Auf den Pässen und Kammstraßen des nördlichen Sudetenlandes
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RedBorg -
19. Oktober 2026 um 10:27 -
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In der Vorgeschichte zu dieser Reise stand der Besuch des Altvaterturms auf dem Wetzstein am südlichen Ende des Rennsteigs in Thüringen vor einigen Jahren. Auf diesen Aussichtsturm stieß ich bei der Suche nach neuen Zielen, die innerhalb einer Tagestour von meinem Wohnort in Unterfranken erreichbar sein sollten.
Er erfüllte die Voraussetzung direkt anfahrbar zu sein. Außerdem sollte er begehbar (gegen Gebühr) sein und eine Gastronomie (aktuell 2026 wird ein Pächter gesucht) besitzen. Mit dem Namen dieses Turmes setzte ich mich zunächst nicht auseinander.
So nahm ich kurz darauf unter der Woche den Weg nach Osten und fand den Aussichtsturm zwar umgeben von diversen Picknicktischen, jedoch zu meiner Enttäuschung verschlossen vor.
Bei der Umrundung des Gebäudes fand ich eine Wand voller Gedenktafeln mit der Klage über Tötung, Flucht und Vertreibung der Sudetendeutschen mit dem Ende des 2. Weltkrieges. Damit hatte ich nicht gerechnet. Der Altvaterturm war in Anlehnung an das nach dem Krieg erst verfallene, dann abgerissene Original auf dem höchsten Berg (Altvater = Praděd 1491m) des Altvatergebirges (tschechisch: Hrubý Jeseník) im Nordosten Tschechiens errichtet worden.
Wieder zurück ergänzte ich meine rudimentären Kenntnisse über das Sudetenland und die Geschichte der Sudetendeutschen. So waren jahrhundertelang Menschen aus dem deutschsprachigen Raum (Bayern, Franken, Sachsen, Schlesien) friedlich über die Grenzgebirge nach Böhmen und Mähren eingewandert, wo sie als fleißige Arbeiter in Bergbau, Landwirtschaft und Industrie willkommen waren und alsbald die größte Minderheit darstellten.
Im dritten Reich wurde dann zunächst willkürlich das Reichsgau Sudetenland ausgerufen und die deutsch besiedelten Gebiete eingegliedert bis hin zur kompletten Annexion von Böhmen und Mähren. Der Zuspruch zum Nazi-Regime unter den Sudetendeutschen und die Mitgliedschaft in der NSDAP soll besonders hoch gewesen sein. Nach dem verlorenen Krieg folgte dann das Echo und die Tschechen holten sich ihr von den Nazis widerrechtlich aberkanntes und annektiertes Land zurück (Beneš-Dekrete). Die Sudetendeutschen mußten gehen.
Der politische Begriff Sudetenland leitet sich ab von dem geographischen Begriff der Sudeten, die sich als Gebirgszug über 310 Kilometer vom Lausitzer Bergland (Zittauer Gebirge) im Westen bis zum Altvatergebirge im Osten über drei Länder (D - PL - CZ) erstrecken.
Weitere bedeutende Gebirge, die zu den Sudeten gerechnet werden, sind: Isergebirge, Jeschkengebirge, Riesengebirge, Braunauer Felsenland, Eulengebirge, Heuscheuergebirge, Adlergebirge, Glatzer Bergland und Altvatergebirge. (Im Detail ist die Liste kleinerer Teilgebirge noch sehr viel länger.)
So kam es durch den Besuch eines von mir bis heute nie bestiegenen Aussichtsturmes dazu, daß diese Anhäufung von Mittelgebirgen am Nordrand Tschechiens interessant wurde für eine Reise mit dem Motorrad.
