Ein Spätherbstwochenende; von plus 12 bis minus 7 Grad Celsius.
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Rick -
6. Februar 2024 um 20:40 -
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Damals, es war im November 2016, ich war fast frisch verliebt und fuhr gerne mit meiner XT 660 R.
Diese, die XT verfügte nicht über Griff- oder Sitzheizung. Die Bedeutung dieses Mangels erschließt sich dem Leser erst bei der Fortsetzung der Lektüre.
Jene, in die ich frisch verliebt war, wohnte gut 200 KM entfernt von meinem Wohnort. Wir begannen wenige Wochen zuvor eine gepflegte Wochenendbeziehung zu pflegen.
An einem Freitagnachmittag in besagtem November bei 12°C + begann die Reise in die Vorderpfalz über Eifel und Hunsrück. Die Vorfreude auf ein verliebtes Wochenende, vermischt mit dem Genuss spätherbstlicher Sonnenstrahlen und trockener Landstraßen links und rechts der A61 hob meine Stimmung auf Wolke 7 ½.
Es war eine wunderschöne Anreise in ein wunderschönes Wochenende an jenem Freitag.
Die Strahlen der tiefstehenden Sonne färbten die letzten Blätter der Bäume in ein warmes gold-gelb und die Landstraßen gehörten mir und der XT.
Ein herzlicher Empfang mit Sekt und einem Kuss nach meiner Ankunft, ein erquicklicher Freitagabend, übergehend in eine kuschelige Nacht, endete mit einem romantischen Samstagmorgenfrühstück. Der Samstag, der Samstagabend, die Nacht auf Sonntag und der Sonntag selbst, sowie die darauffolgende Nacht zu Montag verflogen viel zu schnell. Dieses Wochenende wollte von der ersten bis zur letzten Sekunde genossen werden. Was an jenem Wochenende sonst geschah, bleibt dem Leser verborgen.
Die Rückreise war für Montag Früh um 6:00h geplant. Ich musste unbedingt pünktlich in Bonn sein. Ein beruflicher Termin, ich sollte um 8:30h ein Meeting leiten, erzwang diese unchristliche Aufstehzeit um 5:30h.
Völlig verabsäumt hatte ich den Blick auf die Wetterprognose für den Montagmorgen.
Das Außenthermometer zeigte – (minus) 7°C an, als ich das Garagentor öffnete und die XT auf die Straße schob. Noch aufgeheizt vom Wochenende, wohl verpackt in meine Mohawkkombi mit Winterfutter und Winterhandschuhen schickte ich einen letzten Gruß zur holden Maid, die mir fröstelnd vom Fenster her zum Abschied winkte.
Die XT und ich rollten zur A61 und einer 2 ½ stündigen Zukunft entgegen, die ich so nicht wieder erleben möchte.
Es war kalt. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Minus 7 Grad Celsius. Bei ähnlichen Temperaturen war ich in meiner Vergangenheit schon öfter unterwegs gewesen. Auch mit Mopped. Aber dann niemals weiter als 10 Kilometer, maximal 20. Immer noch aufgeheizt erreichte ich die Auffahrt auf die A6 und das kurz darauf folgende Kreuz Frankenthal mit dem Abzweig zur A61.
So langsam ließ die Wärmewirkung der Winterhandschuhe nach. Ein Gefühl, das man als Kälte bezeichnen kann, bemächtigte sich meiner Fingerspitzen.
Angesichts der wärmenden Erinnerung an die letzten 60 Stunden ignorierte ich völlig die noch vor mir liegenden 193 Kilometer. Nach etwa 50 davon ließ die Ignoranz unwiderruflich nach. Es war in den Nähe der Abfahrt Bingen, da waren nicht nur die Fingerspitzen kalt. Die Zehen, die Füße, der Rest der Hände schrien nach Wärme. Aus dem anfänglichen Kribbeln entstand Schmerz.
Aber ich spürte die Körperteile noch. Sie taten weh. Vor Kälte. Die Erkenntnis, diesen Schmerz bewusst zu spüren, beruhigte mich. Diese Körperteile waren noch nicht tot. Froh gemut, wenn ich ehrlich sein soll, war ich nicht wirklich froh gemut, begann der Anstieg auf den Hunsrück. Mangels Außenthermometer an meiner XT kann ich heute noch nicht sagen, wie tief die Temperaturen bei der Abfahrt Stromberg oder auf der Höhe des Hunsrücks bei der Abfahrt Pfalzfeld waren. Gefühlt waren es minus 12 Grad Celsius, aber das spielt eigentlich keine Rolle mehr.
Weder in meinen Händen noch in meinen Füßen fühlte ich irgendwas. „Jetzt sterben“ hätte was, dachte ich, aber da waren noch 100 Kilometer vor mir. Dass es langsam hell wurde, verschaffte keinen Trost. Sah ich doch den Rauhreif links und rechts auf den Pflanzen und Bäumen an der Autobahn und das Sehen machte die Kälte nicht nur fühl- sondern auch sichtbar.
Die Nebenhöhlen rechts und links der Nase froren langsam zu. Eigentlich ganz angenehm, dass der Rotz nicht mehr zur Nase raus wollte. Durchaus lästig war es, mit den gefrorenen Handschuhen das Visier zu öffnen und den Schleim abzuwischen. Dieser Sorge war ich nun enthoben.
Im Nachgang muss ich die Mohawkkombi loben. Mein Torso litt nur unter Kälte, nicht unter Erfrierungserscheinungen. Vielleicht wärmte mich noch die Erinnerung an das warme Wochenende.
Nach der Moselbrücke schaltete mein Hirn auf Durchhaltemodus. Ankommen, Überleben waren meine Motti. Ich erinnere mich an keinen einzigen der Kilometer bis zum Kreuz Meckenheim. Keine Ahnung, ob ich den Blinker am Kreuz Meckenheim Richtung Bonn geschaltet habe. Ich wollte es.
Die richtige Abfahrt in Bonn und die Zufahrt zum Firmenparkplatz hat die XT wohl alleine gefunden. Unter der Überdachung des Moppedparkplatzes, nachdem die Kupplungshand ganz ohne Hirnverbindung, der linke Fuß, ebenfalls ohne Hirnverbindung, es geschafft hatten, den Leerlauf einzulegen, meine rechte Hand (war es überhaupt meine Hand?) den Zündschlüssel auf OFF zu drehen, bemächtigte sich meiner die Unsicherheit, die XT aufrecht abzustellen. Wild drückte mein linker Fuß Richtung Seitenständer. Nicht nur einmal. Mehrmals. Irgendwann, als ich fast sicher war den Seitenständer ausgeklappt zu haben, vertraute ich meinem Karma und ließ die XT langsam nach links absinken. Sie stand. Auf dem Seitenständer.
Es war 8:25h. Im Sturmschritt eilte ich zu meinem Büro, zog mir die dort bereit liegende Businesskluft an und eröffnete Zähne klappernd mit einer Minute Verspätung das Meeting. Wer da was in der Vorstellungsrunde über sich erzählt hat, weiß ich bis heute nicht.
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