Bremsenfunktion und BremsdynamikEs gibt verschiedene Arten von Bremssystemen:Trommelbremse
Scheibenbremse
Verbundsysteme
ABS
Die ABS gebremsten Fahrzeuge möchte ich generell ausklammern, da dies ein "eigenes Kapitel" ist und die fast einzige Kunst darin besteht den ratternden Bremshebels festzuhalten, den Rest macht das ABS!
Somit beschränken sich meine Ausführungen auf die ersten beiden Bremssysteme. Das Verbundsystem wird ebenfalls ausgeklammert, da auch hier das System einige Aufgaben des Fahrers übernimmt.
Zunächst mal zur Dynamik des Motorrades beim Bremsen:
Die Massenträgheit des Motorrades wirkt der Bremswirkung entgegen. Die kinetische Energie des Motorrades muss reduziert, bzw. umgewandelt werden. Die entstehende Wärme beim Bremsen, ist die zuvor vorhandene kinetische Energie des Fahrzeugs! Nur damit man mal eine Vorstellung bekommt, was die Bremse leisten muss, möchte ich eine kleine Rechnung aufstellen:
Ein Motorrad samt Fahrer hat ein angenommenes Gesamtgewicht von 260 kg (Mopped 180 kg + Fahrer 80 kg) und ist mit 70 km/h unterwegs. Sämtliche Widerstände und die Massenträgheit lassen wir der Einfachheit halber mal außen vor!!
Die kinetische Energie berechnet sich aus der halben Masse multipliziert mit der Geschwindigkeit zum Quadrat!!
Somit ergibt sich eine Energie von ca. 49039 Joule! Zum Vergleich nehmen wir eine abgeschossene Pistolenkugel (9mm), die lediglich ca. 800 Joule besitzt!!!
So bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, wie sehr eine Bremse beim Bremsvorgang belastet wird!
Beim Bremsvorgang wandert durch das Einfedern der Gabel und dem somit geänderten Winkel zur Fahrbahn der Schwerpunkt des Motorrades weit nach vorn. Deswegen sind so genannte Stoppies (Fahren auf dem Vorderrad) überhaupt möglich. Der Stoppie erklärt einem anschaulich, welche der beiden Bremsen am Motorrad beim Bremsvorgang wirkungsvoller ist. Die Hinterradbremse kann lediglich den Bremsvorgang unterstützen, obwohl man herausgefunden hat, dass bei heutigen Bremssystemen die optimale „Vollbremsung“ mit leicht erhobenem Hinterrad vollzogen wird. Dieses kann man sehr gut bei BMW Motorrädern mit ABS sehen, die bei einer Vollbremsung das Hinterrad leicht über dem Boden schweben lassen. (Wer es immernoch nicht glaubt, sollte aus einer selbst gesteckten Geschwindigkeit eine Notbremsung mit der vorderen und dann mit der hinteren Bremse durchführen!)
Es besteht jedoch jederzeit die Gefahr des Überbremsens, so dass das Vorderrad blockiert. Da das Vorderrad zu jeder Zeit das „führende“ Rad des Motorrades ist, kann das Blockieren zum Sturz führen, wenn die Bremse nicht rechzeitig wieder gelöst wird, damit das Rad wieder rollt und die benötigten Führungskräfte wieder aufbaut. Bei einer Notbremsung verschenkt das Lösen und erneute Bremsen wertvolle Meter. Schöner ist es, genau an der Grenze zum Blockieren zu bremsen, das ist der perfekte Bremsvorgang. In Schräglage ist die ganze Sache noch difizieler, da das Vorderrad neben dem Bremsen auch noch die Aufgabe der Seitenführung hat, somit stehen für die Bremsung weitaus weniger Reserven zur Verfügung. Es empfiehlt sich also immer, soweit es die Situation zulässt, die Maschine vor dem Bremsen aufzurichten. Ein Reifen kann nur eine Aufgabe verrichten, entweder Seitenführung oder Bremsen, dies sollte man sich einprägen.
Aus diesen Erkenntnissen rate ich dazu, die Vorderradbremse so schnell wie möglich zu beherrschen, denn nur so kann man auch Gefahrensituationen besser einschätzen und sich aus ihnen „herausbuchsieren“. Gerade am Anfang sollte man die Hinterradbremse zunächst völlig außer Acht lassen, um sich daran zu gewöhnen, bei Notfällen die Vorderradbremse zu benutzen. Wichtig hierbei ist die richtige Dosierung. Der Druckpunkt einer Bremse, sollte im Idealfall in der rechten Hand gespeichert sein. Was ist überhaupt der Druckpunkt einer Bremse?