Dieses Interesse teile ich mit Thomas, der seit vielen Jahren ein gelegentlicher Begleiter durch die europäische Bergwelt ist. So starten wir unsere mehrtägige Tour im Frühherbst, der in diesem Jahr wohl aufgrund anhaltender Trockenheit schon weit fortgeschritten ist und gelangen hinter Klingenthal im sächsischen Vogtland nach Tschechien, wo wir grenznah dem Erzgebirgskamm über meist schmale einsame Straßen folgen, den Keilberg (Klinovec 1244m) mit Blick auf das gegenüberliegende Fichtelberghaus (auf 1215m) überqueren und unser Tagesziel am Mückenberg (806m) erreichen.
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Die dortige Unterkunft haben wir als einzige vorgebucht. Im goldenen Herbstwetter genießen wir beim Stiefelbier erst die tolle Aussicht auf über 800m und anschließend die Böhmische Küche und die lokalen Hopfengetränke.
Der Morgen bietet uns schon vom Zimmerfenster aus herrliche Weitblicke ins südlich gelegene Böhmerland, wo mit gefühlt jeder Minute mehr Hügel des zentralen Böhmischen Mittelgebirges aus dem Nebel auftauchen.
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Frisch gestärkt geht es später los als sonst, da es in Tschechien nicht unüblich zu sein scheint in den Hotels, Penzionen und Bauden erst um 9 Uhr zu frühstücken. Wir können es erstmal laufen lassen, da wir am Ende des gestrigen Tages nach ca. 360 Tageskilometern in Cinovec vorsorglich getankt hatten. So fahren wir unterhalb der bei Wanderern beliebten Tyssaer Wände weiter nach Osten, umfahren den großen Schneeberg und gelangen bei Decin an die Elbe.
Unterwegs beginnt die Motorkontrollleuchte sich zu melden und will auch nach Neustart nicht erlöschen. Wir wollen nichts riskieren. Glücklicherweise ist es ein Werktag und es befindet sich ein Hondahändler in Decín. Für das Auslesen des Speichers will er nicht einmal etwas berechnen und findet auch keine Ursache. Die Fehlermeldung wird gelöscht, ich bedanke mich, lasse ein Trinkgeld da und weiter geht's nahezu ohne Zeitverlust.
Bei Labská Stráň besuchen wir den Aussichtspunkt Vyhlídka Belvedér, der eine überragende Aussicht ins Tal der Elbe bietet.
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Und auch hier ist die Gastronomie wie des öfteren auf der Tour unter der Woche in der Nachsaison bereits geschlossen. Über Janov tauchen wir schließlich östlich von Hřensko ins Kamnitztal hinein und haben viele Kilometer Spaß bei der abwechslungsreichen Fahrt durch die bewaldete Felsenlandschaft der Böhmischen Schweiz.
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Von dem großen Waldbrand in 2022 hat sich die Natur immer noch nicht ganz erholt. Das Prebischtor, die größte Sandsteinfelsenbrücke Europas, früher durch hohen alten Baumbestand verdeckt, ist immer noch in der Ferne gut von der Straße aus zu sehen. Man sollte dort allerdings kurz anhalten, wenn man diesen Anblick haben möchte, denn in der Fahrt ist das schwer möglich.
In das kleine aber feine Zittauer Gebirge als westlichster Teil der Sudeten tauchen wir nur kurz ein, um es dann über Lückendorf wieder zu verlassen. Nun fahren wir eine Schleife über Novi Bor, einem Zentrum der Glasmanufaktur, wo es ein interessantes Museum zu diesem Thema geben soll. Die Felsenburg Einsiedelstein liegt östlich davon ebenso wie die Höhlen, die durch den Abbau von Sand für die Glasherstellung entstanden sind und wo sich auch die Teufelshöhlen befinden in denen der Motoklub Pekelné Doly seinen Bikertreff betreibt. Dort trinken wir etwas und nutzen auch die Gelegenheit für eine kleine Runde mit unseren Maschinen durch die Höhlen, was ein nicht alltäglicher Spaß ist.
