Bis vor gut einer Woche freute ich mich auf eine Woche in den Vogesen. Mit 4 Freunden, darunter mein bester Freund Stefan, dem Leser bekannt aus der Irlandgeschichte oder Gurro 2016, mieteten wir ein Haus in La Bresse. Auswahlkriterien für diese Unterkunft war die Lage, die Aussicht, das Vorhandensein von zwei Bade- und drei Schlafzimmern, und die Sauna. Ich selbst bin zwar nicht so der Saunagänger, aber für meine Freunde ist der Saunagang nach dem Wandertag elementar.
Wie aus dem vorhergehenden Satz ersichtlich, sind meine Freunde Wanderer. Auf Schusters Rappen viele Kilometer und Höhenmeter zu erkunden macht meinen Freunden Freude.
Mir hat der Arzt das Wandern verboten. So plante ich viele wunderschöne Moppedkilometer im Kurvenparadies der Vogesen und reiste deshalb auf Spencer zur Unterkunft an. Spencer ist meine feuerwehrrote Tracer 9 GT.
Meine Freunde transportierten sich selbst und jede Menge Gepäck und Proviant in einem Opel Vivaro zum Urlaubsziel. Alibihalber nahmen sie auch meine Wanderstöcke, -Schuhe, meinen Bademantel und mein Saunatuch mit. Es wäre sonst arg viel Gepäck für Spencer geworden. Die Wetteraussichten für die Hinreise sahen gut aus. 25°C und Sonne satt.
In la Bresse hatte ich vor, täglich, auch bei gelegentlichen Regenschauern, meine Runden mit Spencer zu drehen, anschließend mit den heimgekehrten Wandersleuten gemeinsam zu kochen, Wein zu trinken und sich über die Geschehnisse des jeweiligen Tages auszutauschen.
Ankunft war am Samstagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein, anschließend Raumaufteilung und Aperitiv im Sonnenuntergang. Nudeln mit Pesto hatten meine Freunde bereits zu Hause vorbereitet und so mussten wir uns nicht lange mit Kochen aufhalten.
Für Sonntag war eine Wanderung geplant.
Vom Col de la Schlucht sollte der Felsenweg erklommen werden. Stefans Beschreibung, er kannte den Weg bereits, verhieß keine Langeweile. Über schmale Wege, eher Felsentrümmer, man konnte sich stellenweise an der Bergseite an einem minder vertrauenerweckenden Handlauf festhalten, während es auf der anderen Seite nahezu senkrecht etliche Meter abwärts ging, klommen wir voran. Stefans Beschreibung hielt ihr Versprechen. Mir wurde nicht langweilig und dank meines grenzenlosen Vertrauens in die angerosteten Handläufe und die über kurze Abgründe hinweg führenden ebenfalls rostbraunen Blechplatten wich die mir eigene Höhenangst dem Genuss der grandiosen Aussicht über die Schlucht. Geil war`s.
Beinahe geil.
Nach zwei Drittel der Strecke, lt. Wanderführer waren 10 Streckenkilometer inklusive der Überwindung von 500 Höhenmetern zu überwinden, war ich überzeugt, dass der Wanderführer jeweils eine Null in seiner Beschreibung verschwiegen hat. Meine Knie, Bestandteile meines absolut untrainierten Körpers, meldeten Protest an. Zusätzlich zog sich der Himmel zu und Regentropfen in Verbindung mit einem Temperatursturz um mindestens 10°C vertrieben die Lust am Wandern und blockierten den Blick auf die immer noch ansehnliche Landschaft.
Meiner sich wiederholenden Frage, wann wir endlich ankommen, wich Stefan mehr oder weniger geschickt aus. Er hat so eine neumodische Watch, also eine Uhr, die außer der Zeit auch noch Wanderkarte, Pulsschlag, Schrittzahl und Atemfrequenz anzeigt. Stefan wusste immer wo wir waren und wie weit das Ziel noch entfernt lag. Hätte seine Hightec-Uhr meinen Puls und meine Atemfrequenz in Verbindung mit dem Sauerstoffgehalt in meinem Blut gemessen, wäre sicher sofort ein Rettungshubschrauber über den integrierten Notruf angefordert worden. Hinzu kam ein Galway-Syndrom (nachzulesen im Irlandbericht), dafür gab es glücklicherweise das ein oder andere Gebüsch am Hang.
Dankenswerterweise blieb fast immer einer meiner Freunde in Sichtweite vor mir, sodass mir ein Ende à la Hänsel und Gretel erspart blieb. Am Ende der Tour, meine Knie schrien vor Schmerz, erwarteten meine Freunde mich am Parkplatz, wo Stefan mir eine Belohnungszigarette anzündete und meine Heldenhaftigkeit lobte. Nie wieder geh ich mit diesen Menschen wandern..., aber das hab ich mir schon vor zwei Jahren in Österreich nach ähnlichen Erfahrungen geschworen und mir damals extra Wanderstöcke angeschafft. Ohne meine Wanderstöcke hätte ich nicht die Hälfte der Strecke geschafft. Den diesjährigen Schwur halte ich länger. Versprochen! Nie wieder!
Angekommen in unserem Haus frönten meine Freunde der heißen Sauna, während ich meine Knie mit einer Flasche Wein tröstete. Nach dem Abendessen waren alle müde und gingen schlafen. Ganz so hardcore wie meine Freunde erscheinen, sind sie wohl doch nicht.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen zogen diese Wahnsinnigen wieder los. Wandern. Zu Fuß. Keiner versuchte mich zu überreden mitzukommen. Sie freuten sich wohl auf eine Tour ohne jammernden Bremsklotz. Ich hab es ihnen gegönnt.
