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Kleine Tour zum Ahrtal

  • Rick
  • 21. Juni 2025 um 01:09
  • 2.865 Mal gelesen
  • 7 Kommentare

Kleine Tour zum Ahrtal am Tag nach Fronleichnam.

Gestern war ein Feiertag der Katholiken, dessen Ursprung viele Christen nicht oder nicht mehr kennen. Seinen Ursprung hat dieser Feiertag im 13. Jahrhundert aufgrund der Vision einer gewissen Johanna im Jahrhundert davor, weil diese einen dunklen Fleck im Mond erkannt hat.

Der Name geht auf die mittelalterlichen Worte vrône lîcham zurück und bedeutet der Leib des Herrn. Hat also nichts mit Leiche zu tun. Oder wenn, dann nur im weitesten Sinne. Vrone steht für Herr und Licham für Leib. Jesus hatte damals, der Legende nach, seinen Leib und sein Blut kurz vor seinem Ende am Kreuz, beim Abendmahl, das kurz vor Ostern stattfand, zum Verzehr angeboten. Heutzutage feiern die Katholiken sechzig Tage nach Ostern, also am zweiten Donnerstag nach Pfingsten dieses Jubiläum.

Doch ich schweife ab; gestern, das Wetter war zwar okay und Spencer ist auch noch nicht vollkommen wieder hergestellt, dennoch fahrbereit, war ich etwas unpässlich. Nein, ich hatte nicht meine Tage und meine Wechseljahre liegen längst hinter mir, aber manchmal nehme ich mir am Vorabend vor, am nächsten Tag eine schöne und ausgiebige Moppedtour in eine oder zwei der wunderschönen Mittelgebirge, die mein Heimatdorf umzingeln, zu unternehmen. Westerwald, Bergisches Land oder Eifel stehen dann zur Auswahl.

Gestern jedoch sagte mir der Mann in meinem Ohr, dass es vernünftiger wäre, heute zu Hause zu bleiben. Nach einigen Erfahrungen mit Beinahe-Unfällen in der Vergangenheit, wenn ich nicht auf diese Stimme des Mannes in meinem Ohr gehört hatte, ließ ich gestern Spencer stehen, widmete mich profaner Haushaltstätigkeit und schaute mir gegen Abend zum wiederholten mal das Video Schindlers Liste an. Schweife ich grad wieder ab? Entschuldigung.

Heute früh, nach dem Frühstück, ging es mir gut und ich startete gen Westen. Bei strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und erquicklichen einundzwanzig Grad Celsius. Die Lüftungsreißverschlüsse meiner Jacke, die ich in Erwartung von Hitze vor der Fahrt geöffnet hatte, schloss ich nach wenigen Kilometern. Es war nicht kalt, aber frisch. Über die A565 an Bonn vorbei, die B56 bis Rheinbach und dann über kleine und feine Eifelsträßchen führte der Weg Richtung Ahrtal. Idyllische Dörfchen wie Loch, Kurtenbach, Maulbach und Lanzerath pflasterten die Strecke, bevor Spencer hinter Krälingen durch enge Serpentinen den Berg hinab Richtung Kreuzberg und Ahrtal rollte. Es war einfach ein Genuss. Links und rechts der Straßen lagen Wiesen und Weiden mit frisch gemähtem Gras, das zu Heu trocknen sollte. Dieser Duft, einfach unvergleichlich. Kein einziges mal wurde dieser Duft durch frisch verteilte Gülle auf den Wiesen und Feldern beeinträchtigt.

In den Eichenhainen wechselte das Spiel von Licht und Schatten und im Himmel über mir zogen Greifvögel ihre Bahn. Ab und zu überholte Spencer einen Rennradler und die paar entgegenkommenden Motorradfahrer vergaß ich zu grüßen, weil die Aussicht in die Landschaft so beeindruckend war.

Angekommen im Ahrtal, überkam mich die Erinnerung an die Flut vom 14. Juli 2021. Bei der Flut war ich damals nicht dabei, aber zwei Tage danach. Viele Straßen sind vier Jahre später nur provisorisch geflickt und etliche Ruinen, die vor der Flut mal Wohnhäuser, Hotels oder Restaurants waren, sind immer noch Ruinen.