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Der Fahrtag neigt sich dem Ende und wir schielen schon nach einer Bleibe für die Nacht. Doch ein Ziel haben wir noch. Der Jeschken (Jěstěd 1012m) mit seinem auffallenden Fernsehturm, ein als Landmarke weithin sichtbarer Aussichtsberg, lockt mit einer kurvenreichen Auffahrt, die früher zu den Bergrennstrecken zählte und heute noch für Radrennen genutzt wird. Ganz oben zahlt man allerdings auch als Motorradfahrer Parkgebühr.
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Die 360º- Aussicht ist überwältigend.
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Nach ausgiebigem Genuß des Panoramas treffen wir unsere Wahl fürs Hotel. Es wird das Petřín oberhalb von Gablonz (Jablonec nas Nisou). Wieder landen wir, wie beim Mückentürmchen (da haben wir es vorher fast schon gewußt), einen Volltreffer. Die Zimmer sind einfach aber geräumig, das Essen und Bier erstklassig, der Service zuvorkommend, und die Aussicht über die Stadt gefällt.
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Tag drei bricht an, und es soll weiter trocken bleiben. Das Riesengebirge steht auf dem Plan. In Rochlitz an der Iser erwarten uns erst einmal zahlreiche Baustellen bevor wir es frei laufen lassen können. Die folgenden Kurven auf einwandfreien Straßen durch den bunten Herbstwald machen dann auch besonderen Spaß. Über Benecko bauen wir eine weitere lohnende Schleife in unseren Tourverlauf ein. Wie überall ist wenig geöffnet, was uns nicht anficht. Überall warten Skilifte auf das Wintergeschäft. Von uns aus darf das ruhig noch etwas dauern. Wir erreichen die Straße nach Spindlers Mühle. Sie führt hoch hinauf und mündet am Grenzkamm zu Polen in einem großen Parkplatz mit großer Bergbaude und ist breit ausgebaut. Da wir sie früher schon gefahren sind, wissen wir, daß es an diesem Endpunkt nicht viel zu sehen gibt, weshalb wir sie auch diesmal auslassen. Die Schneekoppe als höchste Erhebung Tschechiens ist noch weit genug weg, die Elbequelle ebenfalls nicht anfahrbar. Das Riesengebirge insgesamt ist besonders auf polnischer Seite, wo das Gebirge steiler abfällt, eher etwas für Wanderer, Mountainbiker und Skifahrer, weniger für Motorradreisende, einige Strecken ausgenommen.
Wir gönnen uns noch im tschechischen Teil die Nebenstrecken über Strážné, Dolní Dvůr und Johannisbad (Janské Lázně) ehe wir bei Aupa (Horní Malá Úpa) über den Sattel Pomezni Sedlo auf 1050m den höchsten Punkt unserer Reise erreichen und nach Polen hinüberwechseln. Jedoch nur um Richtung Trutnov zurückzukehren. Wir fahren die Gegend um die Felsenstädte von Adersbach und Weckelsdorf von Westen an. Die beeindruckenden Felsformationen kann man nur in der Ferne erahnen. Das Gebiet ist weiträumig abgesperrt und nur gegen Eintritt zugänglich. So rollen wir relativ langsam hindurch und an den großen gebührenpflichtigen Parkplätzen vorbei, queren das Braunauer Becken und finden unser Hotel Zámeček Janovičky im Heidelgebirge an der Grenze zu Polen.
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Das Stiefelbier nehmen wir noch bei Sonnenschein auf der herrlichen Terrasse mit Panoramaaussicht ein, das Abendessen dann später drinnen. Auch hier toppt die Kulinarik das Logis, doch wir sind mehr als zufrieden zumal alles bislang so gut geklappt hat.
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Das Frühstück ist als Buffet gestaltet und erfüllt die meisten unserer Wünsche.
Die Wolken stehen hoch, die Sicht ist klar, und es soll trocken bleiben. Die Umrundung des Braunauer Felsenlandes auf polnischer Seite steht auf dem Plan. So verlassen wir die malerische Sackgasse im Heidelgebirge und gelangen nach Niederschlesien. Als erstes fällt uns an einem Abzweig die Ruine einer evangelischen Kirche auf, für die offensichtlich nach der Vertreibung von 1946 niemand mehr eine Verwendung hatte.
