Heute Mittag war ich mit meinem Sohn in Bad Neuenahr verabredet. Gegen 14:00h parkte ich Spencer, für alle, die es bis jetzt nicht wussten, Spencer ist meine feuerwehrrote Tracer 9GT, auf dem Seitenständer vor seinem Haus.
Den Helm deponierte ich in seiner Wohnung und wir machten uns auf in das Innenstädtchen, um einen Imbiss zu uns zu nehmen und uns zu unterhalten. Im Weggehen bewunderte er noch Spencer und meinte, das sei ein geiles Gerät. Ich registrierte den silbernen BMW, der vor Spencer parkte. Das Nummernschild mit 7777 am Ende prägte sich in mein Gedächtnis. Warum? Keine Ahnung, ich hatte die Vision von einem rückwärts ausparkenden Auto, das möglicherweise Spencer übersehen könnte...
Frohen Mutes marschierten wir zum Biergarten vom örtlichen Brauhaus, genossen das Mittagsgericht und setzten uns anschließend auf eine Bank am Ahrufer. um bei einem alkoholfreien Radler weitere Erlebnisse auszutauschen. Auf dem Rückweg, wir waren noch gut hundert Meter entfernt, registrierte mein Blick von weitem, dass Spencer auf dem Hauptständer stand. Ich war mir sicher, ihn auf dem Seitenständer abgestellt zu haben. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als wir uns dem Standplatz näherten. Warum sollte jemand ein Motorrad, das stabil auf dem Seitenständer geparkt war, auf den Hauptständer wuchten?
Neben Spencer angekommen, entdeckte ich Kratzspuren am linken Kofferhalter. Auch die Kratzer am linken Motordeckel waren vorher nicht da. Mit Erschrecken offenbarte sich meinem Blick der Kratzer und der Riss in der linken Tankverkleidung und auch der Handschützer war vorher heil. Genau wie der Kupplungshebel, der vor dem Parkieren einen Knubbel am Ende aufwies, war nicht mehr im Originalzustand. Der Kupplungshebelknubbel und ein großer Teil des Seitenständers lagen auf dem Fahrersitz. Scheiße, wenn Visionen Wahrheit werden.
Vor meinem inneren Auge spielte sich ein Film ab. Der BMW-Fahrer stieg in sein Auto, ließ es nach rückwärts rollen und stieß dabei gegen Spencer, dessen Masse und Standfestigkeit der Kollision nichts entgegenzusetzen hatte. Mein Sohn sprach das Wort für diese stinkende braune Masse, das unaufhörlich durch meine Hirnwindungen raste, mehrfach laut aus. Seine Aussage laut bestätigend, entdeckte ich die Ecke eines kleinen weißen Zettels, die unter dem Seitenständer herauslugte. Darauf standen in schwer zu entziffernden Buchstaben die Worte: „Ich bitte um Verzeihung ruf mich an“. Auf der Rückseite stand eine Handynummer, welche ich sofort anrief. Auf mein „Hallo“ antwortete eine Stimme in leicht gebrochenen Deutsch „Sind Sie der mit dem Motorrad?“
„Genau!“ sagte ich. Okay, ich geben die Konversation jetzt nicht wörtlich wieder. Wir einigten uns nach einem erfolgreichen Startversuch von Spencers Motor darauf, dass mich der Umsturzverursacher bei mir zu Hause aufsucht. Er war eh grade in Bonn. Ich schickte ihm meine Adresse über whatsäpp, zog mir Helm und Handschuhe nach einer herzlichen Abschiedsumarmung mit meinem Sohn an und stieg auf Spencer. Ich wollte in gewohnter Manier aufsteigen. Gewöhnt bin ich es, wenn Spencer auf dem Seitenständer steht, mein hüftgeschädigtes rechtes Bein mehr oder weniger elegant, eher weniger, über den Sitz zu schwingen und wenn mein rechtes Bein fast Bodenkontakt hat, ihn ins Gleichgewicht zu wuchten und dann den Seitenständer einzuklappen.
