Diesen Samstag in irgendeinem Monat in irgendeinem Jahr werde ich nicht so schnell vergessen.
Nicht nur wegen der wunderschönen Westerwaldrundtour bei Kaiserwetter.
Ich habe ein Andenken mitgebracht. Dieses Andenken ist quietschrot und hat einen schwarzen Rüssel.
Bei trockener Witterung startete ich besagten Samstag früh gegen 10 Uhr Richtung Osten.
Bevor ich mich wieder hinter der Buchführung einer eifeler Schreinerei vergrub, wollte ich noch mal die letzten Sonnenstrahlen dieses Herbstes und die Freiheit auf meiner XT genießen.
Die Westerwaldtour bot nichts Berichtenswertes.
Ich könnte jetzt hier von Kurven, von Kurven und von wunderbaren Kurven erzählen, aber ich will euch nicht langweilen.
Nach der Runde und einem letzten Kaffee auf dem Siegburger Markt blinkte die Reserveleuchte schon seit gut 40 KM, als ich den Heimweg antreten wollte.
Ich überlegte halbherzig, dass so langsam mal „Spritfassen“ angesagt sei.
An den 2 Tankstellen, an denen ich in Siegburg vorbei kam, war heftiger Betrieb und ich dachte mir in meinem jugendlichen Leichtsinn, „bis nach Hause schaffst Du`s noch!“.
War ich doch von meiner alten XT gewöhnt, dass die Reservelampe angeht, wenn noch 5 Liter im Tank sind und 5 Liter reichen für gut 100 KM, bei verhaltener Fahrweise.
„Alles im grünen Bereich“ denkend, lenkte ich die XT auf die BAB Richtung Bonn.
Es fing an zu nieseln und ich hatte keine Lust mehr auf nasse Landstraßen.
Nur noch 30 KM trennten mich von meinem warmen, trockenen Zuhause.
Kurz vor der Nordbrücke (nach etwa 10KM) war die erste Protestreaktion der XT deutlich zu spüren.
Sie nahm kaum noch Gas an. Der Begriff für ein übel riechendes braunes Exkrement kam mir in den Sinn.
Mit ein bisschen hin und her wedeln schüttelte ich die wohl letzten Tropfen des XT-Lebenssaftes aus den letzten Knicken und Kämmerchen des Tanks und die Einspritzpumpe bekam wieder Arbeit.
Mitten auf der Brücke, hoch über dem Rhein, erwischte mich das zweite, deutlich entschiedenere Protestbocken.
Sie, meine XT, überlegte es sich dann noch mal und als ich an der Ausfahrt Auerberg vorbei war, zerfloss meine Hoffnung, es noch bis zum Verteilerkreis und den dort befindlichen Tankstellen zu schaffen.
Dieses harte Wort für die weiche, stinkende Masse, wollte nicht mehr aus meinem Bewusstsein schwinden.
Just da, wo die Kölnstraße die BAB überquert, war dann endgültig Schluß.
Kein Schütteln, kein Fluchen, kein Streicheln, kein Treten reanimierte die vertrocknete Kiste.
Nun war guter Rat teuer. Ich wog das Risiko ab, in einem verzweifelten Kamikazesprint die BAB Richtung Verteilerkreis zu überqueren (waren ja nur 5 Fahrspuren mit großzügigen 3-Meter-Lücken zwischen den P- und LKWs), -mein innerer Kompaß sagte mir, dass die Tanken dort deutlich näher sind-, oder die gesündere Variante,
nämlich die Diensttreppe, die gleich neben mir zur Kölnstraße anstieg, zu wählen.
Letztendlich entschied ich mich für den Weg, der es mir ermöglicht, vielleicht irgendwann einmal meine Enkel auf dem Schoß zu schaukeln und ihnen Grimms Märchen zu erzählen oder diese Geschichte vom quietschroten Andenken. Ich wählte die Diensttreppe.