Nach einem kurzen Besuch am Stausee Jezioro Bystrzyckie erreichen wir das Eulengebirge mit seiner wechselvollen und dunklen Geschichte, haben doch die Nationalsozialisten in den letzten 18 Monaten ihrer Herrschaft dort an mehreren Stellen die Berge durchbohrt und aufgerissen um ähnlich wie im Harz (Mittelbau Dora) bombensichere Produktionsstätten für ihre Rüstungsindustrie durch Zwangsarbeiter bauen zu lassen. Vielleicht ging es aber auch nur um ein weiteres Führerhauptquartier, da ist sich die Forschung nicht ganz sicher. Es gibt mehrere Standorte des "Projekt Riese", die man besichtigen kann, die uns jedoch wie auch die Braunauer Felsenstädte zu zeitaufwendig erschienen, weshalb sie bei unserer Urlaubsplanung keine Rolle spielten.
Erwähnt sei daß der Besucher Standort "Sztolnie Walimskie" des Projekt Riese direkt an unserer Route liegt. Die V2-Rakete an der Straße wurde jedoch entfernt, vielleicht vor dem Winter nach Ende der Hochsaison, um sie vor der Witterung zu schützen. Genau wissen wir es nicht.
Die DW 383 führt aus Walim heraus und wird im Ortsteil Siedlików kopfsteinig und zwar vom Feinsten. Ob dieser Belag älter ist als 80 Jahre?
Die Kopfstein gepflasterten Kehren des Vršič Passes kennen viele, die komplett gepflasterte Alte Gotthard Passstraße sowieso, doch wer kennt schon die Kehren von Walim?
Die Kehren 1 bis 3 (nicht durchnummeriert) mit den ersten drei Kilometern sind durchgepflastert. Dann kommt enttäuschenderweise Asphalt, schlechter dazu auch in Kurve 4. Kehre 5 ist wieder gepflastert, die Gerade dahinter wiederum schlecht asphaltiert. Kurve 6 ist erneut fein gepflastert, dann war es das. Richtung Pieszyce wird der Asphalt zunehmend besser bis es - bis auf den Mangel an Nostalgie - nichts mehr zu meckern gibt.
Das Straßendreieck durchs Eulengebirge, das auf den Karten so attraktiv aussah und uns auch nicht enttäuschte, wollen wir noch zu Ende fahren. So geht es erst durch dichten Wald Richtung Nova Ruda, dann Richtung Walim, wo wir auch dem Projekt Riese begegnen.
Am südwestlichen Hang der Hohen Eule (Wielka Sowa 1015m) liegt die ehemalige Bismarckbaude, heutige Eulenkoppenbaude (Schronisko Górskie Orzeł). Die betonierte Zufahrt ist offensichtlich für Zweispurige gemacht. Wir tun es uns an und werden ordentlich durchgerüttelt, finden eine moderne Berghütte mit weitläufigem Areal nebst Grill- und Picknickplätzen und natürlich mit Außenterrasse.
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Das Panorama reicht weit übers Heidelgebirge und Heuscheuergebirge bis zum Adlergebirge.
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Die Dauer eines Kaffeegetränkes ist die Aussicht allemal wert. Im Rücken liegt ein ausgedehntes Wandergebiet offensichtlich mit diversen Zeugen vergangener Zeiten, weshalb die Baude bei uns auch in die engere Wahl für eine Übernachtung kam. Doch heute wollen wir noch weiter.
Die DWs 386 und 387 "die Straße der hundert Kurven", auch Heuscheuerstraße genannt, sollen uns dem Tagesendziel näher bringen. Grenznah geführt durchzieht diese Strecke eine Felsenlandschaft, die nicht vollständig von der Botanik verdeckt werden kann und entschädigt etwas für die verkehrsgesperrten Felsenstädte Broumovs.
