
Die Landschaft ist berauschend schön, die Stimmung grandios, aber die Ankunft am Abra El Acay, dem Höhepunkt unserer Reise, fällt deutlich weniger triumphal aus als erwartet. Nicht mal ein Gipfelfoto zu dritt gelingt uns, denn seit wir den höchsten Punkt erreicht haben und aus dem schützenden Schatten der Berge herausgefahren sind, bläst ein so eisiger heftiger Wind, dass wir uns so schnell wie möglich hinter die Mauer kauern, an der schon andere Fahrer Schutz suchen. Ohne die geringste Rücksicht auf unseren Gesprächsbedarf zu nehmen: „Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin, habt ihr auch so schlechten Sprit…“ reißt uns der Sturm die Worte aus dem Mund und trägt sie über das weite Meer der Berge dahin. Dabei hätten wir soviel zu erzählen…
Über die 10 Tage, die wir nun schon unterwegs sind, angefangen vom Abholen unserer Motorräder im Hafen von Valparaiso in Chile und der ersten Durchquerung der Anden, über den eingeschneiten Pass am Aconcagua.
Unser erster Grenzübergang: Mit steif gefrorenen Fingern nehmen wir jeder einen Zettel mit fünf „Aufgaben“ entgegen. Wir müssen uns in fünf Warteschlangen einreihen, vor fünf baugleichen Glashäuschen, ähnlich den Zellen, in denen bei uns die Parkwächter sitzen, und nacheinander fünf Stempel und Unterschriften abholen: Für die Aus- und Einreise von Fahrer und Motorrad und keine Ahnung für was noch. Durchgefroren und lustlos, wie ich mich gerade fühle, döse ich in den Schlangen vor mich hin und vergesse eine Hütte. Die Strafe folgt gefühlte 20 km später an einem Straßenposten: Auf meinem Zettel fehlt ein Stempel und ich muss den ganzen Weg zurück fahren, durch Eis und Schnee und mich an Parkwächterhaus „1“ einen Kopf kürzer machen lassen…
Grandiose Ausblicke auf unzählige Kordillerengipfel wecken schnell wieder unsere Hingabe an den kurvigen Asphalt, zumal mit jedem Meter abwärts die Temperaturen steigen. 2000 Meter tiefer und 20 Grad wärmer kommt an der argentinischen Tankstelle weitere Freude auf. Wir tauschen Dollars zum Blue-Kurs. Für 100 Dollar bekommt man in der Bank rund 35.000 Pesos, „blue“ sind es bis zu 100.000. Allerdings haben sich die Geldscheine nicht der Inflation angepasst. Der 1000er ist der größte Schein, und bei Rolf, der den Posten des Kassenwarts übernommen hat, sind die Beintaschen von nun an ausgebeult. Für uns ist der „Blue Market“ natürlich günstig. Die Übernachtung kostet uns selten mehr als 15 Euro pro Nase.
Zur Einstimmung auf dieses fremde Land lohnt der Besuch der Ruinen von Quilmes. Wie wir im Museumskino erfahren, lebten hier 5000 Indios recht komfortabel in kleinen Steinhäusern mit Wasserleitungen und ernährten sich vom Ertrag ihrer Felder und von den Lamas, die auch heute noch durch die staubige Steppe streifen. Gegen die Inkas hatten sie sich noch wehren können, von den spanischen Eroberern wurden sie aber im 17. Jahrhundert vernichtend geschlagen. Wer überlebt hatte, wurde nach Buenos Aires verschleppt. Der Stadtteil, wo sie ankamen, ist nach ihnen benannt, bekannt ist der Name Quilmes aber vor allem wegen des gleichnamigen beliebten Bieres. Es war ein deutscher Auswanderer, Otto Bemberg, der in dem Stadtteil eine Brauerei aufbaute. Dass die Ruinen von Quilmes heute ein Museum sind, setzten die Nachkommen des Stammes durch, die die Rückgabe ihres Eigentums gefordert hatten.