Nachdem ich mein Portemonnaie rausgesucht und auf dem Sitz zwischendeponiert hatte, schälte ich mich aus Helm und Handschuhen, stopfte Letztere in den Ersteren, nahm mein rotes Gürteltäschchen und erklomm besagte Diensttreppe.
Nach einem kleinen 1-KM-Marsch erreichte ich die teuerste Essotanke im weiten Umkreis.
„Sch…egal“ dachte ich, -schon wieder dieses harte Wort-, „hier kaufste jetzt nen Reservekanister und 5 Liter XT-Lebenssaft.
Cool betrat ich den Verkaufsraum, suchte mir einen Kanister aus und mit den jovial-herablassenden Worten „Den bezahle ich gleich, wenn ich ihn voll gemacht hab“
verließ ich den Raum und steuerte die nächste Zapfsäule an.
Exakt 5,00 Liter füllte ich ein und richtete meinen forschen Schritt gen Kasse.
Derweil fuhr meine rechte Hand in die rechte Jackentasche, in der ich mit absoluter Gewissheit mein Portemonnaie finden würde…., „Sch…e“,- schon wieder dieses Wort-, die Tasche war leer.
In dem roten Gürteltäschchen konnte es nicht sein, weil in dem Portemonnaiefach mein Navy verstaut war, welches ich angesichts der vielen Verbrecher dieser Welt, verständlicherweise nicht am Mopped lassen wollte.
Siedendheiß stand mir, wie ein Filmausschnitt, der Moment vor Augen, als ich meinen Vermögensbehälter auf der Sitzbank ZWISCHENdeponierte.
Ungeachtet dieser niederschmetternden Erkenntnis durchwühlte ich sämtliche Jacken-
und Hosentaschen, das besagte rote Gürteltäschchen, das Innere des Helms und der darin
befindlichen Handschuhe und nach einem weiteren erfolglosen Kontrollgriff in meinen Schritt stand ich vor der bitteren Tatsache, dass dieses vermaledeite Lederdingens bereits eins der oben erwähnten Verbrecherherzen erfreute oder immer noch einsam auf der Sitzbank der XT meiner harrte.
Mein verlegenes Stottern und entschuldigendes Murmeln hinderte den skeptisch dreinblickenden Tankwart südosteuropäischer Herkunft daran, unverzüglich die Polizei, oder, was schlimmer gewesen wäre, seine Brrrüderrr zu rufen.
Nach einer Debatte, in der es mir heldenhaft gelang, nicht zu weinen, erklärte er sich damit einverstanden, mein Navy, mein ein-und-alles, als Pfand zu akzeptieren.
Seinem Wunsch nach meinem Ausweis konnte ich leider nicht entsprechen,
denn dieser wurde in diesem Moment wahrscheinlich schon in einer osteuropäischen
Fälscherwerkstatt von einem schmierigen, geldgierigen Verbrecher zu kriminellen Einsatzzwecken vorbereitet, oder…er schlummerte immer noch im Zwiebellederetui auf der immer nasser werdenden Sitzbank meiner XT.
Wenn SIE überhaupt noch dort stand, wo ich sie vor gefühlten eineinhalb Nachmittagen zurückgelassen hatte *schluchz*.
Sicher hatte bereits der Luftdruck, der mit unverschämten 160 km/h an meiner Kleinen vorbeidonnernden LkWs, sie in die 90°-Schräglage gebracht und nun hauchte sie im Straßenkot des Standstreifens zwischen Milliarden von Mäckestüten, gebrauchten Taschentüchern und Kondomen ihre letzten Öltropfen in immer bunter schillernde Regenpfützen.
*SCHLUCHZ*
Niedergeschlagen, den Helm und den Kanister in und unter dem linken Arm schleppend,
schlich ich zur Straße zurück und, mich rückwärts meinem Ziel nähernd, hielt ich die rechte Hand mit aufwärts gerichtetem Daumen in den an mir vorbeirauschenden Verkehr.
