
Kleine Tour zum Ahrtal am Tag nach Fronleichnam.
Gestern war ein Feiertag der Katholiken, dessen Ursprung viele Christen nicht oder nicht mehr kennen. Seinen Ursprung hat dieser Feiertag im 13. Jahrhundert aufgrund der Vision einer gewissen Johanna im Jahrhundert davor, weil diese einen dunklen Fleck im Mond erkannt hat.
Der Name geht auf die mittelalterlichen Worte vrône lîcham zurück und bedeutet der Leib des Herrn. Hat also nichts mit Leiche zu tun. Oder wenn, dann nur im weitesten Sinne. Vrone steht für Herr und Licham für Leib. Jesus hatte damals, der Legende nach, seinen Leib und sein Blut kurz vor seinem Ende am Kreuz, beim Abendmahl, das kurz vor Ostern stattfand, zum Verzehr angeboten. Heutzutage feiern die Katholiken sechzig Tage nach Ostern, also am zweiten Donnerstag nach Pfingsten dieses Jubiläum.
Doch ich schweife ab; gestern, das Wetter war zwar okay und Spencer ist auch noch nicht vollkommen wieder hergestellt, dennoch fahrbereit, war ich etwas unpässlich. Nein, ich hatte nicht meine Tage und meine Wechseljahre liegen längst hinter mir, aber manchmal nehme ich mir am Vorabend vor, am nächsten Tag eine schöne und ausgiebige Moppedtour in eine oder zwei der wunderschönen Mittelgebirge, die mein Heimatdorf umzingeln, zu unternehmen. Westerwald, Bergisches Land oder Eifel stehen dann zur Auswahl.
Gestern jedoch sagte mir der Mann in meinem Ohr, dass es vernünftiger wäre, heute zu Hause zu bleiben. Nach einigen Erfahrungen mit Beinahe-Unfällen in der Vergangenheit, wenn ich nicht auf diese Stimme des Mannes in meinem Ohr gehört hatte, ließ ich gestern Spencer stehen, widmete mich profaner Haushaltstätigkeit und schaute mir gegen Abend zum wiederholten mal das Video Schindlers Liste an. Schweife ich grad wieder ab? Entschuldigung.
Heute früh, nach dem Frühstück, ging es mir gut und ich startete gen Westen. Bei strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und erquicklichen einundzwanzig Grad Celsius. Die Lüftungsreißverschlüsse meiner Jacke, die ich in Erwartung von Hitze vor der Fahrt geöffnet hatte, schloss ich nach wenigen Kilometern. Es war nicht kalt, aber frisch. Über die A565 an Bonn vorbei, die B56 bis Rheinbach und dann über kleine und feine Eifelsträßchen führte der Weg Richtung Ahrtal. Idyllische Dörfchen wie Loch, Kurtenbach, Maulbach und Lanzerath pflasterten die Strecke, bevor Spencer hinter Krälingen durch enge Serpentinen den Berg hinab Richtung Kreuzberg und Ahrtal rollte. Es war einfach ein Genuss. Links und rechts der Straßen lagen Wiesen und Weiden mit frisch gemähtem Gras, das zu Heu trocknen sollte. Dieser Duft, einfach unvergleichlich. Kein einziges mal wurde dieser Duft durch frisch verteilte Gülle auf den Wiesen und Feldern beeinträchtigt.
In den Eichenhainen wechselte das Spiel von Licht und Schatten und im Himmel über mir zogen Greifvögel ihre Bahn. Ab und zu überholte Spencer einen Rennradler und die paar entgegenkommenden Motorradfahrer vergaß ich zu grüßen, weil die Aussicht in die Landschaft so beeindruckend war.
Angekommen im Ahrtal, überkam mich die Erinnerung an die Flut vom 14. Juli 2021. Bei der Flut war ich damals nicht dabei, aber zwei Tage danach. Viele Straßen sind vier Jahre später nur provisorisch geflickt und etliche Ruinen, die vor der Flut mal Wohnhäuser, Hotels oder Restaurants waren, sind immer noch Ruinen.
Aber es tut sich was. Alle paar Kilometer zwingt eine Baustellenampel zum Anhalten und gibt Gelegenheit,den Blick schweifen zu lassen. Die Ahr plätscherte harmlos rechts neben mir. Man bekäme kaum nasse Füße, wenn man sie überqueren wollte. Kaum vorstellbar, dass in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 der Wasserspiegel gut zehn Meter über Spencers Lenker stand. Vor dreißig Jahren paddelten wir den Fluss gern im Winter im Kajak, wenn er Hochwasser hatte. Bei einem Pegel von vier Metern mussten wir die Köpfe unter den Brücken, von denen heute keine mehr steht, einziehen. Etliche der Ruinen am Flussrand sind mit bunten Graffities besprüht. „Danke an die Helfer“, Blumen und Herzen sieht man darauf.
