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Ahrtal

  • DvdW
  • 24. Oktober 2022 um 01:35
  • DvdW
    Gast
    • 24. Oktober 2022 um 01:35
    • #1

    Durch einige Beiträge in der "Shoutbox" zum Thema Ahrtal fiel mir wieder meine Eifeltour vom 07.10.2022 ein.

    Da auch ich gelesen hatte, dass man trotz der Katastrophe diese Region besuchen soll und jeder Gast gerne gesehen ist, habe ich diese Strecke für meinen Rückweg vom Nürburgring gewählt.

    Ich kann auch nur sagen, dass mich nach all der Zeit der Zustand dort erschüttert und betroffen gemacht hat. :(

    Ich verlinke hier mal ein Video meiner Tour:

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    Ich hoffe der Link ist erlaubt, sonst bitte löschen.

    Ich möchte dass niemand die Aufnahmen falsch versteht. Das würde mir leid tuen.

    Aber nicht jeder hat die Möglichkeit "mal eben" dort hinzufahren und sich ein eigenes Bild zu machen.

    Ich wünsche den Bewohnern des Ahrtals auf jeden Fall weiterhin viel Kraft und Ausdauer :!:

  • sualkbn
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    • 24. Oktober 2022 um 08:50
    • #2

    Leider wirkt es an manchen Stellen in der Realität noch viel schlimmer als im Video. Insbesondere Altenahr ist noch sehr übel dran. Aber man merkt insgesamt schon, dass das Leben zurück kehrt. Wenn das Restaurant kaputt ist, steht halt ein Verkaufsbüdchen davor. Und da geht es durchaus fröhlich zu! Bewundernswert der Wille, mit dem sich die Menschen dort über die Katastrophe hinwegsetzen. Deshalb: Fahrt hin, besucht die Eis-, Wein-, Würstchen-Buden oder die schon wieder geöffneten Restaurants. Das bringt Geld in die Region und die Leute sehen, dass sie nicht vergessen sind.

    Übrigens: nur ein paar Meter die Hänge hoch, z.B. auf dem Rotweinwanderweg oder in einer der vielen bewirtscahfteten Berghütten in man fernab der Zerstörungen in einer wunderschönen Landschaft. Wandert einmal dort hin und genießt einen Schluck Ahrrotwein. Auch das bringt Geld und damit das Leben zurück ins Tal

  • DvdW
    Gast
    • 24. Oktober 2022 um 17:04
    • #3

    Durch den Eintrag in "Ähnliche Themen" hier unten auf der Seite bin ich auf den Beitrag von "Anuk" vom 04.07.22 aufmerksam geworden.

    In ihrem ersten Video vom 15.05.2022 sind einige Strecken, die ich jetzt am 07.10.2022 auch gefahren bin, zu sehen.

    Zum Teil kann man "vergleichen" was sich in den letzten 5 Monaten getan hat.

    Besonders ist mir aufgefallen, dass viele Straßen wieder hergestellt bzw. erneuert oder verlegt wurden.

    Über Schotter bin ich eigentlich kaum gefahren.

    Bei den Gebäuden sehe ich leider nicht so viele Veränderungen.

  • Rick
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    • 24. Oktober 2022 um 20:15
    • #4

    Das in der Shoutbox gestern war wohl ich.

    Bin gestern zum ersten mal seit längerer Zeit mit dem Mopped von Ahrweiler hoch bis Altenahr gefahren. Hab mich vorher nicht getraut...

    Oberhalb von Altenahr war ich im Frühjahr schon unterwegs.

    Letztes Jahr am 15. Juli bekam ich eine Whatsapp-Nachricht von meinem Freund Jürgen aus Ahrweiler. Der Text lautete: "Wir sind abgesoffen". Ich war gerade in der Pfalz unterwegs, hatte auch von dem Starkregen gehört und dachte, okay, Jogi, so nenne ich ihn seit Kindergartentagen, übertreibt. Er wohnt Luftlinie ca 250 Meter von der Ahr weg und sicher sind ein paar Schlucke Ahrwasser in seinem Keller gelandet. Dachte ich.