Nach unendlichen 10 Sekunden verlangsamte ein Ford Fiesta, Bj. 1918, dessen Karosserie sich an der Fahrerseite, Funken sprühend, bedenklich der Asphaltoberfläche näherte, seine Fahrt, setzte den Blinker und hielt tatsächlich neben mir an. Hektisch den Beifahrersitz vom dort sich befindenden Müll befreiend, dabei mit seiner gigantischen Wampe das Lenkrad in Position haltend, versicherte mir das in ein verwaschen-schwarzes T-Shirt mit Harley-Davidson-Logo gezwängte Monster mit fettiger, langer, schütterer Kopf- und Gesichtsbehaarung in bestem rheinischen Slang, datt er och Biker sei un Biker doch zesamme haale möße (Dass er auch Biker sei und wir Biker doch zusammen halten müssen).
Behaglich, mit der beruhigenden Gewissheit, dass meine Moppedkombihose nichts der zweifelhaften auf dem Sitz befindlichen Substanzen an meine zarte Haut gelangen lassen würde, ließ ich mich neben dem Fleischklops nieder.
Meine Schicksalsgeschichte mit einem unverständlichen Grunzen kommentierend, entließ mich der Mensch, der mir in diesem Moment wie ein blondgelockter wohlriechender Engel erschien, just auf der BAB-Brücke unter der meine Kleine vor sich hin oxidierte, aus seinem gequälten Gefährt mit den Worten: „ Isch helfe jedem Biker, mir mössen doch zesamme haale….“.
Ich weiß nicht, ob er mein hochdeutsches „Dankeschön“ verstanden hat, aber ich bin sicher, einen wahren Freund gewonnen zu haben.
Noch während sein asthmatisch röchelndes Gefährt Funken sprühend wieder Fahrt aufnahm, zwängte ich mich durch die Absperrung der Diensttreppe und nach den ersten 3 Stufen rückte SIE in mein Blickfeld.
SIE ist meine XT, mein Ein-und-Alles, das Markbällchen in meiner Rindfleischsuppe, der Schlaf meiner traumlosen Mittagspausen.
SIE, ja SIE! stand noch dort, wo ich sie abgestellt hatte und, es ist schier unglaublich, ein verschämtes schwarzes Schimmern auf der Sitzbank ließ mich auf der Stelle wieder an das Gute im Menschen glauben.
Die Geldbörse war noch dort, wo ich sie vor gefühlten 1 einhalb Nachmittagen zurückgelassen hatte.
Innerlich allen südost- und osteuropäischen Völkern Abbitte leistend, schlidderte ich mit meinem 5-Liter-Kanister und dem Helm unterm Arm zu meinem Schätzchen.
Mehr ist eigentlich nicht zu erzählen.
Ich füllte den Sprit ein, packte den leeren Kanister in den Tankrucksack und
nach nur einem Startversuch sprang mein XTchen jubelnd an.
Im strömendem Regen, -egal, ich war eh patschnaß geschwitzt-, aber glücklich, ritt ich zur Tanke zurück, um mein Navy, das möglicherweise bereits in einer südosteuropäischen Hehlerhöhle seines künftigen Besitzers harrte, auszulösen.
Bass erstaunt ob des erleichterten und dankbaren Gesichtsausdrucks mit dem der südosteuropäische Tankstellenkassierer mir MEIN Navy hinschob, noch bevor ich die Wuchersumme von 12,67 EU für fünf Liter Super und einen quietschroten Reservekanister mit schwarzem Deckel und schwarzem Rüssel entrichtet hatte.
…
…
So bin ich zu einem quietschroten Andenken mit schwarzem Rüssel gekommen und zu der Erkenntnis, dass dicke, hässliche oder südosteuropäisch aussehende Männer auch Engel sein können.
Jetzt mitmachen!
Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!
Kommentare 5