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In Dusniki-Zdrój queren wir eine Hauptverkehrsstraße und tanken planmäßig ehe wir auf die DW 389, die Polnische Sudetenstraße abbiegen, die dem Verlauf des Adlergebirges nachgeht.
Der folgen wir durch eine herbstliche Mittelgebirgslandschaft und diverse Skigebiete mit viel Aussicht und Landschaft bis sie vor Spalona ins Landesinnere abzweigt. Dann wird plötzlich die Straße schnell zunehmend dunkel und schlechter, richtig schlecht.
Die Strecke führt nun über ausgesprochen üblen Belag durch dunklen Wald ohne Aussicht. Von allen Seiten wächst die Natur in die Straße hinein. Schnelles Vorwärtskommen trotz längerer Federwege nicht gut möglich. In meiner Vorstellung brechen plötzlich gut getarnte Partisanen aus dem Unterholz, versprengte Landser tauchen unrasiert und herunter gekommen auf, fragen nach dem Weg und dem Ausgang des Krieges. Auch einen Zug Rotarmisten stelle ich mir vor auf dem Vormarsch nach Westen. Dann ist der Spuk vorbei. Mit ein wenig Phantasie habe ich die rumpeligen neun Kilometer tatsächlich gut überstanden. Ob mein Kumpel das auch so gemacht hat? Keine Ahnung.
Am Brandpass (Przełęcz Spalona), von dem keiner so genau zu wissen scheint ob der nun 754 oder 812m hoch sein soll, gelangen wir ins Freie. Der nunmehr vorbildlich asphaltierten Sudetenstraße folgen wir hinunter in den Glatzer Kessel nach Międzylesie, wo die DW 389 endet.
Als Krönung dieses dritten Tourtages haben wir uns für eine Übernachtung im Schloß entschieden. Es gibt im Ort zwar auch ein SPA-Hotel, doch wer mit dem Motorrad unterwegs ist und keine Zeit für Besichtigungen und Wanderungen findet, der braucht auch kein SPA. Der Name irritiert ein wenig, doch das Chateau Goldenstein erweist sich als genau die Wahl, die unserer Stimmung am nächsten kommt.
Wir haben uns schnell daran gewöhnt, daß im tschechischen Hrad für Burg und Zamek für Schloß steht. Was also soll ein französischer Begriff erringen was ein heimischer nicht auch kann? Wahrscheinlich handelt es sich um Werbestrategie. Ein Goldenstein Castle mit MacDoof im Innenhof hätten wir jedenfalls gemieden, da sind wir uns sicher.
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Die Motorräder können wir im Innenhof parken, dessen Kopfsteinpflaster mit Sicherheit aus drei Epochen stammt, von denen lediglich die älteste klar als solche zu identifizieren ist. Die ganze Anlage befindet sich in der Restaurierung und wir sind uns nicht sicher ob die mittelalterlichen Vorgaben alle so erfüllt werden können. Die Einrichtung der Zimmer jedenfalls ist ein praxisnaher Mix, der den Unterschied zwischen wollen und können thematisiert. Die Armaturen im Bad wirken historisch sind jedoch englisch beschriftet, die Kacheln wecken Zweifel und beruhigen gleichsam. Die Räumlichkeiten insgesamt überzeugen mit ihrer Großzügigkeit: selten habe ich in der Fremde so gut geschlafen. Das Essen im Restaurant der SPA-Konkurrenz (in Laufweite) sieht gut aus und schmeckt wie es aussieht. Das Bier sowieso.
Wir entschließen uns, vermeintlich erfolgreich im Altvatergebirge angekommen, zwei Tage zu bleiben. Die Vorstellung einer Tagestour verbindet die Befahrung der Pässe zwischen Glatzer Bergland und Altvatergebirge mit einer großzügigen Runde um den höchsten Berg dort. An die Umsetzung wollen wir uns am nächsten Morgen unverzüglich begeben.