    Dann schickte er mir ein Foto von dem Bach, der sein Haus bis zum ersten Stock umspülte. Ich nenne die Ahr "Bach" wie ich jeden Fluss "Bach" nenne, den ich schon mal gepaddelt bin.

    Dieses Monstrum, dieses braune, schäumende, gurgelnde und wirbelnde Monstrum, das ich auf dem Foto sah, hatte nichts mehr mit dem lieblichen Gewässer, das ich kannte, gemein. Ich versuchte noch am selben Tag zu ihm und seiner Lebensgefährtin zu gelangen. Aber es bestand keine Chance. Sämtliche Zufahrtsstraßen waren dicht. An dem Freitag dann, also am 16. Juli hatte ich es geschafft und mir entgleisten sämtliche Gesichtszüge auf dem Weg zu ihm. Mein Auto parkte ich außerhalb der Flutzone und machte mich in Badesandalen auf den Weg. Gummistiefel hatte ich keine dabei. Das Wasser war größtenteils abgelaufen, aber der Schlamm lag mehr als knöchelhoch auf den Straßen und Wegen. Ich sah Autos, die zu dritt oder viert übereinander gestapelt waren. Bei dem einen Stapel wunderte ich mich, dass er so schief wirkte. Unter dem untersten Auto lag ein Motorrad. Eine BMW. Welches Modell konnte ich nicht erkennen.

    Die Menschen, an denen ich vorbei kam, wirkten einerseits wie paralysiert, andererseits waren sie stoisch mit Schaufeln und Besen und Schubkarren mit schaufeln und kehren und wegfahren von Schlamm und Hausrat beschäftigt. Flüchtlinge, damals noch nicht aus der Ukraine, sondern aus Syrien und Nordafrika kamen in die Häuser und packten ungefragt mit an. Sie halfen einfach. Ohne Bezahlung.

    Wir haben dann angefangen das Erdgeschoss von Jogis Haus vom Schlamm zu befreien. Im Keller war noch nichts zu machen. Da stand noch Schulter hoch die Brühe drin. Irgendwann am Abend, wir waren alle erschöpft, machte ich mich auf den Heimweg. Jogi und Astrid sind bei Astrids Sohn, der außerhalb der Flutzone wohnt, unter gekommen. Ich wohne in der Nähe von Bonn. An dem Abend suchte ich noch sämtliche Baumärkte in meiner Gegend auf, um an elektrische Pumpen und einen Stromgenerator zu gelangen. Gummistiefel für Jogi und seine Helfer standen auch auf meiner Einkaufsliste. Bis auf 3 Paar Stiefel und 2 Schaufeln habe ich nichts mehr bekommen. Später saß ich in meiner Küche, hatte die Glotze an, trank ein Bier und auf einmal fing ich an zu heulen. Aus dem nichts heraus. Einfach so.

    Samstagfrüh fuhr ich wieder hin. Mittlerweile war es heiß. Die Sonne brannte und der Schlamm verströmte einen Geruch nach Abwasser, Fäkalien, Heizöl, Chemikalien und Tod. Ich bin Metzgers Sohn und ich weiß wie totes Fleisch riecht, wenn es nicht mehr genießbar ist.

    Wir schaufelten einfach weiter.

    Irgendwann am Nachmittag ging ich in den Garten, der keiner mehr war und rauchte eine Selbstgedrehte. Aus einem Gebüsch auf dem Nachbargrundstück schauten ein paar schlammverkrustete Füße. Ich dachte an eine Schaufensterpuppe.

    Es war keine...

    Eine Feuerwehrfrau kam vorbei und warnte uns davor den Keller zu betreten. Nicht wegen akuter Gefahr für denjenigen, der den Keller betritt, aber es könnten menschliche Körper dort unten sein.

    In Jogis Keller waren keine menschlichen Körper. Drei Abende zuvor, als die Feuerwehr mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen fuhr und vor dem Wasser warnte, ist Astrid in den Keller gegangen, um Werkzeug und Vorräte zu retten. Jogi, nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs, brüllte seiner Astrid, die auch noch schwerhörig ist, von der Kellertreppe aus zu, SOFORT nach oben zu kommen. In dem Moment, als Astrid auf der Kellertreppe war, brach das Kellerfenster vom Wasserdruck. Sie hat es nach oben geschafft. Rechtzeitig. Andere in der Nachbarschaft haben es nicht geschafft.

