Coimbra im Februar

Irgendwo habe ich gelesen, dass die Studentenstadt Coimbra zu den lebenswertesten Städten der Welt gehört. Ausserdem ist es Februar, es regnet, es ist kühl im Münsterland, zusätzlich steht die RT in der Garage und scheint mit den Hufen zu scharren. Die Dinge, die ich benötige, sind schnell gepackt, Stauraum ist ausreichend vorhanden, schon sind die 2.300 km in 3 Etappen erledigt.



Pause in Spanien


Die Temperaturen unterwegs sind meistens einstellig, so zwischen 2 bis 4 °C in den Ardennen, ansonsten zwischen 7 und 9 °C, also Scheibe hochfahren, Griff- und Sitzheizung an, Winterbekleidung - das lässt sich (so grade...) aushalten.


Coimbra selbst begrüsst mich mit Sonnenschein und 14 bis 18 °C, so war's erwartet und bestellt. Ich übernachte bei Graça und Joāo im Republica Guest House, sieht von aussen wie ein nicht ganz neues Stadthaus aus, mein Zimmer ist nach hinten - völlig ruhig. Das Frühstück, das Graça mir morgens serviert ist phänomenal. Joāo gibt mir eine Fülle von Informationen über Coimbra, älteste Uni Portugals, Gründung 1290, mehr als 20.000 Studenten bei 140.000 Einwohnern, viele historische und musikalische Details. U.a. wird der Fado Coimbras anders als der von Lissabon ausschliesslich von Männern gesungen.



Frühstück (Kaffee, Milch und frisch gepresster O-Saft kommen noch), besonders empfohlen wird der portugiesische Hartkäse kombiniert mit Feigenmarmelade. Ziemlich sehr gut.



Abstellplatz für mein Motorrad (24 h Bewachung durch den Pförtner der Academica de Coimbra)


Der erste Tag in Coimbra ist Sonntag, der 6. Februar 22, und da ich nicht nur zum Spass da bin, mache ich eine erste Tour in die Serra da Estrela und auch gleich rauf zum Torre, dem höchsten Punkt Festlandportugals (1.993 m). Auf den kleinen und mittleren Strassen mit super griffigem Strassenbelag (ähnlich Sardinien) gibt es sehr wenige andere Verkehrsteilnehmer, so dass ich mich auf das Fahren und die Landschaft konzentrieren kann. Oben auf dem Torre befindet sich tatsächlich ein Mini-Skigebiet, wo man auf Kunstschneebahnen in ansonsten schneefreier Landschaft Ski fahren kann. Für den Skienthusiasten ist das vielleicht nicht ideal, aber es ist das einzige Skigebiet Portugals.



Skigebiet auf dem Torre



Blick vom Torre


Nach der Tour sind die Reifen wieder einigermassen rund gefahren, und ich bin begeistert von den fahrerischen Möglichkeiten in dieser Gegend Portugals. Abends gibt es noch einen kleinen Stadtbummel in der Hügelstadt mit einer Fülle von kleinen Restaurants, Bars und Cafés.



Coimbra am Abend


Am nächsten Tag - der Himmel zeigt sich mittlerweile völlig wolkenlos - lasse ich es ein wenig ruhiger angehen. Ich lasse mich treiben und eine kurze kurvenreiche Tour führt mich zu den Moinhos de Gavinhos, einer Gruppe von 14 alten Windmühlen, eine phänomenale Aussicht gibt es als Zugabe.




Moinhos de Gavinhos (alle 14 bekomme ich nicht aufs Bild...)


Dann geht es weiter in den Bussaco Park, in dem sich das Prachtgebäude "Convento de Santa Gruz do Bussaco" befindet, ein ehemaliges Kloster des Ordens der Unbeschuhten Karmeliter bei Luso, errichtet von 1628 bis 1630. Das Gebäude war später auch Hauptsitz von General Wellington, der von hier aus 1810 in der Schlacht von Bussaco mit seiner britisch-portugiesischen Armee Portugal erfolgreich gegen eine französische Übermacht verteidigte. Nach einem kleinen Spaziergang durch den gepflegten Park geht es über kurvenreiche Strecken durch die schöne Hügellandschaft zurück nach Coimbra.



Convento de Santa Cruz do Bussaco


Am Dienstag mache ich mich dann auf, einen Teil der 27 Schieferdörfer (Aldeias da Xisto) zu besuchen. Es handelt sich um mittelalterliche Dörfer, die zum Teil durch Ordensgemeinschaften oder pastorale Tätigkeiten gegründet wurden, zum Teil waren es kleine Handelszentren. Die Dörfer würden weitgehend Anfang des 20sten Jahrhunderts von ihren Bewohnern aufgegeben und seit etwa 2001 von den regionalen Verwaltungen als touristische Ziele für Wanderer und auch für Motorradfahrer ideal. Gefunden habe ich u.a. Talasnal (schönes Café), Gondramaz und Mosteiro, sowie nach spektakulärer Tour über einen Höhenkamm das Dorf Fajão.