Das Frühstück im Schloß gibt eine Auswahl an verschiedenen Menüs vor. Brot, Butter, Marmelade und Streichkäse stellen immer die Basis. Dann gibt es Rührei mit Zwiebeln, Rührei mit Speck, eine Wurstplatte, eine Schnittkäseplatte und noch ein oder zwei Varianten an die ich mich im Detail nicht mehr erinnere. Dazu wahlweise Tee oder Kaffee. Kleine Karaffen mit Wasser und Apfelsaft stehen bereits auf den vorgerichteten Tischen.
Am Vortag waren wir von Süden nach Branna (Kolstejn/Goldenstein) angereist. Intuitiv schlage ich diesen Weg wieder ein, nur um bald wieder umzukehren. Das Navi, auf das ich gar nicht richtig geschaut habe, will tatsächlich woanders lang. Gleichwohl nicht immer einer Meinung, habe ich doch gelernt, dem Navi zu vertrauen.
So bringt uns nach der Abfahrt vom Schloß die Routenführung auf der anderen Seite über reizvolle Nebenstrecken mit Aussicht wieder auf die Anhöhen und hinunter nach Staré Město pod Sněžníkem, von wo aus wir den reizvollen Platzenberger Pass (Kladské Sedlo) auf 816m Höhe über die polnische Grenze nach Stronie Śląskie befahren.
Die Berghütte auf der Passhöhe scheint geschlossen, was uns so kurz nach Tourbeginn nicht weiter stört. Nach einigen Fotos geht es weiter.
Wir beschließen im Glatzer Kessel als Übergang eine Schleife zu fahren, die uns relativ weit hinunter trägt und die ich so auch nicht noch einmal nehmen würde. Nicht wegen der zahlreichen Baustellen, sondern weil es im Flachen schnell uninteressant wird.
Keine Neuüberlegung wert wäre allerdings die Anfahrt von Norden zu unserem zweiten Grenzpass des Tages. Die 19 Kilometer auf der DW 390 ab Złoty Stok sahen auf allen Straßenkarten, die wir in der Vorbereitung studierten, gut aus und übertrafen vor Ort alle Erwartungen. Zwar fast ohne Aussicht, doch auf leeren Straßen mit Superasphalt bei herrlicher Streckenführung schwingen wir ohne weitere Ortsdurchfahrten durch einen dichten Wald nach Süden zum nächsten Zwischenstopp.
Wir erreichen Lądek-Zdrój zu einem Zeitpunkt der recht wäre für einen kurzen Aufenthalt. Thomas findet im Internet in der Nähe ein Café und übernimmt die Führung. Wieder haben wir Glück mit unserer Wahl. Das Coffee Ride erweist sich als Ideal.
Alles neu, supergepflegt und originell eingerichtet in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude. Der Cappuccino und der leckere Kuchen runden das Bild ab und erfreuen sowohl Magen als auch Herz.
Wir lenken alsbald die Pferde wieder Richtung Tschechien und erreichen über eine schmale Nebenstrecke die Passhöhe des Lądecka Passes (Przełęcz Lądecka 665m), wo es eine kleine Hütte und schöne Aussicht hinunter in den Glatzer Kessel gibt.
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Ein Stück weiter gelangen wir zu einer etwas größeren Berghütte auf der tschechischen Seite mit Ausblick in die andere Richtung. Eine spätere Recherche ergibt, daß wir zu dem Zeitpunkt noch nicht im Altvatergebirge sind, sondern bereits seit Złoty Stok innerhalb der Sudeten in dem vorgelagerten Reichenberger Gebirge. Gestartet sind wir an dem Tag auch nicht im Altvatergebirge, sondern im Bielagebirge, doch das nur am Rande.
Die Abfahrt nach Johannesberg (Javornik) bringt weiteren fahrerischen Genuß. Die Stadt selbst wird vom gleichnamigen Schloß in exponierter Lage auf einem Felsen überragt. Die Weiterfahrt über die Hauptroute nach Freiwaldau (Jesenik) geht flüssig, bringt aber wenig neue Eindrücke.