    So hab ich dann noch ein paar Tage in Ahrweiler verbracht. Mein Arbeitgeber gab mir frei.

    Um wieder auf das Eingangsthema zurückzukommen. Gestern hab ich Jogi besucht. Nicht zum ersten mal seit dem Hochwasser. Er ist seit einiger Zeit in Behandlung. Diagnose: Depression.

    Sein Erdgeschoss ist immer noch Baustelle, aber es geht voran. Nachdem wir seine Steuererklärung fertig hatten, gab es noch ein leckeres Mittagessen, das seine Lebensgefährtin gekocht hatte. Auf einem Zwei-Platten-Herd in der immer noch provisorischen Küche im ersten Obergeschoss. Der Abluss in dieser Küche ist immer noch verstopft und zum Abschütten der Kartoffeln ging Astrid quer über den Flur ins Badezimmer. Wie seit mehr als einem Jahr, wenn sie etwas abschütten muss.

    Ich war mit dem Moppped unterwegs und bin anschließend Ahr aufwärts gefahren. Die Bilder von Juli 2021 habe ich noch im Kopf. Verglichen damit hat sich viel getan in den Städten und Gemeinden entlang der Ahr. Die Straßen sind größtenteils befahrbar, wenn auch mit Baustellenampeln bestückt, da Teilstrecken nur einspurig befahrbar sind. Die Natur, die Weinberge in Ahrnähe scheinen sich erholt zu haben. Alles ist grün und die Weinstöcke sind abgeerntet. Viele Häuser, an denen ich früher vorbei gefahren bin, existieren einfach nicht mehr. Bei anderen Häusern, die noch stehen, sind die Erdgeschosse immer noch mit Sperrholzplatten verrammelt. In wieder anderen Häusern pulsiert das Leben.

    Ein weiteres Bild, das ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde, ist die Spur, die dieses Ahrmonster in die Landschaft gegraben hat. Stellt euch eine Gesellschaft von Riesen vor. Riesen, die ein Kegelspiel spielen. Jede Kegelkugel hat einen Durchmesser von 50 Metern und wird mit Wucht talwärts gerollt. Und es spielten viele Riesen mit solchen Kugeln am 14. Juli 2021. So sieht das Ahrtal aus. Immer noch.

    Wanderer waren gestern zu Hauf unterwegs und bei den Gastronomen, die geöffnet hatten, waren alle Außentische besetzt. Abgesoffene Gastwirte, deren Häuser noch nicht betriebsbereit sind, haben Imbiss-, Burger und Weinwagen vor die Tür gestellt. Für das leibliche Wohl der Besucher im Ahrtal wird gesorgt. Es klingt vielleicht makaber, aber fahrt hin, schaut es euch an und lasst den ein oder anderen Euro in der Region. Es ist nicht nur die Kohle, die dabei zählt. Ihr helft den Einheimischen dabei, wieder nach vorne zu schauen.

  • sualkbn
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    • 24. Oktober 2022 um 21:02
    • #5
    Zitat von Rick

    am 15. Juli bekam ich eine Whatsapp-Nachricht von meinem Freund Jürgen aus Ahrweiler.

    Tja, ich bekam an dem Tag auch eine Nachricht von meinem Jürgen. Bei mir heißt er auch seit Kindheitstagen Jogi. Und beim Paddeln sind wir beide im Hochwasser am Pützfelder Wehr an einem 1. Januar auch schon mal übel gekentert und fast ertrunken. Aber es ist nicht der gleiche Jogi, denn meiner wohnt in Altenahr etwas oberhalb der Gefahrenzone. Es ist genauso, wie du es beschreibst. Die Ahr kann ein Monster sein. Und die Leute dort verlieren dennoch nicht ihren Lebensmut. Sie schauen nach vorne und tuen alles um ihre Heimat wieder aufzubauen

  • MikeAT98
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    • 25. Oktober 2022 um 17:53
    • #6

    Moin, wie schaut es da generell aus?

    Kommt man "nur" nicht so schnell voran wie geplant oder fehlt immer noch Hilfe?