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Aber es tut sich was. Alle paar Kilometer zwingt eine Baustellenampel zum Anhalten und gibt Gelegenheit,den Blick schweifen zu lassen. Die Ahr plätscherte harmlos rechts neben mir. Man bekäme kaum nasse Füße, wenn man sie überqueren wollte. Kaum vorstellbar, dass in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 der Wasserspiegel gut zehn Meter über Spencers Lenker stand. Vor dreißig Jahren paddelten wir den Fluss gern im Winter im Kajak, wenn er Hochwasser hatte. Bei einem Pegel von vier Metern mussten wir die Köpfe unter den Brücken, von denen heute keine mehr steht, einziehen. Etliche der Ruinen am Flussrand sind mit bunten Graffities besprüht. „Danke an die Helfer“, Blumen und Herzen sieht man darauf.

Ich fühlte mich ein bisschen angesprochen davon, weil ich damals in den Tagen und Wochen nach der Katastrophe meinem Kindergartenfreund Jogi geholfen hatte, Schlamm und Müll aus seinem Haus zu räumen.

Zu Jogi nach Ahrweiler zog es mich. Er hatte ein Jahr nach der Flut noch einen Schlaganfall mit heute noch andauernden Beeinträchtigungen erlitten und freut sich über jeden Besuch. Auf der Terrasse seines frisch renovierten Hauses, das damals bis zur Oberkante Erdgeschoss unter Wasser und Schlamm stand, schwelgten wir in Kindheits- und Jugenderinnerungen bis ich den Heimweg über die Grafschaft antrat. Die Temperatur war immer noch angenehm und Spencer fand nicht den kürzesten Heimweg. Das war gut so.

Bis zum Sommer 2021 war das Ahrtal mit seinen umliegenden Höhen mein bevorzugtes Moppedrevier. Seitdem fahre ich nur noch ein oder zwei mal im Jahr dorthin. Jedesmal werde ich melancholisch. Jedesmal rieche ich den Gestank von Modder, Schlamm, Fäkalien, Abwasser und Heizöl auf das die Sonne brennt.

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Es riecht nicht mehr wirklich danach, aber bei dem Anblick wird die Erinnerung an den Geruch wieder real. Damals am 15. Juli 21 kam ich nicht durch bis zu Jogi. Alle Straßen waren noch gesperrt. Am 16. parkte ich weit außerhalb der Stadt und lief mit Besen und Schaufel auf der Schulter zu Jogis Haus. Gummistiefel hatte ich keine dabei, aber so wasserfeste Sandalen unter den Füßen. Schienbeinhoher Schlamm, dessen Oberfläche zu trocknen begann, erschwerte das Fortkommen zu Fuß. In Jogis Straße herrschte rege Betriebsamkeit.

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Unzählige Helfer, sowohl Freunde und Nachbarn, als auch völlig fremde Menschen schaufelten den Dreck aus den Häusern. Auch wenn Freunde oder Verwandte etlicher betroffener Bewohner in der Flutnacht ihr Leben verloren hatten, herrschte eine Aufbruchsstimmung in der Straße. Junge Leute zogen mit Karren, voll beladen mit Wasserflaschen und Gebäck für die Helfer, durch die Straße.
Leider zogen auch Menschen durch, die laufende Pumpen, Werkzeug oder Generatoren vor den Häusern stahlen. Wir haben keinen der Letzteren erwischt. Es wäre ihnen nicht gut bekommen.

Fazit: Es war ein guter Tag. Eine wunderschöne Tour bei Kaiserwetter und trotz 24-Stunden Rennen auf dem Nürburgring, der nicht weit entfernt liegt, wenig Verkehr. Gute und nicht so gute Erinnerungen kamen hoch. Das Leben kann schön sein. Vielleicht nicht für alle, aber für mich heute durchaus.


Nachtrag u.a. für double d und sualkbn:

Ich hab nicht alle Gedanken und Gefühle, die ich damals hatte, mitgeteilt.

Tagsüber, während der Aufräumarbeiten konnte ich nichts als ein paar Liter Wasser zu mir nehmen. Essen ging bei dem Gestank gar nicht. Meist brannte eine Kippe im Mundwinkel, um den Geruch zu überdecken. Als ich nach dem ersten Tag am Abend in meiner Küche saß, brach ich in ein hemmungsloses Schluchzen aus. Das hat niemand mitbekommen. Bin trotzdem in den folgenden Tagen wieder hin. Irgendwann ließen die Emotionen abends nach. Tagsüber war eh keine Zeit dazu. Wir haben alle nur funktioniert. Die Füße einer vermeintlichen Schaufensterpuppe, die schlammverkrustet aus einem Gebüsch im Nachbargarten ragten, waren nicht die einer Schaufensterpuppe...