Der Druckpunkt einer Bremse ist der Punkt, wo die Bremsbeläge durch die Bremskolben gegen die Scheibe gepresst werden und die Reibung zwischen Belägen und Scheibe beginnt. Ab diesem Punkt erhöht sich die Kraft zum Ziehen des Bremshebels merklich. Nun kann man mit viel Gefühl in der Hand das Abbremsen des Fahrzeuges exakt steuern, indem man durch Erhöhung der Handkraft auch den Reibwert zwischen Scheibe und Belägen erhöht. Leider ist dies nur die Theorie, denn die entstehende Wärme verändert den Reibwert. Auch die Restwärme nach einem Bremsvorgang kann entscheidenden Einfluss auf das Bremssystem haben. Sehr häufig verschiebt sich der eben beschriebene Druckpunkt. Wenn man sein Bremssystem genauer kennt, hat man allerdings diese Veränderungen ebenfalls in der Hand gespeichert und passt sich dementsprechend an. Dieses passiert ohne großes Nachdenken und kann somit dem Thema „Erfahrungen“ zugeordnet werden. Übrigens gibt es keinen Unterschied zu Trommelbremsen. Im Gegenteil, Trommelbremsen haben durch die geschlossene Bauweise das größere Wärmeproblem!
Aus den zuvor beschriebenen Punkten, sollte man immer auf die richtige Belagstärke und den regelmäßigen Bremsflüssigkeitswechsel achten, um nicht noch mehr Störeinflüsse ins System zu bringen. Abgefahrene Beläge verändern den Reibwert extrem und können im Extremfall die Bremsscheibe/-trommel beschädigen. Die Folge wäre eine abgeschwächte oder gar nicht vorhandene Bremswirkung. Bremsflüssigkeit hat durch die Inhaltsstoffe die Eigenschaft Wasser zu binden. Jegliches Wasser in der Bremsflüssigkeit verändert die Eigenschaften der Flüssigkeit. Unter Umständen wird kein Druck aufgebaut und die Bremswirkung geht gegen null! Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Zusammenpressbarkeit von Materialien. Der schlimmste Fall ist Luft im Bremssystem, da Luft sich sehr gut zusammenpressen lässt, somit der gesamte Druck dafür verwendet wird, die Luft zusammen zu drücken. Der begrenzte Weg des Bremshebels bestimmt dann, ob noch Reibung zwischen Belag und Scheibe aufgebaut wird, oder nicht! Hier hat die Trommelbremse einen leichten Vorteil, da sie durch Seilzüge oder Schubstangen betätigt wird, aber auch diese können reißen, bzw. brechen. Da die Bremse die Lebensversicherung beim Motorradfahren ist, sollte diesen Systemen viel Aufmerksamkeit gewidmet werden.
So viel zunächst zur Theorie, nun zur Praxis:
Bremsübungen auf Sand:
Um zunächst die Dosierung der Bremse zu Üben, empfehle ich die ersten Bremsungen auf Sand durchzuführen, da dort der Untergrund nicht ausreichend Grip zur Verfügung stellt und jede grobmotorische Bedienung des Bremshebels zum Blockieren des Vorderrades führt. Wie bereits vorher beschrieben, ist dies durch Lösen der Bremse leicht wieder einzufangen. Ich rate generell dazu mit moderaten Geschwindigkeiten zu beginnen und diese dann nach und nach zu steigern. Ihr merkt sehr schnell, wie sich eure Motorik von Bremsung zu Bremsung verbessert. Achtet darauf, dass ihr alle Bremsungen mit geradem Motorrad durchführt, also keine Schräglage! Versucht nun euch immer mehr an den perfekten Bremsdruck heranzutasten. Das Vorderrad muss kurz vor dem Blockieren sein, dann ist es genau richtig. Stellt euch selber Aufgaben und verschärft diese dann nach und nach. Geht nicht von festen Werten aus (50km/h -> 7m Bremsweg), sondern steckt euch selbst Ziele. So lernt man seine Maschine und seine Fähigkeiten selber kennen. Besonders Überschätzungen („…das schaffe ich locker!“) werden so sehr oft widerlegt und helfen dann beim richtigen Stecken von Zielen.
Bremsübungen auf Asphalt:
Sobald ihr euch auf rutschigem Untergrund „zu Hause“ fühlt, solltet ihr auf griffigen Untergrund (Asphalt) wechseln. Ihr werdet merken, wie leicht es euch fällt auf diesem Untergrund die Bremse richtig zu bedienen. Hier stellen sich sehr schnell Erfolge ein und man kann seine eigenen Ziele sehr schnell enger stecken! Wichtig ist hierbei, dass ihr ruhig mit höheren Geschwindigkeiten arbeitet. Wenn es das Gelände zulässt, bremst ruhig mal von 100 km/h auf null ab und verkürzt dabei den Bremsweg immer mehr! Mit Erschrecken werdet ihr feststellen, wie sehr sich der Bremsweg verlängert ab ca. 50 km/h. Eine sehr eindrucksvolle Übung ist die, dass man aus 50 km/h eine Notbremsung durchführt und den Anhalteweg markiert (Steine, Kreide oder so). Nun bremst man am gleichen Punkt aus 70 km/h und wird mit Erschrecken feststellen, dass der Anhalteweg fast doppelt so lang ist! Dieses sollte man sich vor Augen führen, wenn man mal wieder mit 70 km/h durch die Stadt saust!!!