Die ersten 500 Kilometer in Argentinien sind wir vor allem auf der RN 149 unterwegs. Rodeo heißt sinnigerweise das letzte Städtchen, dass wir durchqueren, bevor wir auf die Ruta 40 stoßen. Von nun geht es im Rodeo-Modus weiter über die 5000 Kilometer lange Nationalstraße, die Argentinien von Nord nach Süd durchquert, deren berühmter Ruf aber aus der Zeit stammt, als sie noch nicht asphaltiert war.
Über Belen und Cafayate sind es 1600 Kilometer seit Valparaiso, davon knapp die Hälfte offroad, durch atemberaubend schöne Landschaften. Bizarre Felsformationen in allen denkbaren Erdfarben, rosa, rot, lila, blau, gelb und grün in zahllosen Schattierungen. Flusstäler, schneebedeckte Gipfel Vulkane, Wüste und Kakteen. In den kargen Landschaften sind Lama- und Vicuna-Herden, Ziege und Schafe ein schöne Abwechslung. Außerhalb der wenigen Ortschaften treffen wir selten auf Menschen und freuen uns über einen Straßenaufsteller, der zu Coca Cola einlädt. Leider gibt es auf dem kleinen Gehöft weder etwas zu trinken noch zu essen, aber die drei Bewohnerinnen aus drei Generationen lassen uns ihre Räume besichtigen: Eine gepflegte Wohnküche, ein klassisches Schlafzimmer mit Bett und Schrank, ein pieksauberes Bad mit WC. Wir sind überrascht über den Komfort, zu dem auch eine kleine Solaranlage mit Akku gehört. Die laut blökenden Ziegenlämmer, die in schäbigen Drahtverschlägen auf die zum Grasen ausgezogenen Mutterherde warten, hatten uns Armut und Elend befürchten lassen.
Vor allem die Rodeo-Etappen ab Cafayate mit Sand, Schotterrillen und stundenlangen Waschbrett-Ritten sind schwierig und Kräfte zehrend. Natürlich kann ich eine Weile meinen „Schwerpunkt nach hinten bringen“ und im Stehen fahren - aber den ganzen Tag? In flirrender Hitze? 150 oder 200 km? Aus der Not heraus entwickle ich meinen eigenen Fahrstil und sitze häufig hinten auf der Gepäckrolle, die auf dem Soziasitz montiert ist. Sieht nicht wirklich gut aus. Fühlt sich auch nicht wirklich gut an. Zu dritt kommen wir mittlerweile - kurz vor dem Abra El Acay - auf etliche Stürze. Johannes führt uns rasend schnell und übermütig an mit gefühlt sechs Stürzen. Ich bin dritte und langsamste in dieser absurden Hitliste mit nur einem Abwurf. Dabei habe mir allerdings eine schmerzhafte Prellungen am Ellbogen und an den Rippen zugezogen, während Johannes und Rolf unversehrt blieben.
Auch zum Wundenlecken hätte ich die ersehnte Pause auf dem Pass gerne genutzt, aber am wichtigsten wäre sie für ein ganz neues Thema gewesen: Der schlechte Sprit. Die robuste starke Africa Twin scheint am meisten darunter zu leiden und Johannes, der noch bis nach Kalifornien reisen will, macht sich ernsthafte Sorgen um seinen Motor, der 10 Liter frisst und wie die BMW xCountry extrem an Leistung verloren hat. Meine sprintstarke KTM ist ebenfalls lahm wie ein Esel. Und nimmt nur mit sekundenlanger Verzögerung Gas an oder geht einfach während der Fahrt aus, was im buckeligen Gelände nicht gerade ungefährlich ist.
Nach dem Abstieg vom fast 5000 Meter hohen Abra El Acay ist im Appartement von San Antonio de los Cobres endlich Zeit zum Brainstorming. Wir googeln, dass der Leistungsverlust unserer Maschinen keineswegs am schlechtem Sprit lag, sondern an der „dünnen Luft“, dem fehlenden Sauerstoff in der großen Höhe und die dadurch „kühlere“ Verbrennung. Ich schlafe neben meinen Bier trinkenden Compañeros auf dem Sofa ein. Nachts, als sich Schüttelfrost und Kopfschmerzen einstellen, kriege ich ein leise Ahnung davon, was Höhenkrankheit bedeutet.