Mittlerweile glücklich im Altvatergebirge angekommen, wählen wir auf der anderen Talseite den Weg nach Zlaté Hory, und weil dort die Straßen nach Süden im Bau sind, auch noch die reizvolle kurvenreiche Umleitung nach Petrovice.
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Es folgen ein paar rumpelige aussichtsreiche Kilometer bis wir wieder auf die 445 stoßen, die uns nach Karlova Studánka führt.
Hier befindet sich die Auffahrt zum Altvater (Praděd 1491m), leider auch für Motorräder nur gegen Gebühr und bis zum Parkplatz Ovčárna, 200 Höhenmeter oder 3 Fußkilometer unter dem Gipfel, zulässig. Dazu mit Ampelregelung zu festen Zeiten. Alles zeitaufwendig und ungünstig, wir schauen auf die Uhr und setzen unsere Fahrt durch den hübschen Kurort fort und erreichen Waldenburg (Bělá pod Pradědem) zu bereits fortgeschrittener Stunde.
Was dann kommt wird ein großer und für mich noch unerwarteter Spaß. Thomas kennt die Strecke schon und fährt vor, kann Hubraum und PS mal so richtig spielen lassen.
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Die Auffahrt zum Červenohorské Sedlo (Roter-Berg-Pass 1013m) ist eine Überraschung mit der man so weit im Osten nicht rechnet. Feinster Asphalt, breit ausgebaut und kurvenreich, wenig frequentiert zumindest an diesem Tag und sehr übersichtlich. Da fällt die Beherrschung schwer. Die Beschilderung ist makaber oder spaßig bis einladend. Was zum Bau dieser Strecke in dieser Qualität geführt hat bleibt fraglich. Wirklich nur für die Wintersportler auf der Passhöhe? Alle Zweispurigen machen so höflich Platz, das grenzt schon an Nötigung. Und ab geht's.
Den Rest des Weges zu unserem Chateau will das Grinsen unterm Helm nicht weichen. Das Kulinarische am Abend genießen wir wie an keinem der anderen Tage. Wir finden, daß wir es uns verdient haben.
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Gebratenes oder Geschmortes von Schwein, Rind oder Ente mit leckerer Soße und Knödeln, dazu ein süffiges lokales Bier, das macht die tschechische Küche so begehrenswert.
Mit dem Höhepunkt des Urlaubs verläßt uns auch das Wetterglück. Der Abreisetag beginnt feucht was sich auch nach dem Frühstück nicht ändert. Wir zwängen uns ins Ölzeug und steuern die letzte polnische Tankstelle dieses Urlaubs an. Hatte ich schon erwähnt, daß der Sprit in CZ 20 und in PL bis zu 40 Cent pro Liter günstiger ist? Dann sei das hiermit nachgereicht.
Über den Sudeten hängen die Wolken tief. Ich schaue rüber und frage nach, doch Thomas ist unverwüstlich. So nehmen wir den Weg ins Adlergebirge über die schon bekannte Sudetenstraße und gelangen zu einem Aussichtspunkt ohne Gastronomie mit weiten Blicken über den Glatzer Kessel.
Dort erinnert ein Gedenkstein an einen Reitergeneral, den Großhetman Johann lll Sobieski, einer der besten und erfolgreichsten Feldherren seiner Zeit, der 1683 als Oberbefehlshaber der polnischen und deutschen Husaren in der Schlacht am Kahlenberg Wien vor den Türken rettete. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wir erreichen erneut den Brandpass, zweigen nach Westen ab ins Innere des Adlergebirges und befahren auf Verdacht und intuitiv einige Ortschaften, die halbwegs in Fahrtrichtung Heimat liegen. Der Regen bleibt nieselig, das aber beständig, die Sicht und der Fahrspaß eingeschränkt, die Streckenführung hätte besseres Wetter verdient. In Rokytnice v Orlických horách steuern wir ein Bistro auf einen Kaffee an. Doch Wetter App und -lage ändern sich nicht.