Diese Übungen (auch auf Sand) ruhig mehrmals im Jahr wiederholen und sich selber immer difizielere Aufgaben stellen. Auf Asphalt sollte man später auch mal das Bremsen in Schräglage üben (nur für Geübte!)! Brems- oder andere Fahrübungen sollten lediglich abseits des öffentlichen Strassenverkehrs stattfinden!!! Ich übernehme selbstnatürlich keinerlei Verantwortung für Schäden an Mensch und Material!! :roll:
Ich hoffe meine Ausführung hat euch die Bremse und den Bremsvorgang etwas näher gebracht. Diese Ausführungen wurden von mir selbst erarbeitet und stellen lediglich meine Ansicht der Vorgänge dar!!! ![]()
....ein bisschen Bremsen
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Gelöschter Benutzer -
5. Juni 2007 um 21:13
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iss dir langweilig? :lol:
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Zitat von Schrödi
[...] Diese Ausführungen wurden von mir selbst erarbeitet und stellen lediglich meine Ansicht der Vorgänge dar!!!

Vielen Dank für deinen schönen Bericht. Vielleicht sollte man noch erwähnen, das man sich beim Bremsen in Kurven/Schräglage auf das Aufstellen des Motorrades gefasst machen sollte. Dem kann man entgegenwirken, indem man gegen den Lenker auf der Kurveninnenseite drückt. Gruß Worf
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Mit Verlaub eine kleine Korrektur. Du schreibst: "Beim Bremsvorgang wandert durch das Einfedern der Gabel und dem somit geänderten Winkel zur Fahrbahn der Schwerpunkt des Motorrades weit nach vorn." Tatsächlich isses genau umgekehrt: Die Gabel federt durch den sich nach vorn verschiebenden Schwerpunkt ein. Man nennt das auch dynamische Achslastverschiebung. Und eine Lenkkopfwinkeländerung löst erst recht keine Schwerpunktverschiebung aus. :roll: Jürgen
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Moin - was ist das? Der aktuelle Stand der Bremspädagogik? :-? Braking for runaways? :roll: Völlig neue Erkenntnisse: Ein Reifen kann nur eine Aufgabe verrichten, entweder Seitenführung oder Bremsen, dies sollte man sich einprägen. :-O Man gut das ich darauf keine Rücksicht nehme, sonst könnte ich diese Zeilen nicht mehr schreiben. :oops: Bremsübungen auf Sand für Anfänger - Walldorfbremspädagogik? :-? Bin ich wohl zu alt um das zu verstehen.
Nur vorne Bremsen , hinten tut sich nix? Warum sollten sich gerade Unerfahrene etwas angewöhnen, das im Ernstfall
vielleicht nur einen einzigen Meter verschenkt? Gerade der fehlt vielleicht am Ende.
Unverständige Grüße - Heiko 
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Das kann schon Anfängern helfen.....und auch Leuten die nie hart bremsen mussten. Aber entweder gibt es einen Stoppi oder das Rad blockiert aufgrund mangelnden Grips durch Nässe, Dreck, Öl oder sonstige Sachen;-) Beides auf gleicher Strecke gibt es nur wenn man die Bremse so schnell zieht dass für die nötige Bremswirkung nicht genug Druck auf dem Vorderrad ist;-) Gruss beiker
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dynamische Radlastverschiebung, bei Beschleunigung umgekehrt proportional. Lenkkopfwinkel bleibt auch so wie der Rahmen ist, der Nachlauf verkleinert sich durch einfedern der Vorderradgabel. Nix für ungut, Jürgen. LG Udo

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Wooooow :-O :-O :-O - Ich bin nur Banker und Kaufmann und bike gelegentlich ein wenig. Bremsen muß ich ab und zu auch. Ab sofort werde ich dem Event mit sehr viel mehr Ehrfurcht begegnen :roll: Stefan :winke:
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Wer später bremst!! Is länger schnell!
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...mir ist nicht langweilig, das ganze habe ich mal aus reinem Selbstinteresse geschrieben! Die dynamische Radlastverschiebung stimmt natürlich, da habe ich mich falsch ausgedrückt!!! :roll: Zur Führungsfunktion des Vorderrades: Versucht doch mal in Schräglage (>20°) eine Notbremsung durchzuführen, dann merkt ihr, dass das Vorderrad nur EINE Aufgabe erledigen kann!!!!
Deswegen kann man in Schräglage nie voll in die Bremse greifen, sondern kann lediglich den "Restgrip" ausnutzen!! Was ist daran falsch??? :-?
editiert von: Schrödi, 06.06.2007, 08:58 Uhr -
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