Die Knochen des letzten Vermissten fand man letztes Jahr an der Ahrmündung bei Sinzig. Per DNA-Test konnte die Identität festgestellt werden und die Verwandten sind nicht mehr im Ungewissen über den Verbleib des Menschen.

Ich, als nicht direkt Betroffener, war mehr als erschüttert. In die Herzen der direkt Betroffenen, die liebe Menschen, Haus und Hof verloren haben, möchte ich nicht schauen.

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Kommentare 7

stromio
23. Juni 2025 um 08:00

14 Tage ehrenamtlich in Walporzheim... HItze , Gestank, unschöne Bilder, Verwüstung und leere Augen Wochen danach :(

Das Gute:

Aufbauwille, Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit... egal welcher Beruf, Mensch, Ausbildung .... auf einmal zählte nur der Vorname und blindes Vertrauen auf dem "fremden" Menschen der neben dir steht :)

Sasa93
21. Juni 2025 um 15:04

Auch wenn du nicht alle Gefühle rein geschrieben hast, kommt doch einiges wieder hoch. Schön wie sich passend ein Schmetterling auf meine Hand gesetzt hat als ich diesen Blog gelesen habe.

Im Ahrtal war ich nicht, doch ich hab drei Schüler im eil Verfahren ausgebildet damit sie der Freiwilligen Feuerwehr helfen konnten. Unser Chef beschloss von den Fahrstunden Geld zusammeln und dieses zu spenden.

Rick
21. Juni 2025 um 18:45
Autor

Sasa93 Nach der Flut habe ich mit Kollegen über meine Erlebnisse gesprochen. Ganz spontan wollten viele spenden, hatten jedoch Bedenken, dass ihr Geld bei großen Hilfsorganisationen sinnlos versickert. Ich hab ihnen dann Jogis Kontonummer gegeben und es sind ein paar tausend Euro für ihn dabei rausgesprungen.

sualkbn
21. Juni 2025 um 11:39

Da haben wir ja einiges gemeinsam! Auch ich besuche ganz oft einen Jogi an der Ahr, meinen Freund seit Kindertagen. Allerdings wohnt der in Altenahr, aber hoch oben, wo das Hochwasser nicht hingekommen ist. Und Paddeln auf der Ahr war in den 70- und 80-ziger Jahren bei Hochwasser auch unser Vergnügen. Seit dem 1. Januar 1980 feiere ich quasi einen zweiten Geburtstag, als wir zum Glück alle am Pützfelder Wehr kenterten. Unter der Brücke in Kreuzberg wären wir nicht mehr lebend hindurchgekommen. In der kurzen Zeit seit unserer Anfahrt zum Start in Schuld war der Pegel dort um fast einen Meter gestiegen!

Faszinierend finde ich in den letzten Monaten den Baufortschritt bei der Bahn. Nachdem erst mal die Formalismen von Planung und Ausschreibung überwunden waren, haben die Firmen richtig reingeklotzt. Ende des Jahres soll die Strecke wieder freigegeben werden. Und die Brücke in Dernau wurde vor drei Tagen nach nur wenigen Monaten Bauzeit eingeweiht. Tolle Leistung

Rick
21. Juni 2025 um 12:06
Autor

ja, aus dem meist harmlos dahinplätschernden Flüsschen kann innerhalb kurzer Zeit ein reißendes, tödliches Inferno werden.

double d
21. Juni 2025 um 10:47

Für mich als TV Berichte Schauender war ich so was von außenstehend, daß diese Katastrophe fast emotionslos an mir vorbeigegangen ist.

Danke für Dein teilen der Gedanken. Es macht die Katastrophe für mich realer als manche Beiträge aus den Medien.

Rick
21. Juni 2025 um 18:41
Autor

Seit 2021 nehme ich Nachrichten über Naturkatastrophen anders wahr, als vorher. Hochwasser, Gletscherabgänge oder Vulkanausbrüche passierten meist weit weg von meinem zu Hause und haben mich emotional nicht so stark berührt. Aber seit ich selbst erfahren habe, was solch eine Katastrophe für die betroffenen Menschen wirklich bedeutet, berühren mich diese Nachrichten viel tiefer.

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