Das ging auf einmal nicht mehr. Der untere Teil des Seitenständers war mittlerweile auf dem Rücksitz verzurrt und hatte keinerlei Bodenkontakt. Leicht beschämt bat ich meinen Sohn sich auf die rechte Seite zu stellen und Spencer im Falle des Falles am Umkippen zu hindern. Irgendwie gelang mir der Aufstieg und mit einem Winken nach hinten fuhr ich vorsichtig nach Hause.
Bei der Fahrt gab es keine Auffälligkeiten. Der Lenker fühlte sich grade an und bei kurzzeitigem freihändig fahren hielt Spencer die Spur.
Zu Hause angekommen, hielt ich neben der Sitzbank unter meinem Vordach, lehnte ihn dagegen und stieg ohne weiteren Umfaller ab. Mittlerweile nass geschwitzt zog ich mich erst mal um und bat meinen Nachbarn darum, als Zeuge zu fungieren, wenn der Umfallverursacher tatsächlich aufkreuzt. Leichte Zweifel bemächtigten sich meiner ob der Redlichkeit des Mannes. Gleichzeitig zollte ich ihm Respekt, dass er den Zettel da gelassen und sich am Telefon mehrfach entschuldigt hat. Mit gemischten Gefühlen erwartete ich sein Erscheinen, das nach einigen Telefonaten, weil er meine Adresse nicht gleich fand, auch erfolgte.
Langer Rede kurzer Sinn, er kam mit dem Auto, dessen Nummer ich mir rudimentär gemerkt hatte, stieg aus und versicherte mir gleich, dass es ihm sehr leid tue, gerade das Motorrad umgeschmissen zu haben, das sein Favorit ist. Er will sich auch eine Tracer kaufen.
Was soll ich noch schreiben. Er nannte mir seine Versicherung, ich sagte ihm, dass ich auf jeden Fall den Schaden von einer Fachwerkstatt prüfen und beheben lassen will und seine Frage, ob wir das irgendwie persönlich regeln können, erledigte sich mit dem Schätzpreis für die anstehende Reparatur. Mein Nachbar, ein begnadeter KFZ-Ingenieur, der seit dreißig Jahren auch an Motorrädern schraubt, nannte sofort einen vierstelligen Betrag. Mindestens 1500, vielleicht gar 2000 Euro stehen zu Debatte.
Meine Befürchtung, an einem über Pfingsten statt findenden Motorradtreffen nicht teilnehmen zu können, verflüchtigt sich zunehmend. Der Seitenständer ist bestellt und wird bis Ende nächster Woche geliefert und montiert. Wenn die anderen Teile bis Juni nicht montiert werden können, fahre ich trotzdem, sofern keine gravierenden Schäden in der Werkstatt festgestellt werden.
Mein persönliches Fazit:
1.: Ich muss unbedingt üben, auf Spencer mit ausgeklapptem Hauptständer aufzusteigen und mich dann nach vorne zu wuchten, obwohl beide Füße in der Luft zappeln. Menschen mit langen Beinen kennen diese Herausforderung nicht. Notfalls wird Saskia mir helfen. Hat sie versprochen.
2.: Ich muss einen Blick entwickeln, wo ich notfalls ohne Seitenständer absteigen kann. Entweder eine Hauswand oder einen anderen Gegenstand zum Anlehnen oder zu lernen, Spencer im Gleichgewicht zu halten, während nur die linke Fußspitze Bodenkontakt hat.
3.: Ich muss akzeptieren, dass ich keine zwanzig mehr bin. Ein Alter, in dem ich mir keine solche Gedanken machen musste.
4.: Ich habe die hoffentlich berechtigte Hoffnung, dass der Schaden von der gegnerischen Versicherung geregelt wird, obwohl mir der Umschmeisser nur einen Flüchtlingsausweis mit Duldungsstempel vorlegen konnte. Er hatte weder Fahrzeug- noch Führerschein dabei. Ein Anruf beim Zentralruf der deutschen Autoversicherer ergab schon mal, dass das Fahrzeug bei der von ihm genannten Versicherung gemeldet ist und auf meine Online-Schadensmeldung bei der Versicherung erhielt ich eine Schadensnummer per Mail.
5.: Spencer ist Vollkasko versichert, falls Punkt 4 nicht greift.
6.: Wenn Punkt 5 eintritt, werde ich meinen Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren.
7.: Hauptsache es kostet nur Geld und niemand wurde verletzt.