    Dann sollte man nochmal unsere Regierung mit einer Aktion daran erinnern....

    Die werden sonst alle Energie, all unser Steuergeld und den demnächst neuen Ukraine-Soli in den Wiederaufbau der Ukraine stecken und Deutschland weiter links liegen lassen.

  • sualkbn
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    • 25. Oktober 2022 um 22:04
    • #7
    Zitat von MikeAT98

    Kommt man "nur" nicht so schnell voran wie geplant oder fehlt immer noch Hilfe?

    schwer zu sagen. Gefühlt würde ich sagen, dass die in NRW gelegenen Teile schneller vorangekommen sind. Vielleicht waren die Zerstörungen auch nicht ganz so schlimm. Dazu kommt, dass Baumaßnahmen natürlich auch genehmigt werden müssen und der Amtsschimmel in Verbindung mit Corona sicherlich nicht zu Beschleunigung beigetragen hat. Ich denke, ein wenig mehr Entscheidungsmut hätte gut getan, aber man muss auch berücksichtigen, dass die normale Verwaltung personell nicht auf eine solche Situation eingestellt war. In Ahrweiler wurde aus diesem Grunde Ende letzten Jahres ein eigene Wiederaufbaugesellschaft gegründet, aber auch diese musste natürlich erst einmal Personal einstellen und die Anforderungen in den Griff bekommen. Und dann gibt es noch das Problem, dass fast alle Handwerker dicht sind.

    Also alles in allem: Es geht dort aktuell nicht nur um Geld, aber mit Sicherheit spielt es eine bedeutende Rolle. Gefühlt ist nicht unbedingt die Geldmenge problematisch, sondern deren Verteilung und ihr effektiver Einsatz.

  • Rick
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    • 26. Oktober 2022 um 20:02
    • #8
    Zitat von MikeAT98

    Die werden sonst alle Energie, all unser Steuergeld und den demnächst neuen Ukraine-Soli in den Wiederaufbau der Ukraine stecken und Deutschland weiter links liegen lassen.

    Das Geld für den Wiederaufbau der Flutgebiete ist da und wird auch dafür ausgegeben. Problematisch für viele Betroffene sind die bürokratischen Hürden, die zu überwinden sind. Nicht jeder von ihnen ist in der Lage, all die notwendigen Formulare online oder analog auszufüllen.

    Und wie Klaus schon andeutete, diese Flut war ein Naturereignis, eine Katastrophe, auf die keiner, weder die Bevölkerung, noch die Behörden, die ja auch aus Menschen dieser Bevölkerung bestehen, vorbereitet war.

    Das Geld, das von Deutschland aus in Krisengebiete fließt, die von anderen Katastrophen heimgesucht werden, fehlt hier niemandem.

    Es sind nicht die Ukrainer oder die Jemeniten oder Syrer oder Flüchtlinge aus welchem Land auch immer, die deutschen Bedürftigen Geld wegnehmen. Das wird zwar gerne propagiert, aber wer genauer hinschaut, entdeckt die Hintergründe.

    Meiner unmaßgeblichen Meinung nach muss allen Menschen geholfen werden, die Hilfe nötig haben. Unabhängig von ihrer Nationalität.

    Da, wo das größte Feuer brennt, das Leben gefährdet, da muss die Feuerwehr zuerst hin. Es ist tatsächlich tragisch, dass zur Zeit weltweit mehr Feuer brennen, als Feuerwehr zum löschen da ist.

    Doch wir, also jeder oder jede einzelne hier im Forum, können dazu beitragen, die Feuerwehr zu unterstützen.

    Ich weiß nicht, mit welcher Aktion Du, MikeAT98, unsere Regierung an was auch immer erinnern willst.

    So richtig geil wäre eine Aktion, die alle Regierungen dieser Welt daran erinnert, dass sie Verantwortung tragen für die Menschen dieser Welt.

    Ein Teil dieser Menschen haben ihre Regierung demokratisch gewählt. Ein anderer Teil weiß gar nicht was Demokratie ist. Aber das triftet jetzt zu sehr ins Politische ab.

    Lasst uns helfen wo wir können und nicht auf die schauen, die das nicht tun. Wer sich nach unten orientiert, wächst nicht.

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