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Ein nächstes Zwischenziel, am Vortag bereits favorisiert, wird auf kurvenreicher Straße ins Visier genommen. Wir werden bei Weitem nicht durchnäßt, doch Spaß macht es auch keinen.
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Beim Halt in Neustadt an der Mettau gönnen wir uns eine Pizza in der historischen Altstadt unter den Laubengängen. In der Nachrecherche erfahre ich daß Nové Město nad Metuji eine der schönsten Renaissancestädte Tschechiens ist und unter Denkmalschutz steht. Reisen bildet: vorher, während und im Nachgang.
Da Wetterbesserung erst kurz vor Sonnenuntergang eintreten soll beschließen wir zu bleiben. Von der Pizzeria aus sehen wir ein gegenüber liegendes Hotel. Na, da kann man doch persönlich anfragen. Volltreffer, so ganz hat uns das Glück doch nicht verlassen. Wie des öfteren zuvor: sehr einfache, abgewohnte Zimmer, jedoch geräumig und sauber und unter Vermeidung von Hotelportalen noch einmal preiswerter als preiswert. Die Motorräder kommen in den abschließbaren Hof auf der Rückseite und das Restaurant mit der Bar ist der Knaller.
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Wir erfahren tollen Service von mehrsprachigen Leuten und haben allen Grund noch einmal wiederzukommen.
Nach ergiebigem Frühstück mit Menüwahl gönnen wir uns an der Elbe die Befahrung des Königreich-Wald Dammes,
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wozu ich keine unnötigen Worte verlieren möchte:
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Da es nunmehr wieder anfängt zu regnen wählen wir schnelle Straßen nach Westen, wo es aufklart. Ein kurzer Aufenthalt in Jičín
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und eine Schleife durch das Böhmische Paradies zur Hrad Kost
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runden den vorletzten Tourtag ab, ehe wir nach einer letzten Übernachtung an der Eger und einem letzten Grenztankstopp bei Sonnenschein wieder in heimische Gefilde gelangen.
Vorher fahren wir eher zufällig an der restaurierten ehemals verfallenen Taufkirche von Maiersgrün vorbei um deren Erhalt sich die Sudetendeutschen nach der Wende aufwendig gekümmert haben wie mehrere Fotos in einem Gedenkraum zeigen.
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Somit schließt sich auch hier ein Kreis. Ergänzend sei noch erwähnt, daß der ursprüngliche Turm auf dem Altvater von so schlechter Qualität gebaut wurde, daß er nur kurz in Betrieb ging und schließlich wegen Baufälligkeit einstürzte. Heute steht ein futuristischer Fernsehturm auf dem Praděd.
Als Fazit dieser einwöchigen Motorradtour läßt sich sagen: wir hätten auch zum 20. oder 30. mal in die Dolomiten oder an den Rhein fahren können. Doch die Entscheidung für die Grenzgebirge von Tschechien zu Polen und Deutschland war genau richtig, ebenso wie der Zeitpunkt in der Nachsaison. Überall trifft man deutsche Geschichte, verfallene schlesische Kirchen, deutsche Inschriften auf Gedenk- und Grabsteinen, sozialistische Industrieruinen. Vor allem aber zahlreiche Schlösser und Burgruinen und herrlich restaurierte Renaissancestädte. Das ganze verbunden durch ein immer besser werdendes Straßennetz. Oft toller Asphalt, gelegentlich nostalgisches Kopsteinpflaster, selten richtig üble Rumpelstrecken. Das Angebot an Fremdenzimmern ist gut und in der Nebensaison kein Problem, das Essen und Bier ist der Hammer, der Service freundlich bis zuvorkommend und herzlich von Menschen, die auf uns natürlich wirkten.
Dazu als Gefährte ein alter Kumpel mit dem man sich versteht bei fast identischen Vorstellungen. In der Planung haben wir einander ergänzt und in der Tourführung abgewechselt, so daß der Streß der Verantwortung für den Vorausfahrer kaum spürbar war. Jederzeit wieder so.
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