitter begleiten uns den ganzen Tag. Ein kurzer Blick auf die Wetter-App überzeugt uns dann auch, dass wir die Schwarzmeerküste für mindestens eine Woche meiden sollten. Wir beschließen, weiter im Süden über Izmir und Konya nach Kappadokien zu fahren und so dem Schlechtwettergebiet auszuweichen. Ganz wird das nicht klappen, aber wenigstens müssen wir nicht ganz so oft das Regenzeug an- und ausziehen.


Wir umgehen Istanbul und überqueren die Dardanellen von der Gallipoli-Halbinsel nach Çanakkale. Friedhöfe und Denkmäler erinnern daran, dass hier einige der schlimmsten Schlachten des ersten Weltkriegs ausgetragen wurden. Die Fähre wird wohl auch bald Geschichte sein. Momentan wird eine gewaltige Brücke gebaut, um auch an dieser Stelle Europa und Asien zu verbinden.




Die Türkei ist voll historischer Stätten. Viele liegen verlassen und unberührt in der Landschaft. Andere haben den Tourismus angezogen. In den weniger bekannten Orten ist dieser nicht nur erträglich, sondern bunt und sehenswert. Vieles ist noch ganz einfach, wie diese Schilder, die uns in Pergamon zu Hotels und Restaurants leiten.

 


 



Ein Weingut in der Türkei? Der Tag war lang. Die letzten Stunden ging es immer wieder durch Gewitter und nun dämmert es bereits. Nirgends eine Unterkunft oder ein Campingplatz. Heute werden wir wohl die Zelte im Nichts aufstellen müssen. Da fällt mir plötzlich ein kleines Schild auf der anderen Straßenseite auf. "Weingut mit Hotel". Klingt verlockend. Aber erst einmal heißt es auf der 4-spurigen Straße zu wenden. Auch wenn wir dabei etwas Skrupel haben, hier macht es einfach jeder. Egal ob mit Auto, Traktor oder Pferdefuhrwerk. Dann die Überraschung: Mitten in Westanatolien sieht es aus wie in der Toskana. Einfach herrlich!


  


  




Es geht weiter nach Osten. Die Route entlang des Seengebiets bei Egirdir ist nicht nur wunderschön, sondern auch interessant. Mir war vorher nicht bewusst, dass uns im Innern Anatoliens Seen von der Größe des Bodensees erwarten.


 



Hinter Konya kommt dann das erste Mal das Gefühl von Weite und Einsamkeit auf. Man kann sich gut vorstellen, wie in alten Zeiten die Kamelkarawanen auf diesem Teil der Seidenstraße durch die Wüste zogen. Heute geht das bei perfekten Straßen mit dem Motorrad recht zügig.


So erreichen wir schon am frühen Mittag die Sultanhani Karawanserei. Der Schatten und die Kühle zwischen den uralten Mauern ist einfach herrlich.




Welch ein Leben mag hier geherrscht haben, wenn abends eine Karawane ankam. Wie die Tiere versorgt und ein Teil der Waren gehandelt wurde. Wie dann später die Händler am Feuer saßen und Geschichten aus Tausend und einer Nacht erzählten.


Kappadokien, eine Welt für sich. Für uns ist es noch zu früh um eine Unterkunft zu suchen. So fahren wir weiter und erreichen gegen Abend Kappadokien. Ich hatte die Gegend zuvor ausschließlich mit dem Massentourismus in Verbindung gebracht und innerlich abgelehnt. Umso erstaunter bin ich, wie das verschwindet, als ich ungläubig die faszinierenden Felsformationen mit der ständig wechselnden Beleuchtung betrachte. Einfach irre und am nächsten Morgen dann auch noch hunderte Heißluftballons! Im Video seht ihr einen Ballon direkt über die Häuser fliegen. Die Piloten beherrschen ihr Handwerk! Wir beschließen einen Ruhetag einzulegen und die Gegend zu erkunden.


  


  




Erneute Planänderung. Der Ruhetag hat gut getan. Mit der Ruhe wächst aber auch das Gefühl, dass wir in den letzten Wochen einfach zu viel gefahren sind. Wir entscheiden uns abzukürzen. Ulrike wird den direkten Weg ans Schwarze Meer nehmen, während ich noch einen Abstecher zum Nemrut Dagi mache.