Von meinem Sofa aus, bei spannender Lektüre fiel mein Blick zwischendurch durch das Panoramafenster auf die Regentropfen, die sich von oben unaufhörlich ihren Weg zu Boden bahnten. Am Nachmittag kehrten sie zurück. Durchgefroren, durchnässt, aber strahlend kehrten sie zurück. Sie sind wahnsinnig. Kein Zweifel.
Nach dem obligatorischen Saunagang, dem ich mich tapfer für sieben bis acht Minuten anschloss, ohne dass der Notarzt gerufen werden musste, bereiteten wir ein schmackhaftes vegetarisches Abendmahl zu. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Schmackhaft und vegetarisch. Aber das geht. Fast eine Woche lang gab es kein Fleisch auf dem Tisch. Abgesehen von einer Scheibe Speck im morgendlichen Rührei. Zumindest an einem Morgen.
Es gibt tatsächlich Gerichte, bei denen Fleisch nicht vermisst wird, wenn es fehlt. Weil es fehlt nicht. Das Fleisch. Zum Glück war die Küche nicht vegan. Käse und Eier gehörten zur Speisekarte.
Für den nächsten Tag hatte ich eine hübsche Moppedtour ausbaldowert. Einhundertachzig Kurvenparadieskilometer sollten vor mir liegen. Der Blick aus dem Fenster beim Frühstück und die Temperatur bei der Nachfrühstückszigarette vor der Haustür rieten mir, auf dem Sofa zu bleiben. Ich hatte einfach keine Lust bei Regen, nassem Asphalt und Temperaturen um die 10°C mich in die Mopped- und Regenkombi zu zwängen und so zu tun als würde das Spaß machen.
Genau so verging Tag 3, Tag 4 und Tag 5. Die Abende waren immer sehr gesellig, unterhaltsam und harmonisch. Das Essen und der Wein waren lecker und weil ich den Ofen tüchtig anfeuerte, war es auch warm im Innern des Hauses. Aber das Wetter war einfach nicht für mich gemacht. Oder andersrum. Ich war für dieses Wetter nicht gemacht.
Meine Freunde genossen täglich mehr oder weniger ihre Fußwanderungen, die dank tauglicher Regenkleidung für sie nicht allzu schlimm waren. Meine Knie erinnerten mich täglich an das Verbot meines Arztes zu wandern. Zu Fuß zu wandern.
Am Vorabend des 6. Tages verkündete ich meinen Entschluss, einen Tag früher als geplant, die Heimreise anzutreten. Meine Freunde verstanden mich und meinen Entschluss. Das Schöne ist, wenn ich mit diesen beiden Pärchen unterwegs bin, es gibt keinen Gruppenzwang. Jeder kann seinen Tag nach seinem Gusto gestalten. Ihre Wanderungen haben sie nicht immer gemeinsam über die ganze geplante Strecke gemacht. Wenn einem oder zweien der Sinn nach Verkürzung oder Verlängerung der Wanderung stand, war das nie Diskussionsthema. Das abendliche Kochen und Essen haben wir immer gemeinsam genossen.
So schlüpfte ich am letzten Freitagmorgen in meine lange Angoraunterhose, die Moppedkombi und zwängte anschließend noch Regenjacke und Hose darüber. Nach herzlichen Abschiedsumarmungen, dem gegenseitigen Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen und dem Überstülpen von Mütze, Helm und Handschuhen, schwang ich mich auf Spencer und rollte bei 9°C und Nieselregen dem Tal entgegen. Meine Wehmut, liebe Menschen zurückzulassen, wich zunehmend, als nach wenigen Kilometern im oberen Moseltal der Himmel aufriss, die Sonne sich zeigte und die ersten trockenen Asphaltstellen unter Spencers Reifen erschienen. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht wie malerisch der Verlauf der oberen Mosel mit ihren Stromschnellen zwischen Bergen, Wiesen, Wäldern und Weiden ist. Irgendwann werde ich hier mit dem Kajak paddeln.
Kühl war es immer noch, aber trocken. Zumindest zwischendurch. Hin und wieder erwischte uns eine kräftige Schauer bis Luxemburg und Eifel. Doch die letzte Stunde bis nach Hause fuhr ich ohne Regenjacke und die Winterhandschuhe wichen den Übergangshandschuhen bei Hochacht.
Nach gut sechsstündiger Fahrt für rund 450 KM, na gut, es waren einige Autobahnkilometer dabei, kam ich heil, trocken und bei 18°C zu Hause an. Die Angoraunterhose wollte ich zur Vermeidung einer Anzeige wegen öffentlicher Belustigung unterwegs nicht ausziehen.
Zum Schluss das unausweichliche Fazit:
Es war ein wunderschöner Urlaub mit vier liebenswerten Menschen, die alle meine Freunde sind. Die Kosten wurden gerecht durch fünf geteilt und es gab keine Diskussionen darüber, ob der einzelne mehr oder weniger gegessen oder getrunken hatte. Dass das Wetter nicht so mitspielte war nebensächlich. Vor meinem ersten Urlaub mit den vier Freunden vor zwei Jahren in Österreich hatte ich Bedenken, dass sie mich als fünftes Rad am Wagen empfinden oder dass ich mich als fünftes Rad fühle. Dem war und ist nicht so. Es war einfach nur gut.
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