Mein Glück: Rolf hat Ischias - vom häufigen Aufheben der Maschinen ;-)) - und ein lose baumelndes Endrohr an seiner xCountry - wir pausieren einen Tag, kurieren uns und lassen die Auspuffhalterung in einer Werkstatt schweißen.
Gemütlich beginnt auch der nächste und vorerst letzte Tag im asphaltfreien Gelände: Wir stoppen für einen kleinen Spaziergang an der höchstgelegenen Eisenbahnbrücke der Welt, den Viaducto La Polvorilla, der über eine 220 m lange Schlucht führt und früher die Provinzhauptstadt Salta mit Chile verband. Heute transportiert der Zug überwiegend Touristen. Etwas später der Hit in der Wüste: 45 km hinter San Antonio de los Cobres und 82 km vor Susques, mitten in der wüsten Wildnis, stoppen wir an einem überdachten Thermalbad mit heißem Wasser aus dem Vulkan Tuzgle. Zum Glück sind die riesigen Bus-Parkplätze leer und wir haben das gesamte Becken für uns alleine. Was für eine Wohltat für unsere durchgerüttelten Knochen!
In Susques haben wir zum ersten Mal wieder Asphalt unter den Rädern. Ein grandioses Gefühl für Fahrerinnen wie mich! Das ehemalige Bergarbeiterdorf liegt strategisch günstig an der Straße zum Grenzübergang Paso de Jama und profitiert vom Lithium-Abbau im Dreiländereck Argentinien, Bolivien und Chile. Daran liegt es wohl auch, dass wir erst im vierten Anlauf ein Quartier im letzten Hotel finden.
Die Weiterfahrt über den Paso ist eine feine Freude, auch wenn der Wind uns kalt und heftig ins Gesicht weht. Kurven, Salzseen und -wiesen, Lamas, Berge, Täler, Landschaften. Ein weitgehend unbürokratischer Grenzübertritt und Ankunft in San Pedro de Atacama, dem Touristenmagneten in der ebenso riesigen wie menschenleeren Atacama-Wüste, mit Restaurants, Cafés, Nightlife, Shops, staubigen Straßen und Häusern aus Lehm.
Am Abend schauen wir Itchy Boots „Lost in Bolivia“. Und ich bin so schockiert von Noralys Abenteuern auf dem Weg zum Salar de Uyuni, unserem nächsten Ziel, dass ich eine Nacht lang grübele, wie ich den Spagat schaffen kann: Auf keinen Fall über die irrsinnigen Tiefsandpisten fahren und in 4200 m Höhe auf dem Altiplano verloren gehen.
Aber verpassen will ich den mit 11.000 Quadratkilometern größten Salzsee der Welt auch nicht. Die Lösung sieht so aus: Ich buche in der Stadt eine viertägige Tour mit Backpackern im Geländewagen und fahre anschließend mit der KTM an den Pazifik nach Arica, an die chilenisch-peruanische Grenzstadt. Die Jungs kommen entweder hierher - Rolfs Favorit - oder zum Titicacasee, weil Johannes durch Bolivien fahren möchte.
Es war cool oben am Salzsee, und ich habe weitaus mehr Lagunen und schräge Felsformationen, Sandpisten und aus Salz gebaute Hotels (Foto!) gesehen als die Jungs. Aber es war irgendwie auch blöd im Auto. Wie gerne hätte ich spaßige Fotos mit Motorrädern gemacht wie Rolf und Johannes! Dafür sind sie nicht bis zur Kaktusinsel mit ihren über 1000 Jahre alten Kakteen gekommen. Johannes beschrieb mir das später so: „Wir sind gefühlte 30 km gefahren, geradeaus, geradeaus, geradeaus und absolut nichts hat sich verändert. Der gesamte Horizont, das gesamte Panorama ist gleich geblieben. Es gab uns das Gefühl, wir könnten stundenlang weiter fahren, ohne dass sich etwas verändert. Also haben wir angehalten, Fotos gemacht und sind zurück gefahren.“ Die Wahnsinnsbilder sind in Teil 2 von Rodeo über die Ruta 40 zu sehen.
Kommentare 5