Der Weg dorthin ist ein Motorrad-Traum. Nach den 4-spurig ausgebauten Straßen der letzten Tage geht es nun über kleinste, kurvige Bergstraßen weiter. Zeitweilig fühle ich mich in die Alpen versetzt. Dann wieder unendliche Weite und kahle Berge am Horizont. Toll!




Weiter im Osten folgt eine freundliche Hügellandschaft, die bis zum Horizont mit Weizenfeldern und Obstplantagen bestanden ist. Gelegentlich führt mich das Navi über Schotterpisten wo ich fernab jeglichen Verkehrs meine Spaghetti am Straßenrand koche.




Am Nemrut Dagi. In Kahta angekommen, ist es zu früh um eine Unterkunft zu suchen. Unwissend, wie gebirgig und einsam die Gegend ist, begebe ich mich auf die letzten Kilometer. Landschaftlich und von der Beleuchtung ein Traum. Aber die Kilometer ziehen sich. Weit und breit keine Pension. Ich beschließe umzudrehen. Wie es kommen muss, verfahre ich mich und und quäle mich in totaler Finsternis über einen extrem steilen und ausgewaschenen Schotterweg ins Tal. Puh, das war mehr als unheimlich!


Am nächsten Tag der zweite Anlauf. Wie anders sieht die Landschaft doch im Hellen aus! Die Erdölpumpe erinnert mich daran, dass die Grenzen zu Syrien und dem Irak nicht fern sind. Ihre gleichförmige Bewegung lässt die Landschaft noch ruhiger wirken, als sie ohnehin schon ist.


 


 



In gut 2.000 m Höhe parke ich das Motorrad. Die restlichen 150 Höhenmeter werden zu Fuß gemacht. Oben empfangen mich riesige Steinfiguren, wie wir sie aus Büchern und Filmen kennen. Sofort tauche ich in die Geschichte des Zweistromlandes ein, fühle mich 2.500 Jahre zurück versetzt. Ja, ich hatte darüber gelesen, aber ich hatte den Nemrut Dagi als ein nettes Add-On der Tour betrachtet, nicht als eines der Highlights!


 


Unglaublich, wie gut erhalten die uralten Figuren sind. Und das in dieser krassen Landschaft mit Hitze, Kälte und Stürmen. Das moderne Museum scheint weniger stabil zu sein. Das Blechdach weht im Wind und niemanden scheint es zu stören...




Hier endet der erste Teil meines Berichts. Im nächsten Teil geht es auf Schotterstrecken durch den Dark Canyon und über das gewaltige Küstengebirge ans Schwarze Meer. In dieser landschaftlich ganz anderen Türkei treten wir dann unseren Rückweg an.

Kommentare 5

  • Ein ganz toller Bericht. Vielen Dank.

  • Wow, sehr schön, da bekommt man Lust, sich mal mit dranzuhängen. Danke für den Bericht!

  • Klaus,


    deinen Bericht habe ich sehr gerne gelesen :thumbup:. Das macht Lust auch mal ein Tour in die Türkei zu unternehmen. Ich glaube, wir sollten mal wieder zusammen fahren. Bin schon gespannt, wie es weiter geht.


    Gruss

    Jürgen

    • " Das macht Lust auch mal ein Tour in die Türkei zu unternehmen. Ich glaube, wir sollten mal wieder zusammen fahren"


      Habe schon eine Route für 2022 im Kopf, ggf. mit Abstecher nach Georgien, das du ja zumindest grob kennst. Befürchte nur, dass du auf dem Weingut hängen bleibst. Nicht nur bester Wein und bestes Essen, sondern auch noch bester Cappucino :D

  • Freue mich auf den zweiten Bericht. Unfassbares Erlebnis um das ich dich beneide. Keine Ahnung, ob ich je den Mut hätte so etwas zu unternehmen. Kudos!

    Nicht zuletzt fand ich diesen Bericht und auch den Bericht im Forum, "Mit der Kati zum Kap" sehr interessant, weil es die ewige KTM-Unkerei in die richtige Ecke stellt. Dankeschön 🙂