Schieferdörfer



Unterwegs nach Fajão


Die viele Fahrerei fordert ihren Tribut: die Reifen sind runter (vor allem der Vordere), ausserdem ist die 40.000er Inspektion fällig. Eine etwas grössere Sache, inkl. Ventile einstellen, Bremsflüssigkeit, etc. Ich lasse alles bei BMW Coimbra machen, die etwas ausserhalb liegen, und einen Shuttle Service in die Innenstadt anbieten. Am Nachmittag kann ich das Motorrad mit neuen Michelin Pilot Road 6 GT bereift abholen. Ich habe vorher einige Sätze Pirelli Angel GT 2 gefahren, mit denen ich durchaus zufrieden war, vielleicht bis auf die Laufleistung von lediglich ca. 6.000 km. Der Pilot Road 6 GT hat mir zumindest auf Portugals griffigem Asphalt ein noch grösseres Vertrauen vermittelt, mit dem etwas ungewöhnlichen Profil hatte ich sogar in Strandnähe beim Durchfahren von Sandwehen keine besonderen Schwierigkeiten.



Michelin Pilot Road 6 GT


So ganz gut technisch gerüstet mache ich am folgenden Tag eine Tour durch das Douro-Tal, landschaftlich und fahrerisch wieder ein toller Genuss. Der Himmel ist etwas bedeckter, aber es bleibt den ganzen Tag über trocken.




Douro-Tal


Da ich auch an diesem Tag wieder 400 km fahre, lasse ich es am Folgetag mit einer kleinen Talsperrentour eher ruhig angehen.


Den letzten Fahrtag verbringe ich gemeinsam mit Mario, einem Kollegen aus dem RT-Forum, der in Lissabon wohnt. Wir treffen uns auf halber Strecke und durchqueren zusammen die Serra de Alvelos und die Serra de Lousa. Trotz einiger Fotostopps steht das Fahren im Vordergrund, so dass Mario inkl. An- und Abreise von Lissabon am Ende des Tages 560 km auf der Uhr hat, bei mir (Coimbra liegt motorradtechnisch einfach ideal) sind es nur 369 km.





2 RTs in den Serras


Und weil's so schön ist, noch ein letztes Foto:



Am nächsten Tag mache ich mich auf den Heimweg und erreiche nach 3 Fahrtagen Münster mit vielen Eindrücken und 6.500 km mehr auf dem Tacho. Eine Bemerkung noch zum Schluss: besonders ist mir in Portugal die Freundlichkeit der Menschen aufgefallen und auch die Sauberkeit in den Städten, wo fast überall sei es von privat oder der öffentlichen Hand Reinigungstrupps unterwegs sind oder die Anwohner einfach nur die Strassen und Wege sauber machen.

Kommentare 12

  • schöne Tour, schöne Bilder; Cabo da Roca steht auch noch auf meiner "to-do-Liste"

  • Sehr schön Jürgen,
    so Winterfluchten haben einen ganz besonderen Reiz! Auf unseren 750GSen wollten wir die Anfahrt von 2300Km in drei Etappen aber nicht absitzen. Respekt, aber auf der RT scheint es ja zu gehen ;-), dann schon lieber Flieger und Leihmaschinen.
    Danke für den Bericht und weiter alles Gute :thumbup:
    Herbert

  • Jürgen,

    superklasse! Ich beneide dich um deine tollen Erlebnisse.

    Es wäre schön, uns mal wieder zu treffen (vielleicht so ganz popelig zur Eröffnungstour im Zündstoff am Edersee?).


    Liebe Grüße

    Susi

    • Moin Susi, Treffen wäre schön :) . Gibt's schon einen Termin für Zündstoff? Liebe Grüsse zurück, Jürgen

    • Nein, noch nicht, aber ich denke, das wird wie immer Anfang April wettertechnisch passen. :)

  • Obrigado !


    Da "muß" ich auch noch hin - Du hast meine Lust zu reisen wieder angekurbelt - Gut so! :thumbup:

  • Hey Jürgen, schöne Tour. Ich freue mich auch schon drauf, wird aber etwas länger werden denke ich :). Bis bald mal

    Immer oben bleiben

    VG

    Michael

  • Hallo Joey,

    ja schön das Du wieder gesund und mit bestimmt neuen Eindrücken zurück bist.


    Toller Bericht, wenn ich könnte wie ich wollte dann wäre ich auch los gefahren..


    Wir sehen uns, für eine kleine Tour durchs Münsterland …

    LG Hubert aus der Nachbarschaft :)

  • Top,

    da war ich vor Jahren auch schon.

    Schön die Dinge jetzt mal wiederzusehen. Dein Bericht macht Lust sofort Sachen zu packen und durchzustarten.

    VG

    Mike

  • Ich kann mich nur anschließen, ein toller Bericht, der Lust auf mehr macht.

    Vielen Dank für's mitnehmen! :) :thumbup:

  • Toller Bericht, vor allem wenn man selbst schon fast auf dem Weg dorthin ist ;) So kurz und treffend beschrieben. Genial! Und wieder einmal bemerkenswert, wie spielerisch du solch gewaltige Etappen in einer wenig Motorrad-freundlichen Jahreszeit meisterst :thumbup:


    So nebenbei: Wir sollten öfter mal telefonieren. Vielleicht schaffen wir es ja doch noch einmal gemeinsam loszuziehen. In zwei Wochen geht's bei mir los, über La Rochelle entlang der Biskaya nach Gijón. Dann über die Ruta Vía de la Plata nach Merida und weiter über Lissabon an die Algarve.


    viele Grüße aus Bonn, Klaus

  • Eine tolle Lektüre. Vielen herzlichen Dank.

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