Ich fühlte mich ein bisschen angesprochen davon, weil ich damals in den Tagen und Wochen nach der Katastrophe meinem Kindergartenfreund Jogi geholfen hatte, Schlamm und Müll aus seinem Haus zu räumen.
Zu Jogi nach Ahrweiler zog es mich. Er hatte ein Jahr nach der Flut noch einen Schlaganfall mit heute noch andauernden Beeinträchtigungen erlitten und freut sich über jeden Besuch. Auf der Terrasse seines frisch renovierten Hauses, das damals bis zur Oberkante Erdgeschoss unter Wasser und Schlamm stand, schwelgten wir in Kindheits- und Jugenderinnerungen bis ich den Heimweg über die Grafschaft antrat. Die Temperatur war immer noch angenehm und Spencer fand nicht den kürzesten Heimweg. Das war gut so.
Bis zum Sommer 2021 war das Ahrtal mit seinen umliegenden Höhen mein bevorzugtes Moppedrevier. Seitdem fahre ich nur noch ein oder zwei mal im Jahr dorthin. Jedesmal werde ich melancholisch. Jedesmal rieche ich den Gestank von Modder, Schlamm, Fäkalien, Abwasser und Heizöl auf das die Sonne brennt.
Es riecht nicht mehr wirklich danach, aber bei dem Anblick wird die Erinnerung an den Geruch wieder real. Damals am 15. Juli 21 kam ich nicht durch bis zu Jogi. Alle Straßen waren noch gesperrt. Am 16. parkte ich weit außerhalb der Stadt und lief mit Besen und Schaufel auf der Schulter zu Jogis Haus. Gummistiefel hatte ich keine dabei, aber so wasserfeste Sandalen unter den Füßen. Schienbeinhoher Schlamm, dessen Oberfläche zu trocknen begann, erschwerte das Fortkommen zu Fuß. In Jogis Straße herrschte rege Betriebsamkeit.
Unzählige Helfer, sowohl Freunde und Nachbarn, als auch völlig fremde Menschen schaufelten den Dreck aus den Häusern. Auch wenn Freunde oder Verwandte etlicher betroffener Bewohner in der Flutnacht ihr Leben verloren hatten, herrschte eine Aufbruchsstimmung in der Straße. Junge Leute zogen mit Karren, voll beladen mit Wasserflaschen und Gebäck für die Helfer, durch die Straße.
Leider zogen auch Menschen durch, die laufende Pumpen, Werkzeug oder Generatoren vor den Häusern stahlen. Wir haben keinen der Letzteren erwischt. Es wäre ihnen nicht gut bekommen.
Fazit: Es war ein guter Tag. Eine wunderschöne Tour bei Kaiserwetter und trotz 24-Stunden Rennen auf dem Nürburgring, der nicht weit entfernt liegt, wenig Verkehr. Gute und nicht so gute Erinnerungen kamen hoch. Das Leben kann schön sein. Vielleicht nicht für alle, aber für mich heute durchaus.
Nachtrag u.a. für double d und sualkbn:
Ich hab nicht alle Gedanken und Gefühle, die ich damals hatte, mitgeteilt.
Tagsüber, während der Aufräumarbeiten konnte ich nichts als ein paar Liter Wasser zu mir nehmen. Essen ging bei dem Gestank gar nicht. Meist brannte eine Kippe im Mundwinkel, um den Geruch zu überdecken. Als ich nach dem ersten Tag am Abend in meiner Küche saß, brach ich in ein hemmungsloses Schluchzen aus. Das hat niemand mitbekommen. Bin trotzdem in den folgenden Tagen wieder hin. Irgendwann ließen die Emotionen abends nach. Tagsüber war eh keine Zeit dazu. Wir haben alle nur funktioniert. Die Füße einer vermeintlichen Schaufensterpuppe, die schlammverkrustet aus einem Gebüsch im Nachbargarten ragten, waren nicht die einer Schaufensterpuppe...
Die Knochen des letzten Vermissten fand man letztes Jahr an der Ahrmündung bei Sinzig. Per DNA-Test konnte die Identität festgestellt werden und die Verwandten sind nicht mehr im Ungewissen über den Verbleib des Menschen.
Ich, als nicht direkt Betroffener, war mehr als erschüttert. In die Herzen der direkt Betroffenen, die liebe Menschen, Haus und Hof verloren haben, möchte ich nicht schauen.
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